109 kammertüre. Oder sie lösten den Knebel, so dass die Kuh loskam und in der Scheune ihr Unwesen anstellte. Traud drückte es fast das Herz ab. Einmal kletterte sie auf den Heu stock, wie alle Abend, um Heu fürs Vieh zu rupfen. Während sie mit dem Haken ins Heu stocherte, fiel ihr plötzlich ein, dass dies immer Babs Arbeit gewesen, Babs, der jetzt unter der kalten Erde lag. « O, du mein lieber Bab ! » kam es ihr unwill ­ kürlich über die zitternden Lippen. Sie lehnte ihr Gesicht an den Balken. « O, Bab, wie bin ich so verlassen, was bin ich für ein armes Mensch ! » Sie umarmte den Balken, das tote, kalte Holz, als umarme sie Bab, und sie sagte sich — weiss Gott, zum wievielten Male schon — wie gut ihr Bab gewesen sei und wie sehr sie nach ihm verlange. Danach trocknete sie mit dem Rockzipfel die Tränen aus den Augen und wollte wieder mit Rupfen fortfahren... da hörte sie plötzlich ein Knistern, irgendwo auf dem Heustock, ganz nahe. Sie erschrak. Sie stand unbeweglich, horchte. Mit einmal sah sie oben einen Kopf hervorschauen, der blickte schnurstracks auf Traud. Da stiess sie einen hellen Schrei aus. Sie liess den Heuhaken fallen, wollte die Leiter hinab. Doch in der Erregung brachte sie nichts zuwege. Sie stand da, wie ein Stück Holz, hielt dem Manne beide Arme abwehrend entgegen. « Hilfe ! », wollte sie rufen, aber es blieb ihr in der Kehle hängen. « Keine 1 Angst ! » hörte sie eine Mannsstimme, sagen. « Ich tu Euch nichts ! » Er lachte be ­ treten, und dann kam er von oben herunter ­ gerutscht, ein grosser, schwerer Mann. Das Heu hing ihm am Schnurrbart. Er pflückte es fort. « Ihr braucht wirklich keine Angst vor mir zu haben, jetzt nicht mehr », tröstete er sie. « Ich habe Euch erschreckt? Ich habe aber nur so ein bisächen in Eurem Heu geschlafen. » Damit ging er an ihr vorüber, Traud sah, wie er das Bein auf die oberste Leitersprosse schwang und hinunterstieg. Jetzt begannen ihr die Knie zu zittern. Der Mann ging durch die Scheune, zum Scheunenpörtchen. Da blieb er stehen. L T nd jetzt kletterte auch Traud herab. Sie öffnete die Futtertüren. Der Mann hatte schon die Gabel gefasst. « Ich darf Euch doch ein bisschen helfen? », murmelte er, und Traud sagte nicht ja noch nein. Sie sah, dass er nicht ungeschickt war in der Arbeit. Von der Seite glich er ein wenig Bab. Auch sonst war etwas an ihm, was ihr gefiel, und sie fasste Ver ­ trauen. Er hatte noch seinen Rucksack auf der Schulter. Den nahm er jetzt herunter, und er fuhr fort, den Kühen Heu vorzugabeln. In ­ dessen ging Traud in die Küche, nahm den Melkeimer, ging in den Stall, setzte sich mit ihrem Streichstuhl unter die Fahl und melkte. Der Mann kam nach einer Weile in die Stall ­ türe und sah ihr zu. « Ihr mistet morgens aus? », fragte er. «Ja », sagte sie nur. Später fing der Mann an, von seinen Ver ­ hältnissen zu erzählen. Er sei Maurer und auf der Wanderschaft. Im Winter gäbe es nichts auf seinem Handwerk, wie sie wisse, zu tun. Dann mache er sich sonstwo ■ nützlich. Als Ferkelstecher, beim Schlachten, überhaupt in allem. Er verstehe sich auf allerlei Arbeiten. Seine Mutter lebe noch. Zu elft hätten sie am Tisch gesessen, aber alle rechtschaffene und fleissige Leute, bis auf einen. «Na », meinte er, «es kann jeder mal da ­ neben treten und auf die schiefe Bahn kommen. Wenn man sich nur wieder hochschafft! » So sagte er. Und Traud hörte ihm andächtig zu. Eine Mannsstimme... so ein Mannsgespräch, eigent ­ lich war sie das garnicht mehr so recht gewöhnt. Einmal begegneten sich ihre Blicke. Es gehe