127 *^Z)ie oon W)eiervoei(et Erzählung von Fritz Glutting n 1W ie graue Decke des Himmels hängt niedrig über der Erde. Die vier Enden der Welt scheinen seltsam nahe gerückt, die Grenzen zwischen Him= mel und Erde scheinen seltsam verschwommen zu sein. Die Kathrin Backes aus Weierweiler, die sich mut- terseelenallein auf der Welt vorkommt, als sie den Wald verläßt und auf die Weyher Triesche bei Noswendel hinaustritt, fühlt die Düsterheit dieses letzten Oktobertages und weiß sie sich auch zu erklären: der Böse regiert, Gott hat ihm das Regi- ment überlassen. Wie anders wäre es sonst möglich, daß es allent= halben in der christlichen Welt Hexen gibt, die sich mit dem Gottseibeiuns nur zu dem Zweck verbin= den, ihren Mitmenschen zu schaden. Sie selber, nein, sie selber ist keine Hexe! Wohl ist es ein offenes Geschrei, daß sie von dem Hexenmeister Meyer Velten und den Hexen Schmidts Else, sowie Jorgen Kathrin als Mitschuldige angegeben wurde. Aber — und die Kathrin Backes schlägt ein Kreuz — es soll bei den Hexenprozessen nicht immer richtig zugehen! Man hört da so allerhand, Neid und Haß sollen sehr oft ihre Hände im Spiel haben. Hatte sie nicht einmal der Schmidts Else, der ein loses Mundwerk zur Unzierde gereichte, das Maul gestopft? Und was tat dieses mißgünstige Weib? Kaum hatte man den Prozeß begonnen und es mit dem ersten Foltergrad bedacht, da schrie das vom Teufel besessene Weib, es habe mit Junker Hans, einem gar schönen Jüngling, der aber eiskalt anzu ­ fühlen gewesen sei, seinen Willen gehabt und sei mit ihm zum Entenpfuhl, ganz nahe bei Weier ­ weiler, gefahren, wo gar viele Hexen aus Weier- weder, Rappweiler und Thailen sich zur Zauber- gesellschaft eingefunden hätten, darunter auch sie, die Kathrin Backes aus Weierweiler. „Mein Gott", und wiederum schlug die Kathrin das Kreuz, „der Böse scheint es besonders auf Weier ­ weiler abgesehen zu haben. Im letzten Jahr sind dreizehn Personen, acht Frauen und fünf Männer, als Hexen verbrannt worden. In Weierweiler gibt es fast nur noch Kinder. Wo führt das noch hin?" Sie vermeidet ängstlich, näher auf ihr eigenes Schicksal einzugehen, als ginge auf diese Weise der Kelch an ihr vorüber. Sie tut so, als sei sie rein zufällig zu dieser Stunde, wo sich der kurze dunkle Spätherbsttag mit der rabenschwarzen Nacht ver ­ mählen will, auf dem Weg nach Lockweiler, um sich dort zu verbergen. Sie will sich selber nicht daran erinnern. So tun alle, welche nicht mehr ein und aus wissen. Gestern abend noch sprach man über die schlimmen Zeiten. Am Herdfeuer war es gewesen, als der Kienspan brannte. Hasen Eis, Schefen Johannet und Trein, des Schneiders Frau, waren da außer ihr, fast die einzigen Erwachsenen von Weier ­ weiler. Dazu waren noch Thomas Engel von Rapp ­ weiler sowie Volerigs Entgen und Forkers Eis aus Thailen herübergekommen. Nur flüsternd haben sie gesprochen, jedes laute Wort müßte der Böse gehört haben. Volerigs Entgen erzählte von einem Bekannten aus Pel ­ lingen im Kurfürstentum Trier, dessen Heimatort durch die Hexenprozesse ebenfalls fast ganz ent ­ völkert sei. Als er von einem Ungeheuerlichen zu reden begann, das sich in diesen Tagen in Trier begeben habe, wo der Kurfürst Johann von Schön ­ berg, ein sehr frommer Mann und seeleneifriger Diener Gottes, den seit Jahren währenden An ­ schuldigungen der Hexen nachgegeben und den Stadtschultheiß Dietrich Flade sowie den Gerichts ­ schöffen Nikolaus Fiedler als Oberste der Hexen ­ sabbate eingekerkert habe, da mußten sie ihre Ohren an den Mund des Sprechers legen. Nur schwer ließ sich der Triumph verbergen, daß es endlich auch Personen höherer Stände an den Kra ­ gen ginge. Als ob nur Bauersleute Hexen wären! Dabei sei doch der Böse eigentlich nur ein Freund der Stolzen, und stolz könnten heutzutage nur die Höheren sein. Volerigs Entgen, der auch zu lesen verstand, zog dann ein Flugblatt aus der Tasche und begann daraus vorzulesen. Dieses Blatt hatte er von sei ­ nem Pellinger Bekannten erhalten. Darin stand, daß Beelzebub nicht eher lache, als bis ein Dorf untergehe. Dieser unser abgesagter Erzfeind, Seelenmörder und alter Drache habe sich zu einer neunzigjährigen Vettel gesellt und Umgang mit ihr gehabt. Er habe sie dann in vielen Kräutern unter ­