183 von Elisabeth Kirch, Saarbrücken Der Pfifferjakob war ein schnurriger Geselle, hatte den Kopf voller Späße und wenn er redete, ging ihm der Mund wie ein Mühlrad. Er liebte das Herumstreichen mehr als die Arbeit, lag stundenlang unter den Bäumen und hörte den Vögeln zu. Er kannte alle Sänger des Waldes, lauschte ihnen die Lieder ab und ahmte sie nach. Er fing sich auch manchen Vogel, sperrte ihn ein und ergötzte sich an seinem Ge ­ sang. Nun kam eines Tages ein Händler zu ihm, der hatte einen Käfig voll der schönsten und seltensten Vögel. Sie sangen und pfiffen so wundersam schön, daß einem ganz eigen ums Herz wurde, so froh und doch auch wieder so traurig, daß man bald hätte lachen und bald wieder weinen möge. Der Pfifferjakob sperrte Mund, Augen und Ohren auf, denn so schöne Vögel hatte er noch nie gesehen, die dazu noch so wunderbar sangen, Triller, Schleifen, kurze und lange Töne, tiefdunkle und helle, die ihnen wie silberne Perlen aus den goldgelben Kehlen tropften. „Da staunt Ihr“, sagte der fremde Mann. „Solche Vögel gibt es hier nicht. Die sind in fremden Län ­ dern gewachsen, wo jeden Tag blauer Himmel und ewiger Sonnenschein ist.“ „Da kommen sie wohl geradewegs vom Pa ­ radies her?“ meinte der Pfifferjakob, spitzte die Ohren und lauschte den seltsamen Vögeln die Töne und Weisen ab. „Das nicht“, sagte der Fremde. „Sie kommen von einer Insel, in einem fernen Meere gelegen, wo es so still ist, daß man seinen eigenen Atem hört. Dort können die Vögel nach Herzenslust ihre Stimmen probieren. Dem Pfifferjakob lachte das Herz im Leibe, und er hätte um alles gern einen der Vögel gehabt. „Wieviel verlangt Ihr für einen Vogel?“ fragte der Pfifferjakob. Der Händler nannte ein schönes Sümmchen. Da graulte der Pfifferjakob den Kopf, denn fünf Gulden hatte er sein Lebtag nicht beisammen gesehen. So viel sei ein armseliger Vogel nicht wert, meinte der Pfifferjakob. Hierzuland gäbe es auch schöne Vögel unter den Sängern, und der Mann solle sich fortscheren. Spradis, machte die Türe auf und warf den Händler hinaus. Kaum war der Mann draußen, da hub im Hause des Pfifferjakob ein seltsames Pfeifen und Singen an. Der Pfifferjakob versuchte die Stim ­ men der fremden Vögel nachzuahmen, und siehe, es gelang ihm ganz prächtig, denn was der Pfif ­ ferjakob einmal gehört hatte, das saß ihm fest im Kopf und lose auf der Zunge. Er dachte, es sei doch recht schade, daß die Sänger vom Stiftswald nidit so herrliche Farben und Stimmen hätten wie jene fremden Vögel von den gottseligen Inseln, und er fand, der Herrgott hätte mit Farben und Tönen zu sehr gespart, als er die Vögel im Land an der Saar erschaffen. Und Tag für Tag sann er darüber nach, wie er so seltene Vögel bekommen könnte, aber es schien ihm kein einziges Stemlein der Hoffnung, denn er war ein armer Teufel, der oft nicht das Brot über Nacht daheim hatte. Nun gesdiah es, daß aus dem Hause des Pfifferjakobs oft so selt ­ sam schönes Singen und Pfeifen kam, so daß die Leute stehen blieben und fragten, was das für Vögel wären, die so wunderschön sängen, und da sagte der Pfifferjakob: „Die sind von weit her übers Meer zugeflogen." Und da staunten die Leute und konnten sich nidit genug wundern. Einst fuhr der Fürst durdi das Tal, in dem das Haus des Pfifferjakob gelegen war. Er hielt den Kopf gesenkt, denn er dadite an die mancherlei Sorgen, die das Regieren ihm machte. Da hörte er mit einem Male ein wun ­ derschönes Pfeifen, Singen und Trillern, als ob die Engel vom Himmel gekommen wären, um ihn zu trösten mit ihrem Gesang. Als er sidi um- sdiaute, sah er am Fenster des Pfifferjakob einen großen Käfig sdiöner, seltsamer Vögel. Die waren so herrlidi bunt, wie er noch keine gesehen hatte, weder in Welschland noch an den blauen Ufern der südlichen Meere. Er dachte, wenn er sidi täg- lidi was Vorsingen ließe von so herrlichen Vö ­ geln, so würden ihm die Sorgen davonfliegen wie dunkle Wolken, die der Wind verjagt.