86 weite Striche des Bliesgaues : Stadt und Land waren sozusagen entvölkert und zerstört. Unbe ­ deutend war die Anzahl jener Bewohner des Fleckens, die den Kriegsgreueln, der Pest und dem Hunger entgangen waren. Wie man berich ­ tet, betrug nämlich die Zahl der im Jahre 1643 zum Kirchgang nach St. Sebastian (Blieskastel) verpflichteten Personen im Flecken selbst nur noch 28. • Unter der Regentschaft der ,, von der Leyen “ Es war im Jahre 1660, also zur Zeit des ein ­ setzenden Wiederaufbaues im heutigen saar ­ ländischen Raum, als der Trierer Kurfürst und Erzbischof Karl Kaspar seinen Bruder Hugo Ernst, Edlen von der Leyen, mit der kurtrieri- schen Herrschaft Blieskastel belehnte. Kein schönes Erbe trat der neue Landesherr hier an ; er blieb aber bemüht, Stadt und Land Blies ­ kastel aus Schutt und Asche neu erstehen zu lassen, wobei er an seinem zweiten Bruder Damian Hatard, damals Erzbischof von Mainz, eine Stütze hatte. Die Baulust des gemeinen Mannes wurde, wie Becker schreibt, angeregt und gefördert, sodass im Bereiche des herr ­ schaftlichen Sitzes wie im Tale von Castel nach und nach wieder eine ansehnliche Neusiedlung entstand. Die Edlen von der Leyen wurden zunächst in den Reichsfreiherrnstand und, um es gleich zu bemerken, 1711 in den Reichsgra ­ fenstand erhoben. Und mit diesen Herren von der Leyen sollte dann auf immer Blieskastels Entwicklung und weiterer Aufstieg aufs engste verbunden bleiben. Es würde in diesem Rahmen zu weit führen, wollten wir hier alle Einzelheiten erwähnen, die die geschichtliche Entwicklung des Fleckens kennzeichnen. Schliesslich gewinnt Blieskastel erst seine besondere Bedeutung mit dem Regie ­ rungsantritt seines letzten männlichen Regenten Franz Karl von der Leyen (1760), eines Mannes von Grundsätzen, begabt mit Welt- und Men ­ schenkenntnis, beseelt von Nächstenliebe und Familiensinn. Wenn Stadt und Herrschaft Blieskastel auch nicht gleich von dem politisch ­ wirtschaftlichen Weitblick und der unbegrenz ­ ten Arbeitsfreude des Landesherrn wie von seiner Fortschrittlichkeit profitierten, so lag dies daran, dass sich der herrschaftliche Hof mit Residenz in Koblenz befand. Blieskastels Reichsgraf, dessen Hauptbesitz ja in unserer Gegend lag, heiratete am 15. Sep ­ tember 1765 das Freifräulein Maria Anna v. Dalberg aus Worms, an welchem Tage bereits mit aufgehender Sonne sechzehn auf dem schar ­ fen Ecke « vor dem Schloss » aufgestellte Mörser ins Tal hinab donnerten und die zur Herrschaft gehörigen Dörfer antworteten. Man wollte eben aus der Ferne die in Mainz vollzogene Trauung mitfeiern. Hatte der Graf gelegentlich seiner im gleichen Jahre durchgeführten Reise nach Blieskastel festgestellt, dass das Le yenland gegenüber den kleinen Nachbarstaaten in jeder Hinsicht bedenklich zurückstand, in Blieskastel nur ein verbrauchter Schlosshaushalt und eine kleine Kirche unter einer ländlich-armen Bevöl ­ kerung zu finden waren, so drückte ihn die heillose Verwirrung in der Landesverwaltung ganz besonders. Wie sah es damals in dem Marktflecken aus? Etwa 150 Herdstätten mit vielleicht 750 Bewoh ­ nern wurden in dem heute noch «Castel» genannten Herrschaftssitz gezählt ; die Leute trieben Landwirtschaft und einige ein Hand ­ werk, das aber keine Besonderheiten zu ver ­ zeichnen hatte ; der Ort war zwar Pfarrsitz, jedoch stand die Pfarrkirche in dem nahen Blickweiler ; die Filialkirche, dem hl. Sebastian geweiht, war klein und unansehnlich. In einem Flügel des Schlosses waltete ein Amtmann mit geringem Personal ; jegliches kulturelles oder gesellschaftliches Leben fehlte hier, dies alles im Gegensatz zu den Nachbarresidenzen Saarbrücken, Zweibrücken u.a. Wenn auch das Grafenhaus Jahre zuvor den Blieskastelern je ein Stück Land unentgeltlich überlassen und auch Gartenland gegen bescheidene jährliche Erbpacht zugeteilt hatte, so lebten die Bewoh ­ ner immerhin in recht ärmlichen Verhältnissen, denen letzten Endes das gesamte Bild des Marktfleckens entsprach. Die Sorge um die Hebung des Wohlstandes von Bliesherrschaft und ihrer Bevölkerung Hessen im Herzen des Regenten den Entschluss reifen, eines Tages Wohnsitz und Residenz am Hauptort des Amtes, in Blieskastel, zu nehmen. Und nachdem Mitte Mai 1773 in Castel wie im Westricher Blicsland öffentlich bekanntgemacht worden war, dass die Herrschaft in kürzester Zeit zu längerem Aufenthalt am Amtssitz ein ­ träfe, hielt die gräfliche Familie am 26. Mai des gleichen Jahres ihren Einzug um hier zu bleiben. So schmerzlich diese Tatsache für die Koblenzer sein mochte, umso erfreulicher und versprechender war sie für die « Casteier ». Der CMarktfleCken als Residenz Vielseitig waren die Aufgaben, die das Regen- x tenhaus sich stellen musste, auf der einen Seite eine würdige Residenz zu gestalten, dann aber, um jegliche Grundlage zu schaffen, die sozialen und wirtschaftlichen wie kulturellen Verhält ­ nisse der Bewohner endlich zu verbessern, deren Los bisher Beschäftigungslosigkeit, Not und Bettelei waren. Das dörfliche Blieskastel sollte nach Aufstellung eines Bebauungsplanes, der ab 1774 zielbewusst durchgeführt wurde, den