52 war in dieser Spätglut geschmolzen, nur die Schattenhänge waren noch in Watte gepackt — wohl bis zum Frühsommer hin. Dampfende Pferde und Maulesel hatten zu dritt Berge von Geflügel, Gemüsen und die ersten Orangen durch die enge Klus Gampels nach Goppenstein geschleppt. Die guten Löhne ließen sich in diesem weltverlassenen Nest ja nur in Gaumenfreuden umsetzen. Die Dienstbahn hatte allerlei bunten Kram zweifelhafter Qualität für die fliegenden Händler hergebracht. Aber es gab fast kein Plätzchen zwischen all den Baracken, wo sie ihre bunten Kämme, Seifen, Heiligenbildchen, grellrosa Unterleibchen, Seidentüchelchen und Schuhraritäten aus dem vergangenen Jahrhundert in windbedrohten Buden feilhalten konnten. An solchen Festtagen klimpern die Batzen lose in den Hosensäcken und begehren zu wandern! Kräftige Tannen wurden zum Schmuck der Ka ­ pelle, der Straßen und der Brücke die Steilhänge heruntergeschleppt. Die Lawinenwächter aus Fer- den, von der Walliser Regierung zum Schutz für die gefährdete Siedlung angefordert, waren unter die Künstler gegangen. Die Männer pflanzten Bäume, wanden grüne Tannenkränze und errich ­ teten Ehrenpforten mit bunten Wimpeln, Nicht für den Besuch von Majestäten, aber für die Hei ­ lige, die ums Jahr 300 als Tochter eines reichen Kaufherrn zu Ehren Christi in den Tod gegangen war. Wunderbar verwandelt war an diesem Festtag das Schulhaus der italienischen Kinder. Lange Ta ­ feln waren aufgeschlagen, Fahnen und bunte Papierblumen an die rohen Holzwände geheftet, für hundert Prominente blecherne Bestecke aufge ­ legt worden. Niemand hat uns je verraten, wo für diese Schmauser gekocht wurde. Darüber machten sich die ihre Freizeit genießenden Schulkinder schon gar keine Sorgen! Lustig streunten sie mit den Hunden durch die Gassen und zeigten den Freunden stolz das fette Huhn, das der Vater hoch oben am Türpfosten befestigt hatte. Dunkel ­ häutige Buben standen als Schildwachen stramm unter dem Braten, damit ihn keiner der Hunde entführe. Nicht nur zum Schmaus, auch zum Tanz war Goppenstein gerüstet. Frisch gebügelte Männer ­ hemden und bunte Fähnchen für die rare Weib ­ lichkeit flatterten an rohen Stecklein unter den Fenstern. Pfeifend, sogar Arien schmetternd, hat ­ ten Jünglinge ihre Tanzschuhe schon auf Hoch ­ glanz poliert. Plötzlich stürzten grelle Trompeten ­ stöße hinter einer Baracke hervor. Musikanten zogen in festlich gebürsteter Uniform zur Kapelle, ein mageres Züglein von Frauen, mit Schleiern oder Taschentüchern auf dem Haar, folgte. Plötz ­ lich widerhallten die Berghänge vom festeröffnen ­ den Donner der Schüsse. Dann rief das schwache Glöcklein der Kapelle zum Gottesdienst. Uber die hölzerne Brücke strömte die Menge. Die Walliser Gendarmen fühlten sich als die Allerschönsten in ihrer Festmontur mit den blitzenden Knöpfen auf den Blauröcken, den breiten Scharlachstreifen an den Hosen und den kokett aufgesetzten Zwei ­ spitzen über den glattrasierten strahlenden Jung ­ männergesichtern. Doch gelang es den selbstsiche ­ ren Stiefsöhnen Mars“ nicht einmal, die schnat ­ ternde Gänseschar neben der Kirchenpforte zum Schweigen zu bringen. Hunde jagten die Krei ­ schenden immer wieder unter die Menge, die keinen Raum in der Kapelle gefunden hatte. Endlich öffnete sich die Tür zum Gotteshaus: Eine Gipsstatue Barbaras, in Weiß, Himmelblau und Gold, schwebte lächelnd über den geneigten Andächtigen. Kräftige Mineure in neuen Anzügen aus Öltuch, den breitrandigen Südwester auf der dunklen Lockenfülle, trugen ihre Heilige auf ge ­ schmückter Bahre an der Spitze des Festzuges zum Tunneleingang. Fremde und einheimisdie Geistliche, Chorknaben, die barmherzigen Schwe ­ stern aus Schule und Spital mit weit ausladenden Flügelhauben über schwarzem Festgewand, sitt ­ sam wandelnde Schulkinder, armselig und dünn gekleidet, stämmige Arbeiter mit ihren Vorge ­ setzten geleiteten das Standbild unter Ehrenpfor ­ ten und Baugerüsten hindurch, über rostige Schie ­ nen und durch Tauwassertümpel zum gähnenden Tunnelloch, wo schon eine schaulustige Menge harrte. Hoch flatterten die Fahnen über Barbaras Köpfchen. Weihrauch duftete. Als die Marschweise verstummt war, sangen die Schulmädchen mit zit ­ ternden Stimmchen einen Bittgesang an die Hei ­ lige. Geistliche und weltliche Reden folgten. Allen lächelte Barbara freundlich zu, versprach und seg ­ nete alle, die im Schoß der Erde gefahrvoller Ar ­ beit nachgehen. Aber schließlich ließ sie sich auch gern wieder zurück in die Kapelle tragen. Ich weiß noch, wie gut es tut, die Musikanten einmal mit frohen Weisen zu hören. Zu oft sahen wir sie vor dem Sarg eines tödlich Verun ­ glückten den steilen Hang zum armseligen Fried ­ hof an der steilsten Halde über der Lonza empor- klettem, wo kein Grabmal, kein Kranz die Stätte ehrt, wo ein Mensch der Erde zufiel. Dann blie ­ sen die Trompeten regelmäßig die makabren Klänge von Chopins Trauermarsch, die der Wind meist unwirsch zerriß. Nach dem Gottesdienst begann bald ein fest ­ liches Schmausen. Die einen setzten sich unter glückstrahlende Kinder und Frauen, die anderen zu lauten Gesellen in die überfüllten Gaststuben. Die Prominenten mußten am meisten Geduld üben. Fast unerträglich lange Pausen schoben sich zwischen die Gänge. Der kostbare Wein, der in sintflutartigen Mengen floß, begann rasdi und stark zu wirken und löste Hemmungen auch bei sonst Braven! Goppenstein besaß keine Festwiese. Aber die Jugend fand doch ein Plätzchen, wo die Burschen mit verbundenen Augen alte Töpfe zerschlugen, Hunde aufeinander hetzten, rauften und johlten, während Tabakqualm und Eßgerüche aus halb-