188 War Lautermann ihm ohnehin schon nicht wohl ­ gesinnt, so fiel ihm der Herr also bald sehr auf die Nerven! Lautermann stach der Hafer: Warte nur mein grünes Häschen — dir werde ich noch eine kleine Lektion erteilen! Sie waren im Pochhammerflöz angelangt. Aller ­ hand dicke Rohrleitungen zogen sidi dort am Streckenstoß entlang. Wieder fragte der Herr von der Generaldirektion: „Wozu ist denn diese Rohr ­ leitung da? Und jene dort? Warum laufen denn gleich drei Rohrleitungen entlang? Wären denn nicht zwei auch genug? Ist das nicht unnötige Vergeudung?“ Jetzt blieb er mit einem Ruck plötzlich stehen: „Pst!“ Er horchte auf — schaute auf die Rohre. Das Geräusch des rieselnden Spül ­ gutes in den Spülversatzrohren war ihm aufgefal ­ len. Er wandte sich an Lautermann. „Was ist denn das für ein Geräusch?“ In Lautermann blitzte ein Gedanke auf. Ihn ritt der Teufel. Ver ­ traulich lächelnd wandte er sich ihm zu: „Man merkt natürlich sofort den geschulten Fachmann“, trug er dick auf. „Eigentlich dürfte ich ja gamicht darüber reden.“ Ob dieses plumpen Lobes schwellte sich der Bauch des Herrn Oberrevisors noch mehr hervor. Lautermann senkte seine Stimme zum Flüstern — er schaute sich um, als fürchtete er einen fremden Horcher: „Also ganz still und streng vertraulich. Ihr Wort darauf, — es kann mich meine Stellung kosten. Aber schließ ­ lich sieht man ja doch gleich, wen man vor sich hat, und Ihnen als Fachmann möchte ich es an ­ dererseits denn doch nicht vorenthalten. Aber wie gesagt: ganz streng geheim! Also gut — Ihr Wort darauf. Das ist nämlich die erste Anlage dieser Art in Europa. Also sehen Sie: Spülversatz ist ja eine alte, bekannte Geschichte, ganz alte Sache: Mit Hilfe von Wasser, eigentlich besser: einer Schlamm- trübe, transportiert man Sand, Bergekleinschlag, Kies usw. in Rohrleitungen bis vor Ort unter ­ tage. Beim Blasversatz macht man dasselbe schon mit Hilfe von Preßluft. Und nun kam ein helles, gewiegtes Köpfchen auf die Idee und sagte sich! Könnte man nicht ebensogut die Kohle mit Hilfe von Druckluft in einer Rohrleitung von unter ­ tage nach übertage herauf- und heraustranspor ­ tieren: ,Pneumatische Förderung!' Druckluft ha ­ ben wir hier ja genug — und Rohrleitungen auch — also doch eigentlich kein großes Problem! Und so ist das also, wie gesagt, hier die erste Versuchsanlage ihrer Art in Europa, — ja, in der ganzen Welt! Unsere Verwaltung natürlich wie ­ der auch in dieser Beziehung führend an der Spitze! Erinnern Sie mich doch bitte nachher bei der Ausfahrt übertage, so werde ich Ihnen oben neben dem Schacht zeigen, wo die Kohle aus der Rohrleitung herauskommt!“ — Übertage neben dem Schacht stand ein neu erbauter Bun ­ ker für Kohlenstaub zur automatischen Kohlen ­ staubkesselfeuerung. Durch eine Rohrleitung wurde der Kohlenstaub von der Kohlensieberei in diesen Bunker abgesaugt. An diese Rohrleitung dachte Lautermann in diesem Augenblick. „Aber ich muß Sie nochmals dringendst bitten, reinen Mund zu halten! Ich könnte die größten Unan ­ nehmlichkeiten haben! Sie werden verstehen, daß eine derartige Sache die größte Geheimhaltung erfordert! Sie können sich ja wohl denken, daß das Ausland an einer derartigen Neuerung das größte Interesse haben könnte! Was ich Ihnen also erzähle, ist nur für Sie ganz persönlich be ­ stimmt! Unter strengster Diskretion!“ Lautermann wußte natürlich, daß der Herr Oberrevisor selbstverständlich eher platzen würde, als daß er diese interessante Neuigkeit bei sich behalten könnte! Und es war ihm natürlich auch ebenso klar, daß sich der Herr mit dieser Neuig ­ keit unsterblich blamieren würde, wenn er sie einem Fachmann erzählen würde. Doch der Herr Revisor nickte gnädig und huldvollst zustim- mend, gebauchstreichelt ob dieses großen Ver ­ trauens! Am nächsten Tage, gerade eben wollte Lauter ­ mann nach Dienstschluß sich mit den Kollegen auf dem Heimweg begeben, schellte sein Signal auf: „Zum Betriebsführer!“ Schon wieder etwas? Der Betriebsführer hatte wohl gerade mit je ­ mandem gesprochen, hielt noch wartend den Hörer in der Hand, schaute voll Spannung Lau ­ termann entgegen. Kaum daß dieser auch nur seinen Fuß über die Schwelle des Büros gesetzt hatte, überfiel ihn auch schon der Betriebsführer: „Sagen Sie mal, Herr Lautermann, — was haben Sie da gestern dem Oberrevisor erzählt? Wir haben eine neue „pneumatische Förder-Versuchs- anlage“ in Pochhammerflöz eingebaut? „Streng geheim? Erste Versuchsanlage Europas? — Sagen Sie mal, — ist da bei Ihnen noch etwas vom letzten Frost übriggeblieben — oder von der gro ­ ßen Hitze vor zwei Wochen? — Der Herr Generaldirektor fragt eben persön ­ lich an — ist noch am Apparat, — wartet auf Bescheid.“ „Fragt, ob wir verrückt geworden sind, — will wissen, was das für Experimente sind, die wir hinter seinem Rücken uns erlauben!“ Lautennann wurde es etwas schwül zumute. Daß die Sache gleich so schlimm werden würde, daß sie sogar bis zu einer persönlichen Anfrage des Herrn Generaldirektors ausarten würde, hätte er sich natürlich nicht im Entferntesten träumen lassen! Zerknirscht und reuevoll gestand er den Sach ­ verhalt ein, und der Betriebsführer gab ihn so ­ fort telefonisch dem Herrn Generaldirektor weiter. Die Antwort des Herrn Generaldirektors konnte Lautermann natürlich nicht hören, er konnte nur an den Mienen des Betriebsführers und an dessen Schmunzeln ihre Wirkung ablesen und schließlich an seiner homerischen Lachsalve noch das schließ- liche gute Ende des dem Herrn Oberrevisor auf ­ gebundenen Riesenbären ersehen. Und der Herr Oberrevisor ließ sich nie mehr auf der Grube, und schon gamicht mehr zu einer Grubeneinfahrt blicken.