113 Von Ingeborg Margait, Saarbrücken Die Legende erzählt, daß es phönizische Rei ­ sende waren, die als erste das Glas entdeckten, als sie im Bett eines ausgetrockneten Flusses ihr Lagerfeuer anzündeten und am nächsten Morgen in der Asche Stücke geschmolzenen Glases fan ­ den. In der Hitze der Flammen war es aus einer Mischung von Quarzsand und Asche entstanden. Tatsächlich liegt die Entdeckung des Glases aber viel weiter zurück. Bereits im 4. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung vermochten die Ägypter Glas herzustellen und zu verarbeiten. Funde aus den Königsgräbern sind für uns heute die älte ­ sten Zeugen einer Glasverarbeitung. Aber auch die Inkas kannten bereits vor 3 800 Jahren ein Glas vulkanischen Ursprungs, das ihnen als ärzt ­ liches Instrumen, für komplizierte Gehimopera- lionen diente. Bei den Griechen war ein Tropfen Glas so viel wert wie eine kostbare Perle, und im alten Rom konnten sich nur die reichsten Leute gestatten, ihre Paläste mit einer Glasscheibe zu schmücken. Im Mittelalter lag das Zentrum der Glasherstellung in Venedig. Bis auf unsere Tage hat sich der Ruhm der venezianischen Gläser er ­ halten. In Deutschland wurden zu jener Zeit aus der zähflüssigen Glasmasse Kugeln geblasen, die halbiert und in Blei gefaßt wurden. Diese so ­ genannten Butzenscheiben schmückten die Häu ­ ser wohlhabender Bürger. Seit jener Zeit der ersten Glasmacher und Glas ­ hütten bis zu unseier heutigen hochentwickelten Industrie, die für Glas die verschiedensten Ver ­ wendungsmöglichkeiten erschlossen hat, wurde ein weiter Weg stürmischer Entwicklung zurück ­ gelegt. Wir verarbeiten das Glas nicht nur zu Fensterscheiben, Trinkglä-ern oder kostbaren Kunstgegenständen, wir benützen es nicht nur zur maschinellen Massenherstellung von Flaschen, Laboratoriums- und Gerätegläsern oder zur Fabrikation von Beleuchtungs- und optischen Gläsern; in den Laboratorien unseres Zeitalters wurden dem Glas Gebiete erschlossen, von denen ein La’ie sich nichts träumen läßt. Wir vermögen Sicherheitsglas fherzulstellen, dessen Bruch sich nach besonderen Gesetzen vollzieht, ferner Glas, durch das wohl Licht, nicht aber die Wärme der Sonnenstrahlen dringen kann, Hartglas, das ela ­ stischer ist als Baustahl, schußsichere Panzer- Igläser und andererseits nicht brennende, ab ­ waschbare Dekorationsstoffe aus Glasfasern von einer Feinheit von 0,002 Millimetern, die als Mittel zur Schalldämpfung dienen. Aber trotz aller bisher erzielten tedmischen Fortschritte, trotz Maschinisierung, trotz Erfin ­ dung halb- oder vollautomatischer Verfahren zur Glasverarbeitung werden di© künstleri ­ schen Glaserzeugnisse wie im Mittelalter durch Mundblasverfahren handwerklich hergestellt. Ein handgearbeiteter kostbar geschliffener Bleikristall- keldi, eine edelgeformte Vase, in deren Schliff sich das Licht regenbogenfarbig bricht, wird das Glamzstück der Glasverarbeitung bleiben. Das Saarland besitzt außer einer Flachglas- hiitte in St.Ingbert und einigen kleinen glasver ­ arbeitenden Betrieben nur eine einzige größere Fabrik, die künstlerische Claswaren herstellt. Dies ist Villeroy & Boch in Wadgassen (s. Abb. 1). Das Werk, das wie die Steingutfabrik in Mett ­ lach, auf dem Boden einer alten Abtei entstanden ist, wovon allerdings nur noch einige Grund ­ pfeiler der ehemaligen Abteikirche Zeugnis ab- legen, beschäftigt ca. 450 Belegschaftsmitglieder. Es hat einen monatlichen Umsatz von 200 000 bis 250 000 Gläsern, von denen das Saarland etwa 15% aufnimmt, während der bedeutendste Teil der Produktion nach Frankreich abgesetzt wird 1 . 20—25% der gesamten Glas- und Kristallerzeug- misse werden exportiert, außer den europäischen Ländern bis nach Afrika, Amerika, Neuseeland usw. •. . Mit Interesse nehmen wir an einer Führung durch den Betrieb teil, um uns darüber zu in ­ formieren, wie in heutiger Zeit fabrikmäßig künstlerische Glaserzeugnisse hergestellt werden. Wir beginnen mit der Besichtigung der Gemenge ­ kammer, die, so bedeutungslos sie auch auf den Abb. I. Villeroy & Boch, Wadgassen