170 nes Gefühl, das wie ein himmlischer Ton in silber= ner Saite in seinem vom Dienst verhärteten Her= zen unter dem festen Tuch der Dienstjacke schlum= merte, brach in ihm auf. Er dachte daran, wie er als Dreizehnjähriger am Dreikönigstag als Stern» bub durchs Dorf gezogen war, singend und heim» lieh mit den Münzen klimpernd, die ihn sein hohes Amt eingebracht hatte. Es war eine frohe Zeit gewesen, voll Glück und Glanz, und es war, als strahle sie noch heute einen goldenen Schimmer in diese Nacht. So etwas wie Sehnsucht brach in ihm auf nach jenen Tagen der unbeschwerten Kindheit, da noch kein starres Beamtengewissen seine wei» chen menschlichen Gefühle eingepreßt hatte. Er seufzte und ließ den Blick verloren durch den glitzernden Wald schweifen. Soeben stieg der Mond hinter den Einsiedler=Köpfen herauf und warf sein silbernes Licht über Bäume, Büsche und Pfade, daß sie wie verzaubert aussahen in ihrer weißen Pracht. Die Dreikönigsnacht! Der Grenzwächter Philipp begann mit offenen Augen zu träumen, und wie aus weiter Ferne, ge» spenstig fast anmutend, vernahm er plötzlich ein Flüstern, ein geheimnisvolles Knacken von Ästen, ein gedämpftes Schreiten und Klirren, aber ihn dünkte, es müsse so sein, und es gehöre zu den heimlichen Wundern der Dreikönigsnacht. Aber was war das? Schien sie sich ihm wirklich offen» baren zu wollen mit all ihrem Zauber? Oder narr» ten ihn seine Sinne? Schritten dort nicht drei Männer, in weiße Gewänder gehüllt, hohe Mützen auf den gesenkten Häuptern, mit Stäben bewehrt. Und trug nicht der vordere einen Stern, der wun» dersam im Mondlicht flimmerte? Die Heiligen Drei Könige! Der vordere, der Sternträger, hatte ihn erspäht, so schien ihm. Da plötzlich hub ein Singen an, das seltsam feierlich ins weiße Dämmer klang. Die Männer sangen das Dreikönigslied. Der Zöllner strich sich über die Stirne, als wolle er einen Traum fortscheuchen. „Die drei Heiligen" bogen seitlich in einen schmalen Pfad ein. Er ließ sie ziehen, trotz der prall gefüllten Taschen ihrer weißen Mäntel. Es war ja Dreikönigstag. Als hätte er die seltsamen Wanderer nicht gesehen, schritt er lang» sam den Pfad zurück, und ihm war just, als habe er heute sein Sternbubenglück zurückgewonnen, und als wäre er gar wieder ein Sternträger wie vor dreißig Jahren. Indes wartete Marie mit dem Kind auf ihren Franz in der warmen Stube bei der Großmutter auf dem Eichelscheiderhof. Sie war bald rot, bald bleich im Gesicht, und ihr Herz, das törichte Ding, schwankte immerfort zwischen Zweifel und Hoffnung. Das Kind auf dem Schoße, saß sie am Fenster und horchte hinaus. Tritte knirschten ab und zu im Schnee und verhallten leise in der Nacht. Ein sanf» ter Wind harfte in den Bäumen vor dem Haus. Sonst hörte man nichts. Das Kind auf ihrem Schoß schlief den sorglos leichten Säuglingsschlaf. Maries Augen lasen in dem putzigen Gesichtchen, und ihr schien, es stehe viel darin von Franz ge» schrieben. Sie fand, daß es ein hübsches Kind sei, an dem Franz seine helle Freude haben würde. Sie fuhr zusammen, als jetzt acht metallene Schläge der alten Wanduhr in die Stille der Stube fielen. Marie war, als zerschlügen sie ihr alle Hoffnung. Die Großmutter, eine alte Frau mit weichen Gesichts ­ zügen, trat herein. „Es ist jetzt acht Uhr, Marie. Ich denke, wir essen jetzt, meinte sie. Es hat keinen Sinn, daß wir länger warten. Sie kommen jetzt nicht mehr." Ihre Worte fielen wie Hammerschläge in Maries Herz, das Franz entgegenbangte. Schwei» gend stand sie auf und legte das Kind ins Bettchen, das eigentlich ein alter, geräumiger Waschkorb war. Da! Auf einmal stampften draußen schwere Schritte im Schnee. Jetzt tappten sie bedächtig die Treppe herauf, ein mehrstimmiges Lachen erscholl im Flur. Die Türe ging auf und herein schritten drei Män» ner in weißen Kutten, hohe Mützen auf den Häup» tern, mit Stäben bewehrt. Voran schritt Caspar, der Mohrenkönig und Sternträger, der aber in Wirklichkeit Franz hieß, dann folgten Melchior und Balthasar. Sie boten einen feierlichen Gruß durch tiefes Neigen der Häupter. Was jetzt geschah, spielte sich ein wenig anders ab als in der heiligen Geschichte. Caspar warf den Stab auf den Tisch, zerrte die Kutte vom Leib, riß das Kind aus der Wiege und herzte und küßte es derart, daß es aufwachte und fürchterlich zu schreien anfing. Erschrocken legte er es der hinzu ­ eilenden Großmutter, die etwas von tappigem Männervolk brummte, in die Arme, riß Marie ans Herz, Küsse auf ihren roten Mund pressend. Dann wieder geschah es, ähnlich wie in der heili ­ gen Geschichte. Die „Heiligen Drei Könige" öffne ­ ten Taschen und Säcke, aber nicht Gold, Weih ­ rauch und Myrrhen brachten sie dar, sondern allerlei gute und köstliche Dinge, wie es sie damals schon gab im viel gepiesenen „Paradies" an der Saar, und die im Pfälzischen einen fast sagenhaf ­ ten Klang hatten, als da sind Schokolade, Pralinen, Gebäck, Kaffee, Tee, Seife, Parfüm, Wäsche, ja selbst pralle fette Würste und auch allerlei Spiel ­ zeug. Da war große Freude im Haus. Und nun hub ein Fragen und Erzählen an, und nachdem die Heili ­ gen sich gewärmt und genügsam gestärkt hatten, zogen sie nach Mitternacht wieder zurück in ihr Land.