201 Von Peter Michaely in Hobby ist, wenn man tut, was man möchte und nicht muß. Beispielsweise eine Arbeit, die, wenn sie noch soviel Arbeit macht, nicht als Arbeit empfunden wird. Es ist das Ventil des Alltags, die Beruhigungspille der zivilisierten Welt und — sei* ner Abstammung nach — ein direkter Nachkomme der Liebhaberei, der, weil er in unserer Zeit lebt, viel von der Harmlosigkeit seines Vorfahren ein= gebüßt hat. Denn man rechnet mit ihm. Das Hobby wird von Regierungen gefördert, von Ehefrauen erhofft, von Ärzten verschrieben: Wer in seiner Freizeit nur Freimarken jagt, hat wenig Sinn für Revolutionen, wer am Wochenende Radios bastelt, hat wenig Zeit für Untreue und so weiter und so fort. Wie jedoch so manche Medizin, bei zu starker Do= sierung nicht mehr ungefährlich ist, geht es auch mit diesem Heilmittel gegen Langeweile, Manager* tum und andere Zeitkrankheiten: Es kann zu Komplikationen führen, die man Fanatismus nennt. Sehen Sie nur Heinrich! Das Fotoalbum, das mit seinen Gruppenaufnah* men, mit lächelnden Mädchen, weinenden Kindern und Landschaft, allen Sorten Landschaft, ein „le* bendiger Rückblick über viele Jahre" bedeutet hat, ist ihm nichts mehr als ein überholtes, verschämt verborgenes Zeichen menschlicher Unzulänglich* keit. Denn Heinrich, der da knipste, sammelte, klebte und mit Untertexten versah, hat inzwischen das Fotografieren zum Hobby gewählt. Und schon empfindet er seine Bilder, seinen Apparat und sich selbst als unentschuldbar rückständig und be= schließt, dies zu ändern. Zunächst hat er nur einschlägige Literatur auf dem Nachttisch und fotoerfahrene Freunde zum Abend* essen. Aber dann, mit den wachsenden Kennt* nissen um die neuesten Angebote der Fotoindustrie, gilt es anzuschaffen: den besseren Apparat, den passenden Leitfaden zum Apparat, Entwickler* gerät, wie es der Leitfaden empfiehlt und Zubehör, immer wieder Zubehör. Er entwickelt selbst, das versteht sich. Seine Fa* milie darf solange — sehr lange — nicht in das Badezimmer, weil es zur Dunkelkammer erhoben wurde. Sie will auch nicht hinein, weil Heinrich sich währenddessen als explosiv erweist. Verdor* bene Filme fallen verschwiegen in den Mülleimer (der willig auch große Mengen aufnimmt), gute Bilder langweilen ahnungslose Besucher, die mit jedem Glas Wein Heinrichs Erkenntnisse anhören, deren Ergebnisse ansehen müssen. Ob er besser fotografiert, sei dahingestellt, er weiß es oft selbst nicht. Jedenfalls fotografiert er be= wußter und mit mehr Aufwand. Vielleicht sehnt er sich manches Mal nach der Zeit zurück, als er noch harmlos knipste, was ihm unter die Linse kam: Wenn er — nehmen wir an — nach einer Gipfel* besteigung feststellt, daß trotz mitgeschlepptem Belichtungsmesser, Stativ und einer Musterkollek* tion Objektiven der berühmte fotografische Tal* blick nicht stattfinden kann, weil infolge unvorher* gesehenen Sonnenscheins noch eine Zusatzblende nötig wäre — dann wünscht er sich das verlorene Paradies naiven Laientums zurück (in dem man in solchen Fällen trotzdem knipst). Seine Frau tut das längst — und ist trotzdem klug genug, ein drittes Objektiv wichtiger als einen neuen Hut zu finden. 1. weil er mit seinem Hobby so wunderbar beschäftigt ist und 2. weil es un= angenehmeres als das fotografische Hobby gibt. Der Mann ihrer Freundin sammelt nämlich Käfer.