57 Die Bergeförderung nach der Halde Betrieb und Einrichtung der Bergehalde Viktoria Von Masch.-Fahrsteiger Erich Zimmer Es war im Sommer einige Dahre vor dem ersten Weltkrieg, als ich als junger Volks ­ schüler wieder einmal von Friedrichsthal nach Bildstock ging, um hier bei Bäcker Frank ein Brot zu kaufen. Da, einmal in der Woche war das bei uns so Brauch, denn dieses Brot war gut. Heiß schien die Sonne vom blauen Him ­ mel. Durch Buchenwald führte mein Umweg hinter der Wohnung von Bergrat Giani vorbei nach Bildstock. Dort, wo hinter der oberen Schachtanlage Helene, bei dem früheren Kom ­ pressorhaus, die Seilbahn nach der Berge ­ halde die Umzäunung verließ, standen schöne Buchen bis dicht an die Gleise heran, ein für eine kleine Marschpause ideal geeignetes Ruheplätzchen. Die Grubenwägelchen im Abstand von eini ­ gen zehn Metern, am Seil geführt, zogen fried ­ lich ihre Bahn, die beladenen nach oben, die leeren nach unten, die Schienenübergänge rhythmisch anzeigend. Gruben- und Wald ­ romantik dicht beieinander — das war etwas für eines Dungen Auge und Gemüt. In etwas größeren Abständen bemerkte ich, daß noch mehrere andere Dungens, näher am Gleis, interessiert den Lauf der Wägelchen verfolgten. Dugendliche Betrachtungen wur ­ den angestellt, sogar Gedanken frevliger Art wurden scheu geboren und schnell wieder ver ­ worfen, und doch blieb beim ängstlichen Ab ­ tun dieser Gedanken etwas hängen. Da — die jugendlichen Vorstellungen, die eben noch durch den Kopf jagten, waren plötzlich Wirklichkeit geworden! Ein Auf- Wägelchen ging nach vorne in die „Knie", wurde seillos, lief polternd rückwärts auf das ihm folgende auf. Dann ging es mit doppelter Kraft rückwärts auf das dritte Wägelchen los. Auch dieses machte alsbald Kurswechsel, bis nach kurzer Zeit ein Haufen umgekippter und ramponierter Bergewagen, jetzt auch von Leu ­ ten aus der Förderung erspäht, das Zeichen zum Halt gab. Kräftige Männer mit lauten Stimmen rückten an, besahen sich das Durch ­ einander und begannen mit den Aufräumungs ­ arbeiten. Bald tauchten auch Grubenwächter und Aufsichtspersonen auf. Nach kurzer Ver ­ handlung sah ich die Dungens, vom Wächter geführt, in die Anlage eintreten. Ich hatte Mit ­ leid mit den Dungens — aber warum? Sollte die Entgleisung mit ihnen Zusammenhängen? Konnte ein Stück Holz vom nahen Buchenwald heruntergefallen oder von Bubenhand aufs Gleis gelegt worden sein? Wer weiß! Später erfuhr ich, daß die Buben bis zum Obersteiger Dakobs gebracht worden waren, der sie ver ­ hörte, aber dann mangels Beweises wieder entlassen mußte. Im übrigen konnte ja so ein hölzerner 550 Liter-Wagen mit schmalem Rad ­ lauf auf einer alten 11 kg-Schiene leicht ent ­ gleisen. — Zu jener Zeit konnte ich noch nicht ahnen, daß ich einmal ein Arbeitsleben lang mit der Bergeförderung und deren Sicherung gegen Störungen als Steiger, als Fahrsteiger und als stellvertretender Werkmeister zu tun haben sollte. Nun bin ich seit 1930 auf Grube Viktoria. Da ­ mals waren die Einrichtungen der Bergeför ­ derung nach der Halde noch nicht so modern wie heute. Eine ansteigende Kettenförder ­ bahn von 400 m Länge und 6 Grad Steigung mit elektrischem Antrieb und den damals noch üblichen Holzfutter-Antriebsscheiben brachte die Bergewagen — ca. 800 pro Schicht — von der Hängebanksohle nach dem Fuß der Berge ­ halde rund 31 m höher. Von hier gingen die 750-Liter-Förderwagen mittels Seilbahn, Seil ­ schlössern, Seil- und Kurvenrollen auf Gleisen von 725 mm Spur hoch bis zu den Abladestel ­ len. Dieses waren horizontal liegende Büh ­ nen aus Eisenkonstruktion, die vorne auf einem Quervorleger je einen Kreiselwipper trugen. Die Förderwagen wurden um ihre Längsachse gedreht und entleert. Auch Hilfs- aussturzstellen waren eingerichtet. Sie trugen Kopfwipper, welche weniger Raum bean ­ spruchten. Hier wurde der Förderwagen über Kopf gestürzt und somit entleert. Stahlgliederbänder und Gummitransport ­ bänder an Endstation Förderkette lösten die Seilbahn ab. Auch hier traten beachtliche Störungen auf, zumal mit dem immer mehr mechanisierten Untertagebetrieb die Berge ­ stücke bemerkenswerte Größen annahmen. Ich erinnere mich noch daran, daß in diesem Zusammenhang einmal das Wort „Gollen- steine gefallen ist. Sturm, Schnee, Frost und Wolkenbrüche sorgten im übrigen dafür, daß der Haldenbetrieb nicht einförmig wurde. 1948 trat dann eine massive Neuerung im Haldenbetrieb ein. Die Firma Ernst Heckei, Saarbrücken, baute für Viktoria eine neuzeit ­ liche Hochsturzanlage, die bis zum heutigen Tage sehr zufriedenstellend den Bergestrom