175 Von Ingeborg Margeit Saarbrücken Wenn man die Akrobaten auf der Bühne sieht — wer könnte dann glauben, daß sie Bergleute sind — Bergleute, die in gebeugter Stellung am Stoß stehen und Kohlen graben, die in ein ­ töniger Bewegung 8 Stunden lang die gleiche, schwere Arbeit verrichten. Hier bilden sie eine Pyramide — kraftvoll und frei. Jede ihrer Bewe ­ gungen verrät vollkommene Beherrschung des Körpers. In diesen Augenblicken vergessen sie ihren dunklen Arbeitsplatz unter der Erde, hier zeigen sie im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit, was ein Bergmann alles kann. Natürlich — hinter allem Glanz verborgen, gibt es auch geheime Sorgen. Die Bergmanns -- Artisten sind ganz auf sich allein gestellt und besitzen nicht den Rückhalt wie ihre Sänger ­ kameraden oder Kollegen der Bergkapellen. Sie haben mit mancherlei Schwierigkeiten zu kämpfen. Da besteht zunächst einmal das Problem des Trainings., das durch die Wechselschieht, die die Bergleute machen, sehr erschwert wird. Im iibrigen scheinen die Artisten im Laufe der Zeit bei den SBW in Vergessenheit zu geraten, denn immer seltener werden sie zu den Kamerad ­ schaftsabenden der einzelnen Abteilungen hinzu ­ gezogen. Lediglich die Grube, bei der die Ar ­ tisten beschäftigt sind, setzt ihren Stolz darein, ihr Programm mit eigenen Leuten zu gestalten. Wenn der Bergmanns-Artist sich ein größeres Publikum wünscht, dann nicht, um seinen Geld ­ beutel zu füllen. Nein, er ist Idealist und trainiert und tritt aus Freude am Sport auf. Dabei schafft er sich den schönsten Ausgleich zu seinem schweren Beruf. Sehen wir ihn uns einmal genauer an! Lassen wir unseren kleinen Film ­ streifen ablaufen! Wir blenden auf. Schauplatz: Küche des Elternhauses von Ste ­ phan Engstier-Altenwald. „Au, sagt die kleine Christel und reibt sich den blonden Lockenschopf. Sie ist beim Training in der Küche an die Lampe gestoßen und verzieht jämmerlich das Gesicht. „Ja“, meint Vater Engstier lachend, „wir müssen uns bald nach einem ge ­ eigneteren Raum umsehen. Die Küche wird auf die Dauer zu eng!“ Engstier ist Bergmann auf Grube Mellin. 28 Dienstjahre hat er als Hauer auf dem Buckel. Wie zu erraten, betätigt er sich nebenbei als Artist. Er ging bei keinem der im Saarland be ­ kannten Akrobaten in die Lehre. Ohne ein Vor ­ bild zu besitzen, arbeitet er all seine Tricks selbst aus. Da,s Metier liegt ihm im Blut. Schon als Junge nützte er jede Möglichkeit aus, einen Zirkus zu besuchen. In seinem Vater, dem Glasmachermeister Engstier, findet er einen guten Bundesgenossen, denn auch dieser liebt die Zirkuswelt und das Variete. Stephan Engstier verlegt sich zunächst aufs Ringen. 1939 gründet er die erste Akroba ­ tengruppe, die au,s 4 Männern besteht. Als seine älteste Tochter 5 Jahre alt ist, beginnt er mit dem Training. Bereits 1941 tritt er mit ihr im Eden-Variete in Saarbrücken auf. Während des Stephan Engstier, Altenwald