die alte Bergehalde Wer beachtet sie wohl noch, die alte Berge ­ halde, die drüben am Waldrand hodi in den Himmel hineinragt? Längst schon ist dort das Geratter der Förderwagen verstummt, und nur selten wird die Stille unterbrochen, die den grauen W T all einhüllt. Ja, die alte Bergehalde ist einsam geworden. Im Winter zieht sie ein weißes Kleid an und träumt, oder sie plaudert mit dem hungernden Wild, das vom nahen Wald herüberkommt, und dem der böse Frost arg zusetzt. Vom jungen Lenz sprechen sie dann wohl, von sonnenerfüllten Ta ­ gen und milden Sommernächten. Die armen Tiere vergessen für einige Stunden ihr jährlich wieder ­ kehrendes Leid, und wenn sie frierend in den Wald zurücklaufen, dann wissen sie, daß auch dieser Winter nicht ewig andauem kann. Im Frühjahr aber kommt zu der alten Berge ­ halde ihre Freundin, die übermütige Meise, und singt ihren Spottvers auf den Winter: „Herr Winter, Ihr seid alt und schwach, Ihr müßt das Bündel schnüren. Der Frühling küßt die Blumen wach und will fortan regieren.“ Dann kommt es wohl vor, daß der erzürnte Winter noch eine Hand voll Schnee nach ihr wirft, aber er ist wirklich alt und schwach und seine Tage sind gezählt. Der junge Frühling lacht ihn aus dem Land und gar bald denkt niemand mehr an den griesgrämigen Alten. In diesen Tagen schmückt sich auch die Berge ­ halde. Das weiße Kleid streift sie fröhlich ab und zieht ein neues an. Es ist ein graues Gewand, durchwirkt mit dem leuchtenden Silber der Bir ­ ken und dem Grün des schwellenden Mooses. Im ­ mer wieder kommen die Bewohner des Waldes zu ihr, um sie zu bewundern und ihr zu sagen, wie schön sie sei. Die alte Bergehalde aber lächelt leise und wehmütig vor sich hin. Die braven Tiere sind jetzt noch ihre einzigen Freunde. Einmal. . . Ja, einmal war noch ein kleiner Bub da, den das harte Schicksal aus seiner Heimat, der fernen Schweiz, vertrieben hatte. Seine Eltern waren ge ­ storben und ein Bruder seiner Mutter brachte das Büblein an die Saar, in das Dörfchen, das nicht weit von der Bergehalde entfernt liegt. Als Hansi die alte Bergehalde zum ersten Mal sah, stieg ein trockenes Schluchzen in der kleinen Kehle auf. So ragten in seiner Heimat die Berge gen Himmel, und wenn eine Halde unserer Hei ­ mat auch keine Ähnlichkeit mit einem Schweizer Gebirge zeigt, so regte sich in dem Büblein doch der Wunsch, einmal hinaufzuklettem, um von der Höhe herab sein Leid in die Welt zu singen. Ver ­ wundert sah die alte Bergehalde dem Beginnen ­ des kleinen Menschen zu, angstvoll bangte sie um ihn, wenn er auf dem nachgebenden Geröll ausglitt, und erleichtert atmete sie auf, als er endlich oben angelangt war. Dort setzte sidi das kleine Büblein auf einen großen Stein und be ­ gann mit glockenreiner Stimme die Lieder seiner Heimat zu singen. — Das war der Tag, an dem die alte Bergehalde den Schweizer Buben zum erstenmal sah und ihn liebgewann. Von nun an kam er jeden Tag zu ihr. Er ver ­ gaß seinen Schmerz um die verlorene Heimat, mit der Zeit wurden die sehnsüchtigen Lieder zu fröhlichen Weisen, und oft schickte er einen kräf ­ tigen Jodler ins Dorf hinunter, wo die Leute sich verwundert anblickten. „Der verrückte Schweizer Bub ist wieder oben!“ sagten sie dann wohl und schüttelten den Kopf. Der „verrückte Schweizer Bub“ aber verlebte alle seine freien Stunden auf der alten Bergehalde, sang und jodelte, und eines Tages brachte er auch ein paar Spielkameraden mit. Nun begann ein fröhliches Treiben, dem die gute, alte Bergehalde mit Vergnügen und Ver-