191 „Wer kä Bersdimann iss, zähld net mell“ Von Claus SCHMAUCH, Saarbrücken. Ich stamme aus einem der zahlreichen Bergmannsdörfer, die im weiten Umkreis der Saargruben aufblühten, und soweit ich mich zurückerinnern kann, gaben die Bergleute unserem Ort das Gepräge. Das Wochenende stand ganz unter ihrem Zeichen. Schon am frühen Samstagnachmittag putzte sich das Dorf heraus, und es fuhr kaum noch ein Ge ­ spann aufs Feld. „Wenn die Bergleute kom ­ men, müssen wir fertig sein“, hieß es in jedem Haus, und dann ward gefegt und gerieben, gescheuert und geputzt, bis das Dorf blitz ­ blank dalag, fast so, als sei schon der Sonn ­ tag eingezogen und brächte die Bahn viele liebe Gäste zu uns. Und es war wirklich eine stattliche Anzahl Männer, die um die Vesperstunde den Bahn ­ hofsweg heraufkamen. An der Spitze die Bergmannsväter, umringt von den jubelnden Kindern, und hinterher die Burschen, die beim Bahnhofswirt noch rasch einen Steh- •choppen genommen hatten. Wie hell und leicht beschwingt tickten die Grubenstecken über das saubere Straßen ­ pflaster, und wie flink streiften die Frauen und Mädchen ihre Schaffkleider ab, um den heimkehrenden Gatten oder „Schatz“ im hal ­ ben Sonntagsstaat zu empfangen! Zu Hause aber öffneten die Bergmänner den Gruben ­ ranzen und beschenkten ihre Angehörigen mit ein paar Kleinigkeiten. Die Kinder er ­ hielten meistens eine Handvoll „Gutzje“ und die Weibsleut eine Tafel Schokolade. Dieser «chöne Brauch erlosch erst, als die Knappen das Schlafhausleben aufgaben und täglich heimkehrten. Am Samstagabend schritt keiner der Bur- ichen ohne Bergmannsmütze durchs Dorf. Die kleidsame Kopfbedeckung mit dem, schwarzen Samtband und den gekreuzten Hämmern trug jeder mit sichtlichem Stolz, und kaum war einer als Jungknappe angefahren und hatte den ersten Zahltag in der Tasche, dann ver ­ riet die „nei Berschmannskapp“, daß er zu einem Stande zählte, der sich seines Ansehens und Wertes bewußt war, „... Wo hätte der Kaiser die Krone wohl her, wenn tief in der Erde der Bergmann nicht wär...?“ Das Lied drang während der Abend ­ dämmerung von der Dorfbrücke, und bald mischten sich die hellen Stimmen der Mäd ­ chen unter die der Burschen. Dann folgte, von der Maulgeige oder der Ziehharmonika begleitet, Bergmannslied auf Bergmannslied, bis die Mitternacht das junge Volk in die Federn trieb. Diese Sitte ist noch heute in manchem Bergmannsdörf lebendig, und nicht selten waren jene Singgemeinschaften die Bahnbrecher späterer Gesangvereine. Am Sonntag dagegen trumpfte der Hirnsepp mit seiner Blechkapelle auf, und die munteren Weisen der Schnurranten, die alle dem Berg ­ mannsstand angehörten, drangen bis ins ent ­ legenste Haus. An der Kirmes jedoch erschien die Kapelle „in vollem Wichs“ und stellte sich an die Spitze des Bergmannsvereins, der vor der Dorfschenke zum Kirchgang angetreter» war. „Knappen — marsch!“ Wie schmetterten ds die Hörner, wie brummten die Bässe, wie dröhnte die dicke Trommel und wie bauschte sich die Bruderschaftsfahne über den wehen ­ den Federbüschen und tiefschwarzen Besg- mannsmützen! Und neben dem Zug schritt der Büchsenälteste, in der Rechten den eben- holzfarbenen Bergstock mit dem versilberter; Hammerknauf, auf dem Kopfe den runde» Tschako mit besonders prächtigem Feder ­ schmuck und am Kittel leuchtende Messing ­ knöpfe. „Ja, unser Berschleit!“ rühmten dann dit Dorfeingesessenen, und die zahlreichen Kir ­ mesgäste sperrten „Mapl und Ohren“ auf, urc nur ja nichts bei dem feierlichen Aufmarsch zu übersehen. Die Mädchen aber deutete» voll Stolz auf den Freiersmann in der schmucken Knappentracht und brüsteten sich vor dem Kirmesbesuch, daß auch ihr Zukünf ­ tiger den Bergmannskittel trage. Neben dem Gesang und der Musik war auch das „Theaterspielen“ ein Privileg der Bergleute, und die einzige Bühne des Dorfe* gehörte dem Knappenverein. Am augenfälligsten aber stand das Dorf irr Zeichen des Bergmanns, wenn auf der großeE Wiese am Mühlenberg ein Bergmannsfesi stattfand, und die Kn-appenvereine der gan ­ zen Umgegend mit ihren Fahnen und Musik ­ kapellen aufmarschierten. An diesen Tager stand an jeder Straßenkehre eine blumen ­ geschmückte Ehrenpforte, hing unter jeden Hausfenster ein aus Tannengrün gewundene? Kranz, krachten die Böller aus allen Himmeln richtungen und wehten die Fahnen aus aller Dachluken. Im großen Postzelt aber musizierten 4i* zahlreichen Kapellen und auf der mit Maie® umzäunten Holzbühne schwangen die Knap ­ pen ihre Mädchen im Tanz. Derweil drang von den im Freien aufgeschlagenen Bänke» und Tischen das Hallo der sich treffende® Kameraden und scharten sich die „Pärchen* um ihre Ältesten, und obwohl auf dem Fest ­ platz für des Leibes Notdurft überreichlich gesorgt war, versäumte kein eingesessenes Bergmann, den auswärtigen Kameraden tkxc, Essen einzuladen. Dabei ward das Beste auf ­ getischt, was Küche und Keller bot, und kehrte der Gast am späten Abend heim, dann fehlte selten das Kudhenbündel für „die daheim“. Kein anderer Stand pflegte die Kamerad ­ schaft mehr als der Bergmannsstand. Hatte der Schlepper die Hauerprüfung bestanden, so lud er die Kameraden „seiner Pardie“ mt einem Umtrunk ein; zog er zum Militär, dann galt es, den Abschied zu feiern, und kam ein Bergmann zu einer andern ,pardie“, dann