11 /* PORTRÄT EINER i^^ANDSCHAFT VON ALFRED PETTO V/ hinter meinem Haus am Stadtrand von Saarbrücken steigt der Schwär» zenberg empor. Jetzt schimmern die Buchen im lichten Grün des Sommers, der Weißdorn ist verblüht, aus den Fichten und Akazien lockt die Nachtigall. Das Gedudel der vielen Amseln und das Gekeife der Eichelhäher dringt bis in meine Stube. Aus der Stadt herauf der Widerhall einer hektischen, unermüdlichen Ge= schäftigkeit. Rauch lagert in einer bräunlichen Schicht über den Dächern, an manchen Tagen rieseln die schwarzen Rußklümpchen aus den tieffliegenden nassen Wolken. Der Rundblick vom Aussichtsturm auf der Waldhöhe öffnet die Landschaft um die Weite einer Stundenfahrt mit dem Wagen. Zu Füßen liegt die Stadt, aus= gebreitet in einem weiträumigen Tal, das die Saar in einem nach Norden gezo= genen Knick durchfließt. Anfang und Ende dieses Bogens markieren zwei Hütten» werke, die Haiberger Hütte und die Burbacher Hütte. Die Markzeichen stehen als schmutzige Rauchfahnen im blanken Himmel, die Sonne changiert in einem häßlichen Rotbraun, aus den hohen Kaminen quillt es schwarz, giftgelb oder weiß und ergießt sich über die Stadt bis in das Grün der bewaldeten Hügel, die das Saartal umsäumen. Anders hingegen das Bild nach Süden hin und Norden. Hier herrscht das sanfte Gesetz der Wälder, das Auge weitet sich im Anblick der weiten Flächen aus Grün, an den leichtgewellten Flanken der Hügel und Feldgehölze und freien Ackertafeln. Hier weiden noch Schafherden, ziehen die blinkenden Pflugscharen durch die speckige, fruchtbare Erde. Hüh und Hott schallen über die stillen Fluren, wie weltverloren liegen die kleinen Dörfer in geschützten Mulden. Habichte und Bussarde stehen rüttelnd über den Waldwiesen, und an manchen Sonntagen kann man auf steinigen Bittwegen frommen Wallfahrern begegnen, die betend zur Gnadenkapelle ziehen. Nach Norden hin liegt Dudweiler, ein altes Bergmannsdorf von Kleinstadtgröße. Nackte, urgesteinhafte Bergehalden erheben sich aus dem Schoß der Wälder, die Gerippe der Fördertürme mit ihren sausenden Rädern zeichnen ihre Geometrie an den dunstigen Horizont. Aber dahinter und bis in die silbrige Ferne nur Wald und immer nur Wald. Vieles von der Struktur des Landes ist schon neben» einander in dieser Sicht: die Stadt, die Dörfer, die Hüttenindustrie, die Kohlen» gruben, die Landwirtschaft. Es fehlen auch nicht die Zeichen des Geistes: vor uns, auf einer aus dem Wald herausgeschlagenen Blöße der weiße Gebäudekom» plex der Universität, ehedem Kaserne, jetzt umgebildet und ergänzt durch die Kuben moderner Hochbauten. Auf der anderen Seite die im dreizehnten Jahr» hundert erbaute Stiftskirche, eines der bedeutendsten Kunstbauwerke von Saar» brücken. Die Türme der Stadt allein offenbaren schon den Stilwandel von der frühen Gotik bis zur zeitgenössischen Baugestalt. Sehr viel anders der Blick von jener anderen Aussicht, dem Schaumberg bei Tholey. Hier im Vorland des sogenannten Schwarzwälder Hochwaldes reine Landwirtschaft: die Gebreite der roterdigen Felder und grünen Wiesen auf den sonnigen Höhenrücken, ansprechende Dörfer mit roten Ziegeldächern, und wie» derum Wald. Darüber der ungetrübte, klare Himmel. Hier sucht man vergeblich nach Werkhallen, Kohlenwäschen, Fördertürmen. Das Gezwitscher der Vögel ist noch nicht verstummt vor dem kreischenden Getöse der Industrie, und die reine Luft ist eine einzige zärtliche Liebkosung.