114 DER VERBOTEN E z Von Albert B r u n k wie die Röcke flogen und die Augen C/ blitzten, wie flink die Füße waren und wie geschmeidig sich die jungen Körper an dem wunderschönen Maienabend im Tanze drehten. Der Nickel strich die Fiedel und die Saiten sangen das alte und doch ewig junge Lied von Jugendseligkeit und Liebessehnsucht. Behutsam nahm der Wind die zärtlichen Melodien auf seine Flügel und trug sie über die Wiesen und Felder des Ostertales für die Vögel in der Luft und die Hasen in der Ackerfurche. Die Jugend des Dorfes tanzte auf dem grünen Rasen. Auch den Küster hatte der schöne Abend hinausgelockt und zu einem Spaziergang ver ­ leitet. Es war wohl ein mühseliges Gehen für Die Jugend des Dorfes tanzt ihn, denn er wurde von der Gicht geplagt, und oft fielen ihn die Schmerzen an wie grimme Tiere. Durch die Gichtbrille gesehen bietet die Welt ein düsteres Bild, und es bleibt nichts von dem Frühling, den der Mai so verschwenderisch in junge Herzen streut. So ächzte der Küster durch den Abend und hoffte vergeblich, daß die Schmerzen von der lauen Luft davongetragen würden. Dem Winde tat der alte Küster leid und er streute ihm einige der lockenden Tanzklänge in das Ohr, daß sie ihn ablenken sollten von der bösen Gicht. Aber was wußte der Wind von Menschen, die von Schmerzen geplagt werden? Eine grimme Wut stieg in dem Küster auf, als er die Geige hörte und das junge Volk beim Tanze sah. Hatte nicht eine hohe Behörde in Ottweiler das Tanzen bei strenger Strafe ver ­ boten und nur für wenige Stunden an hohen Festtagen erlaubt? Und nun sprang die Jugend dort unbekümmert im Reigen, als habe sie das Recht dazu! Wie verdorben doch die Burschen und Mädchen waren. Sorgenvoll schüttelte der Küster den Kopf. Zu seiner Zeit war man nicht so ungehorsam gegen die Obrigkeit. Aber er wollte es ihnen zeigen! Wie konnten sie tanzen, wenn ihn selbst die Gicht plagte? — So schnell es die gichtigen Füße erlaubten, strebte er nach der tanzenden Gruppe. Altpeters Klärchen er ­ spähte ihn zuerst. „Der Küster", schrie die Achtzehnjährige mit den goldblonden Zöpfen, und sie wirbelte da ­ von, noch ehe ihr Partner die Gefahr erkannte. Wie die wilde Jagd folgte ihr die ganze Gesell ­ schaft, und dem Küster blieb nur das leere Feld. Doch der lachte grimmig hinter ihnen drein. Mochten sie flüchten und sich verstecken, sie entgingen ihm nicht. Nur einer war im Dorf, der die Fiedel streichen konnte, und das war der Nickel. Den würde er sich vorknöpfen und sehr bald wissen, wer die Ungehorsamen waren. In den nächsten Tagen klopften viele Herzen unter den Kitteln und Schürzen einen schnelleren Takt, und die harmlose Fröhlichkeit des Tanzes drückte wie eine Zentnerlast auf die Gewissen. Doch als nichts geschah und auch der Herr Pfarrer in der Sonntagspredigt kein Wort dar ­ über verlor, beruhigten sich die Gemüter. Die Sünder lächelten den hübschen Sünderinnen schon wieder verschmitzt zu, wenn sie einander trafen. Sie ahnten nicht, daß das Schicksal schon zum Schlage ausholte. Das Verhängnis hat einen langen Atem. Es ist noch unterwegs, wenn man es längst ver ­ sunken wähnt. Das erfuhr auch die tanzlustige Jugend im Ostertal. Als der Hannes eines Abends von der Schicht heimkehrte, hatte die Mutter rot verweinte Augen. Seine bestürzte Frage nach der Ursache beantwortete sie mit einem stummen Wink zum Tisch. Dort lag ein amtliches Schreiben. Der Hannes las — und dann fiel er kraftlos auf den nächsten Stuhl. Denn sieben Gulden Strafe brummte ihm die Behörde in Ottweiler für das Tanzen auf. Sieben Gulden! Das war ein uner ­ schwingliches Vermögen. Er hatte noch keinen klaren Gedanken fassen können, da kamen die Genossen des fröhlichen Abends hereingeschlichen. Der Hannes war ihr Anführer und von ihm erhofften sie Rat. Denn es war kein Gedanke, daß auch nur einer von ihnen sieben Gulden bezahlen könnte, und ließe man ihnen auch ein ganzes langes Leben Frist dazu. Die Verzweiflung der Anderen gab dem Hannes seine Überlegung zurück. Er durfte ihr Vertrauen in ihn nicht enttäuschen. Zunächst einmal machte er dem Grimm mit einem greu ­ lichen Fluch Luft, der seiner Mutter die Haare zu Berge trieb. Dann versank er in tiefes Grübeln. In ängstlicher Erwartung sahen ihn