89 WERDEN und WESEN EINER SAARLÄNDISCHEN INDUSTRIESTADT Von Bernhard K r a j e w s ki, Neunkirchen/Kohlhol Mit dem Begriff Industriestadt verbindet sich häufig die Vorstellung, daß da, wo vorher nur Ödland, Wald oder Agrarland war, in kurzer Zeit Industrieanlagen mit ausgedehnten Ar ­ beiterwohngebieten wie Pilze nach einem war ­ men Regen aus der Erde schießen. Eine solche Vorstellung trifft auf keine saarländische Indu ­ striestadt zu, insbesondere nicht auf Neun ­ kirchen. Als Stadt im rechtlichen Sinne ist Neunkirchen noch sehr jung, erst 30 Jahre alt, aber als Sied ­ lung reicht seine Entwicklung viele Jahrhunderte zurück. Auf dörflicher Grundlage langsam ge ­ wachsen, vollzog sich der Übergang zum Stand ­ ort einer Schwerindustrie ziemlich rasch, in nur wenigen Jahrzehnten um die Jahrhundert ­ wende. Die Frage, — warum und wie wurde Neunkirchen Industriestadt — ist eine mehr siedlungs-geschichtliche als historische Frage, die in nachstehendem Aufsatz beantwortet wer ­ den soll. Die formenden Kräfte am Bilde einer jeden Siedlung sind nicht aus Urkunden und Akten ablesbar — so wertvoll diese als Quelle und Beleg sind. Das lebendige, drängende Leben läßt sich nicht ans Papier binden, sondern wirkt im tätigen Menschen und den Gegebenheiten der Natur: also die Landschaft und der Mensch er ­ klären primär Entstehung und Wachstum, Fort ­ schritt oder auch Rückgang eines Dorfes, einer Stadt. Die heutige Industriestadt Neunkirchen ist aus einem Waldland erwachsen, aus einem sied ­ lungsgeschichtlich „toten" Raum einer Wald ­ zone, die sich seit urdenklichen Zeiten im mitt ­ leren Saarland auf dem Steinkohlengebirge von SW nach NO dahinzog. Lange hat der bäuer ­ liche Mensch diesen Urwald gemieden, bis etwa um das Jahr 1000 alle waldfreien Gebiete un ­ serer Heimat voll ausgenutzt und besiedelt waren. Da griff die nachdrängende Jungmann ­ schaft, neuen Lebens- und Wohnraum suchend, den Wald an und mit der Axt in der Faust wurde der Urwald gelichtet. In diesem so ­ genannten Rodungszeitalter und der anschlie ­ ßenden Ausbauzeit wurde Neunkirchen angelegt und gegründet. Diese Zeit besitzt jugendlichen Schwung und vitale Energie, die nicht nur bei den Bauern, sondern auch bei den Grundherrn als Siedlungsträger spürbar ist. Nur so ist es zu erklären, daß damals auf dem heutigen Neun- kircher Bann fünf Dörfer fast zur gleichen Zeit entstanden: Alsweiler, Rodenbach, Furpach, Neunkirchen und etwas später Wellesweiler. Drei Dörfer wurden nach einigen Generationen als Fehlgründungen erkannt und verlassen. Als ­ weiler und Rodenbach gingen ganz ein, Furpach bildete sich in einen Hof zurück, nur Neun ­ kirchen und Wellesweiler zeigten Bestand, da hier die natürlichen Gegebenheiten die günsti ­ geren waren. Der dörfliche Charakter Neunkirchens, wie er durch seine Anfangsentwicklung grundgelegt war, hat sich im Siedlungsbild des Ortes bis zum Ende des 19. Jahrhunderts erhalten. Erst die Industrialisierung veränderte den Charakter und das Gesicht des Dorfes völlig. Neunkirchen wurde Industriestadt, wuchs sprunghaft, un ­ organisch, weil verschieden starke Siedlungs ­ tendenzen auf das Wachstum einwirkten: das stille Dorf, die beiden Schloßbauten und die Ausbeutung der reichen Bodenschätze. Die Anlage des Dorfes Neunkirchen liegt geologisch gesehen auf der Grenze von Buntsandstein und Karbon. Der Unterort liegt im Karbon, der Oberort im Bunt ­ sand. Die erste Anlage des Dorfes erfolgte im Buntsandsteingebiet des heutigen Oberen Mark ­ tes im Bereich der Marktstraße, Heizengasse und Steinbrunnenweg, dort, wo ein natürlicher Quellhorizont sich herausgebildet hatte. Der wasserspeichernde Buntsandstein liegt hier auf der alten Oberfläche des Karbon auf, und eine Reihe von Schichtquellen treten hier zutage: Steinbrunnen, Fischkasten, Haken- und Wolfs ­ brunnen. Hier fließt das lebenspendende Ele ­ ment, ohne das keine menschliche Siedlung existieren kann. Zudem liegt diese erste Sied ­ lungsfläche im Wind- und Regenschatten der höher gelegenen Schloßstraße, besitzt leichte Süd- und Südostlage und meidet vor allem das Überschwemmungsgebiet des Bliestales. Auf dieser günstigen Siedlungsgrundlage beginnt