85 er- Qk :r;;: Er saß neben mir in der Schulbank, immer be ­ häbig, immer ruhig, nie aufgeregt. Wir hatten ihn alle gern. Weil der liebe Gott anscheinend bei ihm eine zweite Portion Verstand mit einer zwei ­ ten Portion Herzensgüte vertauscht hatte, war unser lieber Pitt im Unterricht gerade keine Leuchte, dafür aber als Kamerad umso besser. Ich will nicht daherreden, aber einen zweiten derart hilfsbereiten, immer gütigen Menschen habe ich in meinem Leben selten angetroffen. Wir brauchten bei unseren Spielen nur den Mund aufzumachen, „Klicker-Pitt" war sofort bereit, uns zu helfen. Er war, wie gesagt, im Unterricht gerade keine Leuchte. Auch beim Spielen ließ er sich gerne übertölpeln. Wir taten es aber nur selten, zu un ­ serer Ehre sei es gesagt! In einem aber war uns Pitt über: im Klickerspielen. Ganz besonders bei „Kaiser und König" war er unschlagbar. Mit un ­ nachahmlicher Geste zerrte er mit der linken . . . und dann zielte er mit der rechten Hand und warf die Kugel todsicher Hand den rechten Rockzipfel nach links hin, zielte mit der rechten Hand, in der die Glas ­ oder Stahlkugel lag, und warf dann die Kugel todsicher auf einen der beiden Klicker in der obersten Reihe. Alle Klicker, die in den anderen Reihen dahinter saßen, gehörten dann ihm. Tn diesen Dingen war er eben der „Klicker-Pitt", gegen den niemand aufkam. Hatte er uns die Klicker abgewonnen, gab er sie uns zum Schluß fast immer wieder zurück. Er konnte eben nie ­ mand mit einem betrübten Gesicht sehen. Dabei war er zu Hause selber nicht auf Rosen gebettet. Seinen Vater hatte die Grube geschla ­ gen, die Mutter brachte seitdem ihre sechs Kin ­ der, so gut es eben ging, durch das Leben. „Klik- ker-Pitt" war der Jüngste in der Geschwister ­ schar. Zwei Brüder schafften bereits auf der Grube, eine Schwester war schon verheiratet, eine andere ging in die Lehre zu einer Näherin und die dritte drückte noch die Schulbank. Wenn wir so unter uns auf alles Mögliche zu sprechen kamen, auch auf das, was wir später einmal werden wollten, war es jedesmal der „Klicker-Pitt", der seinen Beruf klipp und klar angeben konnte. „Ich werde Bergmann!" Wir stammten fast alle aus Bergmannsfamilien, und es war damals — in den schlechten Zeiten des Bergmanns Ende der zwanziger Jahre — zur Ge ­ wohnheit geworden, daß wir Buben es den Alten nachsagten: „In das Loch fahren wir nicht ein. Wir wollen etwas anderes werden!" Darum über ­ raschte uns die Berufswahl von „Klicker-Pitt". Sie überraschte uns um so mehr, als er zäh und bestimmt daran festhielt, während wir anderen innerhalb einer Woche sieben verschiedene Be ­ rufe anstreben wollten. Na ja, es war eben der „Klicker-Pitt", der bei aller Gutmütigkeit ab und zu einen festen Wil ­ len zu erkennen gab. Schließlich hatte er ja auch keinen Vater mehr, der ihm einen anderen Be ­ ruf hätte auswählen können. „Pitt, ich würde an deiner Stelle nicht auf die Grube gehen. Denk' doch an deinen Vater!" „Gerade, weil ich an ihn denke, werde ich einfahren. Oder glaubt ihr, ich werde jemals an einer anderen Stelle arbeiten, als an der,wo mein Vater sein Leben lassen mußte? Ich mache dort weiter, wo mein Vater aufgehört hat." Wenn Pitt solches sagte, fühlten wir, daß die Schulweisheit noch lange nicht die höchste aller Weisheiten ist; denn unser „Klicker-Pitt", der, wie gesagt, in der Schule keine Leuchte war, übertraf uns in den Dingen des Lebens gar man ­ ches Mal. Wir wußten diese Dinge nicht zu be ­ nennen; doch ahnten wir damals schon, daß es im Leben nicht nur mit dem Einmaleins abgeht. Auch „Klicker-Pitt" mußte viele Jahre später feststellen — Gott sei’s geklagt! — daß gerade den Gutmütigen die Schlange der Bosheit beute ­ gierig beißt. — Nach der Schulzeit riß das Band unserer Schul ­ freundschaft nicht gerade auseinander, er ­ schlaffte aber mit der Zeit, denn wer sich nicht immer von Angesicht zu Angesicht gegenüber ­ sieht, dem entschwinden vertraute Züge, an de ­ ren Stelle neue Gesichter, die gerade um einen herum sind, auftauchen. Gewiß, wir blieben in Verbindung miteinander. Einige der Schulkame ­ raden waren doch Bergleute geworden, obwohl sie früher nicht „in das Loch fahren" wollten. Andere gingen in die Handwerkslehre, ein paar wenige sogar auf das Gymnasium. „Klicker-Pitt" war auch auf der Grube der alte geblieben. Vor Ort war er beliebt, und selbst die Hänseleien der Arbeitskameraden über sein schüchternes Gehaben den Mädchen gegenüber waren weniger derb, als sie sonst anderen ge ­ genüber waren.