158 DER GESPENSTISCHE LANDMESSER Als die Geislauterner Grube noch in Betrieb war, kehrten zwei Grossrosseier Bergleute von der Mittagschicht heim und folgten einem Pfad, der quer durch den nächtlichen Wamdtwald führte. Gleichmässig tickten .die Grubenstöcke, und der Mond, der bleich durch die Baumwipfel Lugte, warf ihren Schatten auf den Weg. «Bald sind wir daheim,» meinte der eine, aber sein Kamerad zuckte zusammen und deu ­ tete auf eine lange, hagere Gestalt, die lautlos neben ihnen Schritt hielt. Sie trug einen lang- schössigen Rock, kurze Kniehosen und einen breitkrempigen Hut und stützte sich auf einen eisenbeschlagenen Stab. Die Knappen erbleichten, atmeten kurz, wag ­ ten kein Wort zu sprechen und verliessen den unheimlichen Pfad. Aber ihr seltsamer Begleiter liess sich nicht abschütteln, und statt dem Unterholz auszu ­ weichen, schritt er mitten hindurch, ohne dass sich ein Ast oder Blatt bewegte. Den Männern rann der kalte Sckweiss über den Rücken, und von einer jähen Angst ge ­ peitscht, liefen sie dem Dorfe zu, dessen Lichter aus dem Talgrund blinkten. Als sie endlich das freie Feld erreichten, war ihr Begleiter ver ­ schwunden, und aus dem Walde drang ein höhnisches Gelächter. « Das war der Geist jenes Landmessers, der einst die Felder der französischen Wamdtsiedler absteckte und die ärmsten unter ihnen betrog, » erfuhren die Knappen im Dorf. Sie mieden fortan den abkürzenden Pfad, aber der « Umgänger » irrte weiter durch den nächtlichen Wamdtwald, und bald hiess es, ein zentnerschwerer Grenz ­ stein laste auf seiner Schulter und drücke ihn fast zu Boden. «Wo soll ich nur den Stein hintun ? » hörten ihn Bergleute in einer Vollmondnacht jammern, und einer überwand seine Furcht und rief : « Wo er rechtmässig hingehört ! » «Auf diese Antwort warte ich schon zwei ­ hundert Jahre ! » schallte es zurück, und seither hat niemand mehr den gespenstischen Land ­ messer gesehen. * DAS IRRLICHT Im « Lier», einem versumpften Bruch zwi ­ schen Büschfeld und Limbach, war es nicht ge ­ heuer, und noch um die Jahrhundertwende sprach man vom « Hannijust», der dort umging und seine glühenden Augen auf einem Teller trug. In den 60er Jahren aber, als die Bergleute des oberen Primstals noch zu Fuss auf die « Kolo ­ nie » zogen und der weite Weg sie nur alle vier Wochen ins Heimatdorf zurückführte, war der « Lier » wegen eines Irrlichtes verrufen. « Weicht ihm aus und lasst es ungestört sein Unwesen treiben ! » ermahnten die Bergmanns ­ frauen ihre Männer, bevor sie mit dem frisch gefüllten « Giftsack » (Mitgiftsack) in der Nacht untertauchten. Besass nun der « Schlompmätz » ein Geister ­ mittel oder hielt er das Irrlicht für ungefähr ­ lich, er schritt festen Schrittes und ohne zu za ­ gen durch den « Lier» und fluchte manchmal recht laut über die Löcher und Gräben des ver ­ wahrlosten Weges. « Es ist höchste Zeit, dass ein paar Bergleute in den Gemeinderat kommen und mit der Lot ­ terwirtschaft aufräumen, » brummte er eben, da stand ein leuchtender Punkt, auf dem nächtlichen Weg. « Sicher ein Kamerad, der mich kommen hört und auf Gesellschaft wartet, » dachte der Bergmann und schritt schaeller aus. « Einen Augenblick, ich bin gleich bei dir ! » rief er dann in das Dunkel, aber nun wandelte ihm das Licht entgegen und wurde zusehends grösser. Beim Kuckuck, so blaurot brannte doch keine Grubenlampe, und zudem hörte er auch keinen Schritt, noch sah er den Schatten einer mensch ­ lichen Gestalt. Der « Schlompmätz » blieb stehen und packte seinen Grubenstecken fester. « Halt, odder ich schiahn dr de Gremmes off de Kopp!» schallte es dem unheimlichen Licht entgegen, aber statt zu hufen, schwang sich dieses in die Luft und zerplatzte mit einem donnerähnlichen Getöse über des Bergmanns Kopf.