171 Von Elisabeth K i r c h D as bleiche Halbgesicht des Mondes schwamm zwischen weißem Gewölk und blinzelte be ­ lustigt auf das seltsame Treiben drunten im Dorf. Ach, dergleichen kannte er schon, der gute, alte Mond. Alle bösen Geister schienen losgelassen da unten auf der Erde. Da wurden Leitern abgehängt und fortgeschleppt, Schub ­ karren in den Bach gestoßen, daß er plätschernd aufbegehrte, Wagen fortgerollt, Pflüge ver ­ schleppt, Fensterladen wurden aus den Angeln gehoben und Hühnerleitern abgebrochen. Das Gesicht des Mondes verzog sich zu einem breiten Grinsen, als er sah, wie bei dem Hahne- bauer in der Hahnegaß die Sau aus dem Stall gezerrt und zur Fuchsdell hinaufgetrieben wurde. Ihr mörderisches Grunzen weckte die Schläfer. Aber bis sie in die Röcke, in Hosen und Wämser gefahren waren, hatten die Gei ­ ster sich längst verduftet. Ei! Aber dort hinten in der „Hohl" trieben sie es noch toller. Dort nahmen sie einen Wagen auseinander, einen regelrechten Leiterwagen, wirklich und wahrhaftig, legten eine Leiter ans Schuppendach und beförderten den Wagen hin ­ auf, Teil um Teil. Es war ein Meisterstreich. Oben setzten sie den Sezierten wieder zusam ­ men. Ei ■—■ wie sie kicherten und grinsten! Nun thronte der Wagen breit und stattlich auf dem Dach. Nein, solch ein Streich! Der Bauer würde Augen machen morgen in der Früh. Aber was war das für ein seltsames Treiben dort unten im Wald. Aha, da wurde heimlicher ­ weise Holz gefrevelt. Das Gesicht des Mondes verfinsterte sich. Er sah schärfer hinunter. Wahr ­ haftig — jungfrische Maien schlugen sie ab. Er ­ schrocken flüchtete er hinter eine graue Wolken ­ wand. Die Geister aus Fleisch und Blut pirsch ­ ten sich mühsam durchs Gestrüpp. Bald knackte da ein Ast, bald dort ein Bäumchen, das mit einem ächzenden Seufzer sein junges Leben aushauchte. Jetzt trat eine schmale Gestalt aus dem Walddunkel, zwei junge Birken unterm Arm. Es war Heinrich. Er lud die Bäumchen auf die Schulter und schritt quer über das Feld zum Dorf hinunter. Er wollte die Maien der Elsa vor die Haustüre pflanzen als sinnigen Gruß. Jedes Mädchen war stolz auf den Maibaum, womit der heimlich Geliebte seine Zuneigung kundtat. Heinrichs Augen tasteten liebevoll über die schlanken Maien hin. Sie sollten bei Elsa für ihn sprechen, sie sollten ihr, der Feinen, Stolzen sagen, daß er sie liebe. Jetzt hatte er das Gehöft erreicht. Es war kein leichtes Stück, in den abgezäunten Hof zu gelangen, aber Heinrich schaffte es, denn Liebe vermag alles. Mit flinken Händen pflanzte er die Bäumchen auf, eins rechts und eins links der Haustüre. Wie junge stolze Ehrenwächter standen sie im silbrigen Mondlicht. Heinrich war so sehr in sein heimliches Tun versunken, daß er den Späher gar nicht gewahrte, der in den breiten Schatten der hohen Scheune ge ­ duckt, heimlich lauerte. Mit einem befriedigten Blick auf sein Werk, nahm er Abschied von den Boten seiner Liebe, überquerte den Hof, tastete sich durch den Garten, schwang sich über den Zaun und dann stand er draußen auf einem breiten Feldweg. Wie der Flieder so betörend duftete! Ein Rausch erfaßte Heinrich. Er sah nicht mehr, wie dort auf dem weiten Gehöft