108 Traud atmete auf. Wie gut, dass Bab den Notar noch hatte kommen lassen. O ja, Bab ! Er hatte die Gesetze gekannt, aber auch seine Geschwister hatte er gekannt. Ja, Bab... so einen guten und gerecht denkenden Mann gab es nicht mehr. Ein paar Tage darauf kamen die Geschwister abermals zu Traud. «Du musst aus dem Haus ! », sagten sie. « Bab hat kein Testament gemacht, das hast du selbst gesagt, und wir haben uns beim Notar erkundigt. Wir sind seine Erben. So ist es gesetz ­ lich. Du musst aus un- serm Haus ! » Traud würde blass. « Aber », wandte sie ein, «Bab hat doch nur die drei Stücker Land und die Pfarrwies mitgebracht, das andere habe ich mit ­ gebracht, von daheim. Und das Geld, das haben wir doch zusammen ge ­ spart. Bab und ich. Aber ihr , könnt. .. ich will nicht mit euch streiten, das kann ich nicht... ich gebe euch die drei Stücker Land und die Wiese wieder, » Aufs längste Leben. Vor Gericht könnt ihrs bald noch einmal hören. » Sie ging zur Türe, zog sie auf und hob den Arm : «Und jetzt macht euch aus dem Haus, sonst hole ich den Gendarm ! » Da lachten sie. Sie gingen in den Stuben und Kammern, gingen im ganzen Haus umher, als wären sie hier die Herren. Sie schlichen und krochen und suchten umher wie Kater, wenn sie nach Mäusen jagen. Traud sah ihnen ängstlich zu, blass, den dünnen Mund verkniffen. Mit einmal fasste sie sich ein Herz. Sie sprang zur Wasch ­ kommode hin, riss eine der Schubladen auf, •wühlte in den Wäschestücken und zog ein dün ­ nes Buch heraus, das Sparbuch Babs aus seiner ledigen Zeit. « Da ! », rief sie aufweinend, « da, ihr Gier- pänze ! Das ist alles, was Bab hinter lassen hat. Da seht selber ! Ganze vierzehn Mark. Fresst Sie auf, ihr Fresshälse ! » Und sie schleuderte ihnen das blaue Büchlein vor die Füsse. Einer der Schwäger schnappte es vom Boden auf, dabei flatterte ein zusammengefalteter Schein heraus. Er ging ans Fenster damit, entfaltete ihn, las. « Aha », sagte er jetzt. « Beim Notar seid ihr gewesen, Bab und du. Da steht es schwarz auf •weiss. Bab hat also doch ein Testament ge ­ macht, weil er wusste, was für eine du bist! » Traud sagte darauf ruhig : « Wir waren nicht beim Notar gewesen, aber der Notar war zu Bab hierher gekommen. Bab hatte ihn rufen lassen. Was du hast, ist nur ein Schreiben vom Notar. Das Testament liegt beim Gericht. Bab kannte euch, Bab hat auch ein Testament ge ­ macht, er hat mir alles verschrieben, mir! Sie knurrten. Traud ging auf die Haustüre und rief, dass man es überall in den Nachbar ­ häusern hörte : « Aus meinem Haus, ihr Erpresser, sonst rufe ich den Gendarm ! » Da gingen sie. Und Traud schloss die Türe, schob den Riegel vor, wankte in die Kammer und warf sich auf Babs Bett. « O, Bab ! », schluchzte sie. « O, Bab ! » Von dem Tage an hatte es den Anschein, als liessen sie ihr Ruhe, und Traud ging ihrer Arbeit nach, so wie sie es gewohnt war und musste. Doch nie vergass sie, des Abends, ehe sie sich oben in die Speicherkammer begab, die Türen abzuriegeln. Eine Weile ging sie auch mit dem Gedanken um, sich einen Hund anzuschaffen, der sie bewachte, und dann brauchte sie auch so etwas wie ein Lebewesen,- dem sie gut sein konnte und das ihr anhing. Die Kater gaben aber ihr Treiben gegen Traud nicht auf. Das hatte sie auch nicht an ­ ders erwartet. Sie schlichen sich des Nachts an ihren Giebel, stiegen die Leiter hinauf aufs Dach und liessen alte Töpfe, Kannen und dicke Wacken durch das Kamin herunterfallen, in Trauds Küche. Sie schlüpften zum Kellerloch herein, stiegen die Kellertreppe hoch und fingen an zu miauen und zu schnurren. Sie stiegen in die Fruchtkammer, rasselten mit Ketten, die sie mitgebracht hatten, tappten und spekta ­ kelten herum, bumsten gegen Trauds Schlaf-