67 Ä ♦ € K*C,U Von Dr. Paul Keuth D ie Kohle ist nach wie vor das Fundament der deutschen Volkswirtschaft im Zeitalter der Tech= nik. Ganz besonders gilt dieser Satz für ihre Er= zeugungsgebiete, darunter unser heimisches Saar= land. Gewiß: Bevor wir ein Land der Kohlegewin= nung und =ausnutzung waren, waren wir ein Land der Erzeugung von Eisen, Glas und Keramik, die durch das natürliche Vorkommen von Rohstoffen und den Reichtum an Brennholz aus unseren gro= ßen Waldungen begünstigt wurde. Aber diese Vorräte gingen zu Ende, so daß sich schon mit dem auslaufenden 18. Jahrhundert eine immer bedroh» licher werdende Existenzkrise dieser traditionel» len Saarindustrien abzuzeichnen begann. Wie soll» ten vor allem die „Eisenschmelzen" weiter arbei» ten, wenn das Land kein Brennholz mehr liefern konnte? In dieser Not erwies sich die Saarkohle als Ret= terin. Indem es nach langwierigen Versuchen ge» lang, den Eisenverhüttungsprozeß auf Steinkohle (Koks) umzustellen, war ein doppelter Fortschritt erzielt. Die Eisenerzeugung machte sich unabhän» gig von dem Hilfsstoff Holz und verfügte fortan über ein Brennmaterial, das in nächster Nähe prak» tisch in unbegrenztem Maße zur Verfügung stand. Damit war eine Voraussetzung dafür gegeben, daß unsere Eisengewinnung die bisherigen bescheide» nen Verhältnisse überwinden und sich nach und nach zu der heutigen Größe entwickeln konnte. Aus der Vielzahl kleiner „Eisenschmelzen" erwuch» sen die heute bestehenden fünf großen Hütten» werke, deren Hochöfen, Hallen und Schornsteine mit den Schachtanlagen der Saargruben das Bild unserer Landschaft prägen. Übrigens kam ein zwei» ter Glücksumstand hinzu, um diese Entwicklung der Saarwirtschaft im Großen zu ermöglichen. Durch die Einführung des Thomasverfahrens wurde es möglich, lothringische Minette»Erze zu verhütten, so daß ein Ersatz für die erschöpften eigenen Erzvorräte gefunden war. Saarkohle und Lothringer Erz wurden so die Grundlage für die Entfaltung der Saarindustrie zu jener erstaunlichen Vielzahl der Fertigungszweige, wie wir sie heute erreicht haben. In dem Zusammenhang muß auch der Eisenbahn, die unser abseitiges Land an den großen Verkehr anschloß, als mitentscheidendem Auftriebsfaktor gedacht werden. Diese Errungenschaften des 19. Jahrhunderts sind uns in ihrer Bedeutung längst bekannt. Ob die zentrale Stellung der Steinkohle in diesem Ent» Wicklungsprozeß immer und überall noch richtig gesehen wird, ist allerdings etwas fraglich gewor» den. Es ist interessant und nicht nur ein Gedanken» spiel, in diesem Zusammenhang einmal die Frage zu stellen, was aus dem Saarland und seiner Wirt» schaft wohl geworden wäre, wenn im vorigen Jahrhundert für die damals erforderlich gewordene Neufundierung unserer Wirtschaft keine Saarkohle zur Verfügung gestanden hätte. Nun, mit wissenschaftlicher Exaktheit kann eine derartige Fragestellung natürlich nicht beantwor» tet werden. Aber soviel läßt sich doch sagen, daß unser Land eine völlig andere Entwicklung ge» nommen hätte. Die Landwirtschaft, bis in das vo= rige Jahrhundert hinein die wichtigste Grundlage unserer Wirtschaft, wäre es geblieben. Ob sich die traditionellen Industriezweige (Eisen, Glas, Ke» ramik) hätten halten oder gar entwickeln können, kann bezweifelt werden. Zwar spielen unter den Standortsfaktoren der Industrien auch die histori» sehen Faktoren (Tradition) eine Rolle. Das gilt aber mehr für Fertigindustrien als z. B. für die Ei» sengewinnung, so daß man annehmen kann, daß von den alten „Eisenschmelzen" vielleicht die eine oder andere — auf Verarbeitung umgestellt — hätte