73 i Rund um den Schaumberg I Das Bergmannsbauerndorf Scheuern Von Siegfried GRIMM • Heinitz A n der Nordgrenze unseres Saarlandes be ­ findet sich ein eigenartiges Gebirgsland, das Hunsrückvorland. Ich denke an das " Gebiet nördlich der Linie Lebach-Neun- kirchen, zwischen Prims- und Bliestal gelegen. Dieses Gebirgsland hebt sich von allen anderen Landschaften des Saarlandes scharf ab. Im Nor ­ den erblicken wir den alle übrigen Höhen über ­ ragenden Schaumberg mit einer Höhe von 571 m, eine mächtige Vulkankuppe aus Porphyrit. Neben dem Schaumberg sei noch der Lindenberg bei Steinbach erwähnt. Er ist aber 100 m niedriger als der Schaumberg, der mit seinem Aussichts ­ turm den ganzen Norden beherrscht. Zwischen Schaumberg und Lindenberg befindet sich das berühmte Dörsdorfer Hochbecken. Wer Natur und Kunst gemessen will, der wandere durch das saarländische Vulkangebiet. Schon Wilhelm Martin sagt in seinem Buche « Land und Leute an der Saar» : « Er versäume nicht, die Land ­ schaft im Raume Dörsdorf—Hasbom—Scheuern —Neipel, das Dörsdorfer Hochbecken mit dem anschliessenden Tal von Bergweiler zu besuchen.» Wendet man sich von Tholey aus nordwärts, so erreicht man in 2 Stunden Scheuern. Gleich ­ gültig von welcher Seite man kommt, ob von Süden oder von Osten, man entdeckt den Ort erst sehr spät, da er im Tale zwischen sanft an ­ steigenden Bergen liegt. Das Dorf Scheuem gehört politisch und verwaltungsmässig zum Kreis St. Wendel (Ver ­ waltungsbezirk Tholey). Diese Verbindung des Dorfes mit Tholey besteht bereits seit Jahr ­ hunderten. Die Geschichte des Dorfes Scheuern ist eng verknüpft mit der Geschichte der alten Abtei Tholey. Das kleine Dörfchen mit einer Einwohnerzahl von nur knapp 600 Menschen scheint schon sehr alt zu sein. Der Name rührt ohne weiteres her von einer Scheuer. Schon vor 430 Jahren soll sich in dem kleinen, so unan ­ sehnlichen Oertchen eine Zehntscheuer, dem Kloster in Tholey angehörend, gefunden haben. Man kennt heute noch ganz genau die Stelle unweit des Dorfes, wo nach historischer Ueber- lieferung der Bau seine breiten Räume zur Auf ­ nahme des Zehnten aller Bodenerzeugnisse für das Kloster in Tholey bereitgehalten hat. Auch besass Scheuern im 15. Jahrhundert ein Hoch ­ gericht. Die Hochgerichtsherrschaft wurde aus ­ geübt von der Abtei Tholey. Man zeigte mir an einem Hause unter einer altersgrauen Linde die Stelle, auf welcher ein Turm zur Aufnahme der Gefangenen stand, während noch immer die süd ­ lich von Scheuem gelegene Anhöhe minder Beherzten im Dunkel der Nacht einen heimli ­ chen Schauder empfinden lässt. Denn es ist der Galgenberg, wo soviele tausend Geister gehenkter Verbrecher in abscheulichen Gestalten umher ­ ziehen und nimmer Ruhe finden. Solche und ähnliche Geschichten erzählt sich der Volksmund. So las ich in der Scheuemer Schulchronik, ge ­ schrieben von einem Dorflehrer etwa um 1850, folgendes : «Aber auch im Orte selbst ist es nicht ganz geheuer. Unterhalb des nach Nieder ­ hofen führenden Weges bei dem so benamsten « Hennenalthaus » treten Dir die Erinnerungen: der mittelalterlichen Hexen- und Geistergeschich ­ ten und die Torheiten jener Zeit lebhaft nahe. Oder siehst Du nicht da das Hexengärtchen, auf dessen ehemaligem Domgesträuch die Hexen irr der ersten Maimittemacht mit nackten Füssen ini wilden Tänzen sich ergingen ? Lass Dir’s mal von der Grossmutter erzählen. Die weiss gewiss noch mehr. Vielleicht zeigt sie Dir auch noch das Hexentöpfchen, mittels dessen Gebrauch die Ahnen früherer Jahrhunderte die erwähnten Unholde von Leib und Leben, von Kindern, Vieh und Haus femhielten. » Während so Scheuern die Spuren mittelalter ­ licher Existenz unverkennbar mit in die Gegen ­ wart genommen hat, ist man fast zur Annahme geneigt, dasselbe habe seine Kinderschuhe bereits in der nackten « Heidenzeit» breit getreten. In unmittelbarer Nähe des Dorfes befindet sich noch ein Brunnen, welcher den Namen « Götzen- bom» führt ; auf den nahen Anhöhen aber entdeckte man in früheren Jahren nicht selten mit Asche verbrannter Leichen gefüllte Urnen. Auch unterhalb des Ortes, in der Nähe des nach Neipel bezw. nach Lindscheid führenden Weges hat man verschiedene solcher Funde gemacht. Die Namen Schaumberg und Tholey haben einen interessanten Klang, liegt doch hier ge ­ schichtlich inhaltsreicher und schicksalsschwerer Boden. Auf die Urbewohner des Landes, die Bewohner der Steinzeit, folgten die dem arischen Stamme angehörenden Kelten oder Gallier, die lange vor der Zeitenwende in Südwestdeutsch ­ land sesshaft waren. Den Zeitpunkt ihrer Nieder ­ lassung im Schaumberggebiet können wir nicht näher bestimmen. In der Gegend von Tholey fand man Gräber gallischer Häuptlinge mit rei ­ chem Goldschmuck.