io* 163 die revolutionäre Bewegung, verherrlichte in seinen Schöpfungen die Tugenden des Alter ­ tums und wurde in etwa der offiziell aner ­ kannte Maler der Revolution. Später ernannte ihn Napoleon zum ersten Maler des Kaisers. Von den Bourbonen im Jahre 1815 ver ­ bannt, da er einer von den Deputierten ge ­ wesen war, die im National-Konvent für den Tod des Königs Ludwigs XVI. gestimmt hat ­ ten, verbrachte er die letzten Jahre seines Lebens in Brüssel trotz der Bemühungen des Preußenkönigs, der ihn gerne an seinen Hof gezogen hätte. In Frankreich gewann David einen tyrannischen Einfluß, und die Ge ­ schichte der französischen Malerei während der beiden ersten Jahrzehnte dieses Jahr ­ hunderts ist fast ausschließlich die seiner Schule. Das Dogma der Antike war von alven übernommen worden: Gerard, Guerin, Giro- det, Prud’hon. Eine einzige Ausnahme bildete GROS, der durch seine Darstellung napoleonischer Schlachten berühmt gewordene Maler. Er führte in seinen Werken die durch die An ­ hänger Davids verbannte Bewegung und Farbe wieder ein und wählte im Gegensatz zu der damals herrschenden Zeitrichtung be ­ sonders zeitgenössische Stoffe. Maler und So.dat, brachte Gros in seinen Gemälden die Schrecken des Krieges und seine Leiden mit dramatischer, selten erreichter Ein ­ druckskraft zur Darstellung. Aber das Ansehen Davids blieb so stark, selbst nach dessen Verbannung, daß der Ver ­ such von Gros, die etwas kalt wirkende Kunst der Anhänger Davids neuzubeleben, von seinen Zeitgenossen abgelehnt wurde, und der Künstler in der Erkenntnis, einen Irrweg eingeschlagen zu haben, Selbstmord beging. So sah es damals aus, als die romantischen Maler auftraten. In der Malerei stellt die Romantik zunächst eine Reaktion gegen die Vergötterung der griechisch-römischen Kunst dar. Die Kriege des Kaiserreiches hatten zahlreichen französischen Malern die Mei ­ sterwerke Flanderns und Hollands geoffen- bart; Rubens und Rembrandt mit ihrer Farbe, ihrem Licht und ihrem Leben hatten sie von der klassischen Kunst abgelenkt. So entstand eine neue Kunst, die während des Jahrzehnts von 1820 bis 1830 führend wurde. Der der Revolution von 1830 folgende Wech ­ sel des Regimes befestigte ihren Sieg. König Ludwig-Philipp und seine Minister, vor allem Thiers, gewährten der romantischen Malerei ihren Schutz. Die hervorragendsten unter allen Vertretern dieser Richtung sind GE- R I C A U L T und DELACROIX. Alle beide sind sehr bedeutende Künstler, und ihre Begabung ist so verschiedenartig, daß man sie nicht ohne Vorbehalt im eigent ­ lichen Sinne der romantischen Schule zu ­ rechnen kann. Sie ragen weit über deren Rahmen hinaus, und lediglich das Bedürfnis nach einer Einreihung läßt eine Zuordnung dieser beiden unabhängigen Meister zu den Romantikern zu. Wenn man unter Romantik die vorzugsweise Darstellung von Stoffen aus dem Mittelalter und der Renaissance versteht, dann waren sie Romantiker. Aber ihre ausgeprägte Persönlichkeit verwehrte es diesen Meistern, sich den strengen Vorschrif ­ ten einer Schule zu beugen. Gericault starb sehr jung im Jahre 1824 in voller Schaffenskraft infolge eines Sturzes vom Pferde. Aber er hinterließ trotzdem einige Meisterwerke der französischen Malerei. Was ihn kennzeichnet, ist die Liebe zum Leben verbunden mit der zur Ordnung. Er verherrlichte die Kraft: Frauen hat er nicht gemalt, nur junge, auf ihre Muskeln stolze Männer. Aber diese Lebensfreude wurde durch tiefgründige Studien in geordneten Bahnen gehalten. So hat Gericault in dem berühmten Bilde: „Das Floß der Medusa“ (Bild 3), zu welchem er durch ein zeit ­ genössisches Ereignis angeregt wurde, näm ­ lich die Rettung von Passagieren einer an der afrikanischen Küste schiffbrüchigen Fre ­ gatte nach langen leidensvollen Tagen, von den Vorgängen dieses zu malenden Dramas denjenigen festgehalten, welcher mit mensch ­ lichen Empfindungen am gesättigtsten ist; es ist jener Augenblick, in dem das rettende Schiff den Schiffbrüchigen sichtbar wird. Bevor er sein Gemälde begann, sammelte Gericault Unterlagen, ließ ein Floß nach den Angaben eines der Überlebenden bauen, reiste an die Küsten des Atlantik, um das Meer zu betrachten, und besuchte Kranken ­ häuser, um Kranke und Tote zu beobachten. Nach Sammlung dieser Unterlagen schuf er ein Gemälde, in dem er seine Gestalten in zwei Gruppen aufteilte: unten diejenigen, die durch Verzweiflung und Krankheit nie ­ dergeworfen sind, oben diejenigen, denen die Hoffnung auf Rettung neue Kraft geschenkt hat. Kennzeichnend jedoch für die Art Ge- ricaults ist, daß der Realismus der han ­ delnden Personen des Dramas wie der der Gestalten Michel-Angelos in geklärter Form zum Ausdruck kommt.