159 er must eqenscmrm n in Von Werner Jakobi, Saarbrücken Christel war ein ordentliches und fleißiges Mädchen, das in der Schule immer schön aufpaßte, sauber schrieb und gut redmete. Aber weil sie schüchtern und zurückhaltend war, war sie bei den andern Mädchen nicht besonders hoch geach ­ tet. Deshalb hielt sich Christel meistens für sich und hatte auch nicht viel Freundinnen. Ganz an ­ ders stand es um Ruth, die in dieselbe Klasse ging. Ruth schrieb und rechnete zwar nidit so gut wie Christel, war auch lange nicht so fleißig, hatte dafür aber einen großen Mund und wußte sich immer in den Vordergrund und ins redite Licht zu setzen. Deshalb war sie immer der Mit ­ telpunkt, um den sidi die andern scharten. Das änderte sich mit einem Schlag. Und das kam so: Eines Tages brachte die Post Christel ein lan ­ ges, schmales Paket von der Großmutter. Neu ­ gierig öffnete Christel es. Als das letzte Papier abgewickelt war, hielt sie einen Schirm in den Händen. Es war ein großer, sdiwarzer Schirm, der gar nidit einmal modern war, denn er hatte eine Krücke, und moderne Schirme haben Griffe, oder Knöpfe. Deshalb freute sidi Christel gar nidit besonders; als sie aber den Brief der Großmutter, der bei dem Schirm lag, gelesen hatte, madite sie große Augen. Der Schirm war kein gewöhnlidier Schirm, — nein, es war ein ganz besonderer Schirm — ein musikalischer Schirm. Wenn man ihn aufspannte, ertönte Musik, ja, der Sdiirm sang sogar dazu. „Na, das muß ich aber gleich einmal auspro ­ bieren, dachte Christel, spannte den Sdiirm auf und lausdite! Im selben Augenblick spielte und sang der Schirm, zuerst: „Fudis, du hast die Gans gestoh ­ len!“, — dann: „Ein Männlein stand im Walde!“ — und zum Sdiluß: „Weißt du, wieviel Stemlein stehen!“ — Christel wußte sich vor Staunen und Vergnü ­ gen nidit zu fassen und sprang mit ihrem musika ­ lischen Schirm in der Stube herum. Laut sang sie alle Lieder mit, eins nadi dem andern und wieder von vom. — Von nun an wartete Christel sehnsüchtig auf den nädisten Regentag, an dem sie stolz mit ihrem Wunderschirm zur Sdiule gehen wollte. Als es endlidi einmal regnete, und Christel mit ihrem singenden Schirm der Sdiule zuging, kamen von allen Seiten die Mädchen aus ihrer Klasse ge ­ laufen. Sie umringten Christel, staunten, freuten sich und zogen schließlich mitsingend neben ihr, vor ihr und hinter ihr her. Adi, war das ein lu ­ stiger Sdiulgang, trotzdem der Himmel trübe war, und es in Strömen regnete. Von jetzt an drängten sich alle um Christel, wollten nur mit ihr gehen und braditen sie bei Regenwetter sogar bis vor ihre Haustür. Nur eine hielt sich zurück. Das war Ruth. Sie stand plötzlich allein, niemand küm ­ merte sich mehr um sie, und das ärgerte und kränkte sie über die Maßen. Tag und Nadit sann sie darüber nach, wie sie ihre Freundinnen zu- rückerobem könnte. Da kam ihr ein häßlicher Gedanke: Eines Tages schützte sie mitten in der Stunde Kopfweh vor, und bat nach Hause gehen zu dürfen. Draußen auf dem Flur nahm sie ihren Mantel vom Haken, ergriff Christels Schirm, der auch dort hing und eilte damit nach Hause. Dort versteckte sie ihn gut, denn die Eltern wären bald hinter ihre Missetat gekommen. Als die Sdiule aus war, vermißte Christel ihren Schirm sofort. Weinend verkündete sie ihr Un ­ glück, dodi niemand hatte den Schirm gesehen. Ein paar Tage noch hoffte sie, daß der Schirm vertauscht worden wäre und zurückgebracht würde, dodi vergebens. Der musikalische Wunder ­ schirm war und blieb verschwunden. Die Mäd ­ chen aber blieben Christels Freundinnen, denn sie hatten gemerkt, welch braves verträgliches und besdieidenes Kind sie war. Als Ruth sah, daß ihre Freundinnen sich so nidit wieder ihr zuwandten, dachte sie: „Ich muß mir etwas ausdenken, das sie alle wieder zu mir lockt.“