14 franken, heute noch überwiegend entweder reine Bauern oder Mischbauern (halb Bergmann und Hüttenmann, halb Bauer), konnten sich außerdem in einer friedlicheren, von keinen Glaubensspaltungen und Glaubenskämpfen gekenn= zeichneten Geschichte organisch entwickeln. Daher auch ihre Beharrlichkeit, ihr unerschrockener Fleiß, ihr zähes Beharren am Althergebrachten, daher auch ihre Deftigkeit und Dickschädeligkeit, die sich oft mit Sentimentalität paart, mit einem Stück Schwermut und Besinnlichkeit. Man versteht zu schweigen, anzudeuten, sich zurückzuhalten. Man bevorzugt den trockenen Humor, der sein Opfer auf Umwegen anpirscht und zur Strecke bringt. Man ist pfiffig, beim Handel läßt man sich Zeit, man liebt die langen Präliminarien, ehe man zur Sache kommt. Man ist strebsam, ehrgeizig, doch man zeigt es nicht. Eigensinn und eine gewisse Verstocktheit liegen auf derselben Linie. In die Frömmigkeit mischt sich heute noch Aberglaube. Man ist stolz auf sein Eigentum, auf Besitz, die Familie scheut kein Opfer für den Sohn, der „Geistlich" studiert oder Lehrer. Ein Mann wie Peter Wust, der bekannte Philo= soph aus Münster, Sohn eines armen Siebmachers aus Rissenthal, einem Wald= dorf bei Losheim, berichtet, welche Wege und Umwege er gegangen ist, um zu Büchern, zu Wissen zu kommen. Dem rheinfränkischen Volksschlag hingegen eignen alle Wesenszüge des Stadt= menschen, des Aufgeklärten, des Industrieschaffenden. Daran sind die geogra= fischen, geschichtlichen und sozialen Einwirkungen schuld. Hier wohnen die Unternehmer, die Kopfarbeiter, die Wissenschaftler, hier ist auch der reine Bergmann und Hüttenarbeiter zu Haus, und hier haben sich früher auch die „Hergeloffenen" angesiedelt. Der Rheinfranke ist gesprächig, heiter, er hat das Herz auf der Zunge. Seine Rede braucht Länge und Ausweitung, er liebt die Übertreibung bis zur Unaufrichtigkeit. Er verabscheut die Heuchelei, das Getue, das Vornehmtun. Wo er die Knie beugt, beugt er sie wirklich, und wo er sich versteift, tut er es aus Konsequenz. Dauerspannung zu halten, fällt ihm aller= dings nicht leicht. Er ist der gelöste Typ. Er zeigt seine Zuneigung und Abneigung, seine Freude, seine Trauer unverhüllt. Er lebt im Hier und Jetzt. Er strebt nach Wohlstand, ißt gerne und trinkt gerne, liebt Geselligkeit, Biertisch, Skatrunde, Gesang, Theater= spielen. Sein Herz ist schnell entflammt und ebenso schnell wieder abgekühlt. Doch grenzenlos ist seine Gastfreundschaft. Immer und jedermann steht sein Haus offen. Für seine Heimat, fürs Vaterland hegt er eine etwas unzeitgemäße Liebe. Sein Wesen hat einen Hang zum Entgleiten. Läßt man sich einmal auf das fragwürdige Wagnis ein, unsere heimische Literatur im Sinne Josef Nadlers und seiner Literaturwissenschaft der deutschen Stämme und Landschaften nach literarischen Verkörperungen des Landes zu befragen, so muß man sich, was den rheinfränkischen Raum betrifft, mit einem Dialekt= Schriftsteller wie Friedrich Schön begnügen. Weit davon entfernt, den Anspruch auf eine echte und ernst zu nehmende Heimatdichtung zu erheben und zu erfüllen, wird hier der Ansässige dennoch in dem einen oder anderen seiner Gedichte etwas vom Geiste unseres Landes verspüren. Gültiger repräsentiert sich im moselfränkischen Raum das Werk eines Ernst Thrasolt und in etwa auch eines Nikolaus Fox, aber Denkart und Habitus ist hier nicht mehr der Mensch unserer Tage. Die fortschreitende Nivellierung durch die Umschichtung in Landwirtschaft und Industrie und durch die Instrumente der Massenbeeinflussung hat auch hierzulande, und gerade hier im Industrieland, die Einebnung und Verwischung des Persönlichen, Eigentümlichen und Indi= viduellen bewirkt. Die ehedem markanten und unverwechselbaren Physiognomien sind übermalt und verwischt, das Bild des Menschen ist entstellt. Land ist nicht mehr nur Land, Stadt ist nicht mehr nur Stadt. Das Banale und Unpersönliche einer auf Erwerb und Amüsement ausgerichteten Lebenshaltung wirbelt den Menschen — nach einem Wort Jeremias Gotthelfs — herum „wie der Wind den Straßenstaub".