150 Der Hornsepp Von Klaus Schmauch W ährend der Woche war der Hornsepp einer der vielen Bergleute, die tagaus tagein auf der Grube ihre Schicht verfuhren, und am Feierabend versah er seine kleine Land ­ wirtschaft wie die anderen. Auch sonntags ragte er nicht aus ihnen heraus, und wer einen Blick in sein Gesicht warf, mußte gar ein wenig lächeln. Unter der knolligen Nase sträubte sich ein rötlicher Schnauzbart, der den Stacheln eines Igels glich, aber die unter den gehuschten Lidern halbversteckten Augen blickten wasser- klar und harmlos in die Welt. Denkt man sich dazu noch einen borstigen, kugelrunden, auf einem kurzen Hals sitzenden Kopf mit breiten, Der Hornsepp spielt ein wenig hängenden Schultern und einen kurz ­ beinigen, gedrungenen Körper, so ist des Horn ­ sepps äußeres Konterfei vollendet, und niemand hätte in ihm einen Musikanten vermutet. Wenn er aber am späten Abend sein Tenor ­ horn an die Lippen setzte, und, derweil die Fledermäuse um die Hausgiebel huschten, den „guten Mond so sti-i-i-le" über den blinken ­ den Sternenhimmel wandern ließ, dann schwie ­ gen die Gespräche auf den Hausbänken und verstummte der Kinderlärm in den Schlaf ­ kammern. „Horch, der Hornsepp spielt!" hieß es, und zum „Brunnen vor dem Tore" und „dem Holderbaum" plätscherte gar der Dorfbach Bei ­ fall, und die Holunderbüsche in den Gärten winkten ergriffen mit den Zweigen. Aber der Hornsepp konnte auch anders, und spielte er zu einem Tänzlein auf, dann wurden die lauschenden Kinder so quicklebendig, daß sie mit den Händen und Füßen den Takt gegen die Bettladen klopften und erst aufhörten, wenn der Vater oder die Mutter Ruhe geboten. Die Tanzweisen aber summten sie unverdrossen weiter, und einmal wagten die Schwester und ich gar den „Herr Schmitt", wobei wir beide aus dem Bette purzelten. Des Hornsepps Trom ­ pete jedoch schmetterte so aufmunternd hinter ­ drein, daß die Tränen rasch versiegten. Daß Sepp ein geborener Bergmusikant war, bestritt niemand, aber um an den Proben der Bergkapelle teilzunehmen, wohnte er zu weit ab, und auf die „Kolonie" zog seine Frau nicht mit. „Dort würde er statt des Horns meist das Bierglas ansetzen", behauptete die Amei. Sepp lächelte dazu, gab ihr recht und spielte halt in den umliegenden Dörfern auf. Dort hielt man gern die durstigen Musikanten zehrfrei, und berührten sie auf dem Heimweg einen Ort, dann spielten sie ihm an jeder Straßenecke ein Ständchen. Nach dem ersten aber überreichte Sepp dem Jüngsten seine Bergmannsmütze und eine gefangene Mücke und sagte: „Ich ernenne dich zu unserem Kassierer und Finanzminister, finde ich aber nach deiner Rück ­ kehr die Mücke nicht mehr in deiner Hand, dann hast du einen verbotenen Griff in die Staatskasse getan und wirst in einem leeren Bierfaß ertränkt“. Daheim aber knotete Sepp nicht selten einen Hosenknopf in sein rotgeblumtes Sacktuch, übergab es einem Kind und sprach: „Verlier 1 nicht das eingebundene Geld und kauf mir beim Krämer ein Döslein Mückenfett. Was man herauszahlt ist für dich.“ Zu dem verstand Sepp die Kunst, alle Haus ­ tierstimmen nachzuahmen und beim rührendsten Lied mit den Ohren zu wackeln, übte er jedoch mit seiner Kapelle und preßten wir die Nasen gar zu oft gegen die Fensterscheiben seiner Wohnstube, dann stand er plötzlich auf der Tür ­ schwelle und stieß Laute aus dem Baßhorn, die uns durch Mark und Bein drangen. Er war halt ein Schalk, der Hornsepp, und als die Lenenbas eines Tages händeringend jam ­ merte, ihr Säulein bringe die frischgeworfenen Ferkel um, da rannte Sepp spornstreichs in den quietschenden Stall und spielte so besänftigend auf seinem Horn, daß sich die „Mörderin" woh ­ lig grunzend ausstreckte und ihrer vielköpfigen Brut das Gesäuge überließ. Solche Macht war dem Hornsepp gegeben, und am zweiten Kirmestag stand er schon in aller Morgenfrühe mit seiner Kapelle auf der Kirchkuppe und weckte das Dorf und seine Bergleute. „. . . Nur eine Morgenglocke nur,