Zimmer herum, wie man es tatsächlich mit altem Eisen nicht tun kann und was es auch garnicht aushalten würde. „Du bist die beste Mutter der Welt!“ sagte Meta ein übers andre Mal. Und dann gelang es Frau Ringstatt doch noch anzufügen: „Halt — Kraft sparen und loslassen! Denn morgen früh gehts an die doppelte Arbeit, an die dankbarste unseres Lebens wohl: Ganz, ganz im Dienste des Vaterlandes unserer Frauen Hände Werk! Für unsre Väter, Söhne, Brüder, Kameraden!“ Die unsichtbare Wunde / vonjoh..nM.id<.«r Erwartungsvoll saßen die Menschen im Konzertsaal. Strahlendes Licht flutete mit wohltuender Wärme über festlich gestimmte Gesichter. Von dem Platz des Orchesters mutete das Stimmen der Instrumente, als trieben tausend Kobolde ihr Unwesen. In das behäbige Brummen der Bässe hüpften die munteren Kadenzen der Klarinetten, klagten die Geigen in suchendem Auf und Ab. Regine saß auf ihrem Platz und lächelte zuweilen wie über eine Schar ruheloser, schwatzender Kinder. Gleich mußte der Diri- gent kommen. Ein leichtes, mahnendes Klopfen seines Stabes, eine Bewegung seines Armes würde genügen, um aus den Elfen und Kobolden eine gesittete Schar zu machen. Sie kannte es und freute sich jedesmal dar- über. Es war zu ihrer inneren Vorbereitung unerläßlich. Merkwürdig, wie viele Plätze heute, ein- zeln und zu zweien unbesetzt waren. Sie wußte nicht, daß sie den Insassen des Re- servelazarettes Vorbehalten waren, die an diesem Abend als liebe Gäste zwanglos unter die Besucher gesetzt wurden. Da kamen sie auch schon. Eine Bewegung ging durch die Reihen. Man rückte, half ihre Plätze suchen, stand bereitwillig auf, wenn die Verwunde- ten durch die Reihen mußten. Ein Gefühl herzlicher Verbundenheit erfaßte jeden. Ja, heute mußte es doppelt schön werden. Wie in einer Familie, wenn der Vater, der Sohn, der Bruder auf Urlaub war. Es war das gleiche Bild, wenn auch die Gesichter andere waren. Aber hatten sie nicht alle den gleichen wesensverwandten Zug in ihren Mienen. Auch Regine bekam einen Nachbar zu ihrer Linken. Wortlos nahm er seinen Platz ein. Aus dem schweren Tuch der Binde lugte ein wenig das Weiß eines dichten Verbandes, in dem sein rechter Arm ruhte. Verstohlen betrachtete ihn Regine von der Seite. Ernst und still war sein Gesicht. Er schien ihr wie einer, der sich nach langem Kampf mit etwas abgefunden hatte. Auf- merksam' glitt sein Blick über das Orchester. Dankbar nahm er das Programm an, das Regine ihm bot. Die Lichter verloschen. Die Musik begann. Wie ein Raunen wob es durch die Stille des Saales. Erst leise, geheimnisvoll, um allmählich stärker zu werden, sich zu verbinden mit neuerwachenden Stimmen. Das breit dahinfließende Adagio löste alles irdische, hob die Seele empor aus Erden- schwere unter die Gestirne des alle Leiden mildernden Himmels. Regine schloß die Augen. Wie schön war es, den lockenden, dann leidenschaftlich for- dernden Tönen zu folgen auf gewundenen Pfaden, um dann auf lichten Höhen mit ihnen zu jubilieren und zu schwelgen im munteren Scherzo. Mochten die Gedanken des Mannes neben ihr wohl die gleichen sein?------ Oder war sein Gefühl verhärtet worden im eisern harten Kampf der Wirklichkeit. Erst das zündende, von tiefem Ernst er- füllte Finale hob sie aus ihren Träumen. Als der Beifall sich gelegt hatte, wandte sie sich dem Soldaten zu. Sie erschrak. — Auf dem Programm, das er noch immer in seiner Hand hielt, gleißten blanke Tropfen. Tränen? Mitgefühl packte sie. War er einsam? Oder war es die Erinne- rung an die gefallenen Kameraden, die ihn bei der Musik so stark ergriff, daß er die Tränen nicht mehr meistern konnte. Wie gerne würde sie ihm helfen, ihm Schwester sein, kühlen die unsichtbare Wunde. Sie faßte sich ein Herz. Als er zufällig einmal herübersah, frug sie unvermittelt: „Lieben Sie die Musik sehr!“ — Er lächelte etwas. „O ja!“ „Aber“, fuhr er fort, und seine Stimme wurde sehr leise, „ich liebte sie einmal an- ders als heute“ und sein Blick strich wie suchend über die Binde, dort wo die Hand sein sollte. Regine verstand. Sie wagte keine Frage mehr. Sie war zu sehr Frau, um an eine Wunde zu rühren, die nicht einmal im Kör- perlichen bestand. Er hatte mehr verloren als einen Teil seines Körpers. Er hatte die Gabe verloren zu beschenken, die glücklicher macht, als Empfangender zu sein. Das mußte erst über- wunden werden. Die Lichter verloschen aufs neue. Wieder rauschte eine Melodie durch den Raum, diesmal wie tröstend. Wie wenn eine Mutter mit kühler Hand wirre Gedanken von der fieberheißen Stirn ihres Kindes scheucht. Als das Konzert zu Ende war, stand Regine in der Halle noch einmal vor dem Soldaten. Fest hielt sie die noch gesunde, nervige Hand in der ihren. Sie hatten sich verstanden. Mochte der Himmel und die alle Leiden heilende Zeit ihr helfen, seine V/unde zu schließen. Die unsichtbare Wunde. 175