175 Arbeiter in die Fabriken und Gruben brachte, zur Universität und hörte Vorlesungen. „Unser Sohn, der Student“, pflegte sie von ihm zu sprechen. Um diese Zeit hörte sie, daß die Bürger- meisterstelle von X. vakant geworden sei. Sie wurde ungeduldig. Sie fragte ihn nun öfters als vordem, wielange es wohl noch dauere bis zum Staatsexamen. Er meinte: „Als Jurist brauche ich mindestens acht Semester. Kannst du nicht warten?" Er hatte erst drei. Mein Gott, dachte sie, noch fünf, noch zweieinhalb Jahre! Ob ich das noch erlebe? Sie drängte ihn aber nun nicht mehr. So verging wieder ein Jahr. Er fuhr nun öfters zur Universität, blieb auch manchmal drei, vier Tage weg. Er arbeitete mit zwei ande ­ ren Kommilitonen zusammen, erklärte er ihr, auf deren Bude. Aufs Examen hin. Sie fragte, was für junge Leute das seien, aus welchen Ver ­ hältnissen sie stammten, was ihre Väter seien, Frage auf Frage. Manchmal schilderte er ihr alles voller Geduld, nannte die Straßen, in de ­ nen sie wohnten, die Namen, die Berufe der Vä ­ ter, beschrieb kleine Sonderlichkeiten, ein ander ­ mal brauste er auf, und sie erklärte sich sein auffahrendes Wesen mit der Angst vor dem nahen Examen. Da brachte ihr eines Morgens der Briefträger eine Postkarte: „Wenn was in der Familie nicht stimmt, erfährt es der Hausvater immer zu aller ­ letzt. Passen Sie auf Ihren Sohn auf! Eine, die es wohl mit Ihnen meint." Sie las die Worte immer wieder. Sie schüttelte den Kopf. Die Karte war in der Stadt aufgegeben. Die Schrift war ihr un ­ bekannt. Ortwin war wieder einmal in der Stadt bei seinen Mitstudenten geblieben. Ihn konnte sie also nicht fragen. Sie mußte warten, bis er heimkam. Die Unruhe bohrte und bohrte in ihr, und in höchster Anspannung wartete sie stünd ­ lich auf Ortwins Rückkehr. Sie erwog den Ge ­ danken, an Josef zu schreiben, aber dann ver ­ warf sie ihn wieder. Josef war jetzt nicht der rechte Mann, ihr zu helfen. So vergingen zwei Tage, drei Tage. Ortwin kam nicht. Und wenn sie an die Universität schrieb? Auch das ließ ihr Stolz nicht zu. In diesen Tagen, allein und mit ihren Gedanken beschäftigt, kam ihr plötzlich so manches an Ortwin fremd und unerklärlich vor. Warum hatte ihn nie einmal einer der Mit ­ studenten besucht? Warum erzählte er kaum von seinen Professoren? Warum brauchte er plötzlich keine Bücher mehr? Warum — sie war ja in diesen Dingen dumm und unerfahren — warum fand sie bisweilen, wenn sie seine Stube aufräumte, diese Stöße von broschürten Roma ­ nen mit diesen bunten, glänzenden Deckeln, auf denen meist ein Mädchenkopf abgebildet war, häßliche Mädchen mit knallrotem Haar und die ­ sen herausfordernden, verkommenen Augen? Warum keine Bücher mit Paragraphen, wie sie ihr Vater im Bücherschrank gehabt hatte, alle grün eingebunden, eins wie das andere? Von einer bösen Ahnung getrieben, raffte sie sich eines Morgens auf, verschloß das Haus und bestieg den Omnibus. „Na, auch mal in die Stadt?" fragte sie der Nachbar, der mit ihr fuhr, zu seinem Arbeits ­ platz an einer neuen Kirche in der Stadt. „Sicher mal den Jungen besuchen?" Saß er untätig da, spornte sie ihn an: „Guck in die Bücher, Ortwin! Immer lernen!" Sie nickte nur. Die Fahrt von Dorf zu Dorf, das ständige Halten, das Einsteigen und Aus ­ steigen machten sie nervös. Und immer wieder in ihr diese Worte: „Ortwin, Ortwin, was tust du mir an!" Sie hatte das Gefühl, als fahre sie in einen Abgrund. Sie ging zum Polizisten und erkundigte sich, wie sie zur Universität komme. Dann $aß sie wieder im Omnibus. Sie fuhr wie durch Nebel. Der Wagen war voller junger Leute, vermutlich Studenten und Studentinnen. Neben ihr saß ein junger Mann und las in einem Buch mit Paragraphen. Manche Wörter waren rot, andere blau unterstrichen. Sie sah es voller Neid, voller Furcht, dann faßte sie sich plötz ­ lich ein Herz und fragte ihn, ob er einen Stu ­ denten namens Ortwin Soundso kennne. Er überlegte. „Nein!" sagte er kopfschüttelnd. „Von welcher Fakultät?" Sie sagte: „Er studiert Jura". Da zuckte er die Achsel. „Leider unbe ­ kannt!" und las emsig weiter. An der Universität war ein Student seines Namens nicht eingetragen. Jetzt nicht und frü ­ her nicht. „Das ist doch unmöglich", sträubte sie sich. Die Sekretärin blätterte wieder, suchte in der Kartei.