74 von Büschfeld hat die heiligen Geräte mit nach Büschfeld genommen. Da die Nunkirchener in die* sen Zeiten keinen Ersatz für ihren verstorbenen Pfarrer bekommen konnten, tat der Büschfelder ab und zu Dienst in Nunkirchen. Daß jetzt kein Pfar= rer bei ihnen ist, stachelt die ohnmächtige Wut der Männer noch mehr an. Verflucht sei der Krieg, der ihnen die Priester und die Wohnstätten nimmt! Verflucht auch der Umstand, daß sie ihre Kirche nicht mitnehmen können! Knapp hundert Jahre steht sie jetzt. Sie ist die dritte oder vierte, seit des ersten Christen Fuß diesen Boden betreten hat. Die Frauen schlagen das Kreuz über sich und ihre Kinder, als sie an der Kirche vorbeihasten. „Herr, erbarme dich unser! Herr, erbarme dich unser!" — Trotz allen Elends huscht ein Lächeln über die Züge der Geflohenen, als sie in ihrem Versteck im Wald an der „Hackenbach" angekommen sind. Auch das Vieh ist drinnen. Wie gut, daß man vorgesorgt hat! Hier läßt es sich für eine Weile leben, und der Schwed' wird ja nicht ewig in deut= sehen Landen bleiben. Da! Über die Wipfel der Bäume kommt es, durch das Gestrüpp des Unterholzes dringt es, alle Her= zen überfällt es: die Glocken der Pfarrkirche läu= ten! Die Menschen im Versteck fühlen schaudernd, daß sie neben ihren eigenen Häusern und ihrem Hausrat noch etwas anderes aufgegeben haben: ihr Gotteshaus. Aus ihren Häusern haben sie manches mitgenommen, aus ihrem Gotteshause aber nichts. Und nun erinnern die Glocken sie daran, daß eine Dorfgemeinschaft nicht fliehen kann, ohne ihr Gotteshaus mitgenommen zu ha* ben in Gestalt eines geweihten Gegenstandes. Die Glocken dröhnen weiter, und die Flüchtigen glauben, ein Engel läute ihnen ihre Vergeßlichkeit und ihren blinden Eifer in die Ohren. Der Meier ermannt sich. „Wer geht mit? Ich hole die Glocken!" Zuerst erschrecktes Schweigen. Was der Meier da tun will, kann den Tod bringen. Die Schweden haben ihre Vorreiter bestimmt schon Oel- & Lackwerke G. M £ G U I N G. m. b. H. Saarlouis - Fraulautern Telefon: Saarlouis 971/20 43 und 20 44 Telegramm-Adresse: M6guin Saarlouis ins Dorf geschickt. Da ruft einer: „Wo ist denn der Michel Reims= bacher?" Man sucht ihn, findet ihn jedoch nicht. Sollte er ... ? Jetzt gibt es kein Besinnen mehr. Elf Männer melden sich und gehen mit dem Meier zurück ins Dorf, die Glocken zu bergen und den Reimsbacher zu suchen. Die Stille des Friedhofs umfängt die Zurückkom= menden. Die Glocken sind eben verstummt. Um= herstreunende Katzen scheinen die einzigen Lebe* wesen zu sein. Sie hat man nicht zu töten ge* braucht wie die Hunde, die allzu leicht durch ihr Bellen das Versteck hätten verraten können. Frei umherlaufen lassen durfte man sie aber auch nicht, denn sie hätten die Spur ins Versteck gefunden. Katzen aber lieben die Häuser und nicht die Men* sehen. Geduckt schleichen sich die Männer an der Fried* hofsmauer entlang zur Kirche hin. Sie treten ein und sehen, wie der Reimsbacher Michel aus der Chorstube kommt. Also hat er die Glocken ge* läutet! Und jetzt wissen die Männer auch den Grund, weshalb die Glocken so unregelmäßig ge* klungen haben: ein junger Bursche kann eben schlecht zwei Glocken auf einmal läuten. — Der Michel lacht über das ganze Gesicht, als er bei den Männern ist. „Ich wollte die Schweden glauben machen, daß die Einwohner des Dorfes Sturm läuteten, um sie gebührend zu empfangen. Viel* leicht wären sie dann vorbeigezogen." Die Männer schütteln den Kopf. „Lieber Michel! Sturmgeläute ist den Schweden Musik im Ohr. Doch komm! Wir holen die Glocken herunter und verstecken sie. Die Schweden sollen sie nicht ver* derben." Nach mühseliger Arbeit stehen die Glocken am Boden. Es ist ein Glück, daß sie nicht schwer sind. Wie hätte sich ein so kleines Dorf auch große Glocken leisten können? Das ist jetzt zum Vorteil. Bald sind sie auf einem Wagen verstaut, Schaufeln und Grabwerkzeuge werden in fliegender Hast dazu geworfen, ein paar Mann fassen die Deichsel an, und los geht es die Dorfstraße hinab zur „Hackenbach" hin. Die Wagemutigen können nicht ahnen, daß der Wind, der von Wadern her weht, das Geräusch des knarrenden Wagens zu den Spähern der Schweden hinüberträgt, die sich aus dem zerstör* ten Losheim her dem verlassenen Nunkirchen nähern. Satt und trunken wie sie sind, zeigen die Schweden und Franzosen keinerlei Eile. Es wird ihnen ja doch nichts entgehen! Keuchend haben die Männer die Glocken eine Strecke weit in das Waldesdickicht der „Hacken* bach" herangeschleppt. Den Wagen haben sie schon vorher stehen lassen. Den wollen sie später