Tuberkulose-Merkblatt Bearbeitet im Neichsgssundheitsamt im Benehmen mit dem Reichs-Tuberkulose-Ausschuß A. Was ist Tuberkulose? 1. Die Tuberkulose ist die verderblichste aller übertrag- baren Kränkheilen. Kein Land, keine Volksschicht, kein Lebensalter, kein Beruf wird von ihr verschont. Auch in Deutschland fordert die Tuberkulose noch in jedem Jahr zahlreiche Todesopfer. 2m Jahre 1935 war in der Altersgruppe von 15 bis 60 Jahren jeder 6. Todes- fall durch Tuberkulose bedingt. 2. Die Tuberkulose wird hervorgerufen durch den von Robert Koch 1882 entdeckten Tuberkelbazillus, ein klein- stes, nur unter dem Mikroskop sichtbares Lebewesen. Ohne Ansteckung mit dem Tuberkelbazillus gibt es keine Tuber- kulose. Die erfolgte Ansteckung läßt sich durch eine unge- fährliche Hautreaktion (Tuberkulinreaktion, die meist in Form eines harmlosen Hautreizes geprüft wird) nach- weisen. 3. Nicht jede Ansteckung führt zur Erkrankung. Ein gesunder, kräftiger Körper vermag sich der in ihn ein- dringenden Bazillen zu erwehren und den Ausbruch einer Krankheit zu verhindern. Die Neigung, nach einer An- steckung zu erkranken, ist am größten bei Kindern bis zu drei Jahren. Erheblich gefährdet sind aber auch ältere Kinder und Jugendliche in den Entwicklungsjahren. Kinder und Jugendliche müßen deshalb sorgfältig vor Ansteckung geschützt werden. 4. Die Tuberkulose befällt am häufigsten die Lunge (Lungenschwindsucht), sie kann aber auch alle anderen Organe des menschlichen Körpers befallen, Haut, (fres- sende Flechte oder Lupus), Drüsen, Knochen, Gelenke, Darm, Nieren, Harnblase, Kehlkopf, Gehirn. 5. Die Entstehung der Krankheit wird in hohem Maße begünstigt durch Ausschweifungen jeder Art, unzureichende oder falsche Ernährung und andere Schädigungen des Körpers, wie Mißbrauch von Genußgiften, im beson- deren von Alkohol und Nikotin. 6. Die Krankheit kommt oft erst viele Jahre nach der Ansteckung zum Ausbruch. Zahlreiche Menschen beher- bergen in ihrem Körper Tuberkclbazillen, ohne zur Zeit krank zu sein; bei solchen Menschen fällt ebenso wie bei tuberkulosekranken die Tuberkulin-Reaktion, z. B. die Reaktion der Haut auf Tuberkulin, positiv aus. 7. Angesichts der starken Verbreitung der Tuberkulose im Volk — es leben in Deutschland rund 200 000 Men- schen mit ansteckender Tuberkulose — ist jeder Mensch der Gefahr der Ansteckung ausgesetzt. 11. Wie erfolgt die Verbreitung der Tuberkulose? l. Die Weiterverbreitung der Tuberkulose geschieht in der Hauptsache durch den kranken Menschen. Nicht jeder Kranke ist ansteckend. Ansteckend sind Kranke, in deren Ausscheidungen Tuberkclbazillen gefunden sind, oder bei denen der Arzt auf Grund seiner Untersuchung An- steckungsfähigkeit annehmen muß. Die Ansteckungsgefahr ist um so höher, je inniger das Zusammensein des Ge- sunden mit dem Kranken ist und je länger sie dauert. ;0 Hustentröpfchen als Ansteckungsquelle. Als eine wichtige Ansteckungsquelle sind die von dem Kranken ausgehusteten bazillenhaltigen Tröpfchen an- zusehen. Besonders gefährdet durch Hustentröpfchen ist der Mensch, der vom Kranken öfter und aus nächster Nähe angehustet wird, wie denn überhaupt die An- steckungsgefahr bei dauerndem Nahverkehr mit einem bazillenstreuenden Kranken am größten ist (Tröpfchen- infektion). Diese „Hustentröpfchen" gelangen, wenn der Kranke beim Husten nicht Vorsicht übt, auch auf Gegenstände in der Umgebung des Kranken, vor allem auf seine Kleidung. Von solchen an Kleidung, Wäsche und an- deren Stoffen angetrockneten Tröpfchen kann sich ein feiner bazillenführender Staub ablösen, der von gesunden Menschen eingeatmet werden kann. Auch die vom Kranken beim Sprechen und Niesen verspritzten Tröpfchen enthalten gelegentlich Tuberkel- bazillen. 0) Der Auswurf als Ansteckungsquelle. Kranke, die mit ihrem Auswurf andere Gegenstände, z. B. Kleidung, Decken, Bettzeug, Taschentuch be- schmutzen, gefährden ihre Umgebung in hohem Grade. Ge- fährlich sind schon ganz geringfügige, vom Kranken und seiner Umgebung gar nicht wahrgenommene Ver- schmutzungen. Kleine Auswurfreste trocknen schnell. Bei Bewegungen des Kranken, Hantierungen mit dem Taschentuch, der Kleidung, den Betten u. a. kann der angetrocknete Auswurf mit den darin enthaltenen Ba- zillen als feiner Staub in die Luft übergehen und ein- geatmet werden (Staubinfektion). c) Seltenere Arten der Ansteckung. Ansteckung durch Berührungen kann durch Küsten erfolgen oder in der Weise geschehen, daß Gesunde Gegenstände berühren, die vorher ein Tuberkulöser be- nutzt, mit Auswurf verunreinigt oder mit unsauberen Händen angefaßt hat, im besonderen bei Berühren des unsauberen Taschentuches oder der Spuckflasche des Kranken, ferner bei Benutzung des vom Kranken ge- brauchten Eß- und Trinkgeschirrs, des Handtuches, des Waschgeschirrs, der Zahnbürste und anderer Dinge. Kleine Kinder, die auf dem Boden herumkriechen, ihre Hände mit feuchten oder getrockneten Auswurfresten be- schmutzen, dann die unsauberen Hände zum Munde, zur Nase, an die Augen führen, können sich auf diese Weise mit Tuberkulose infizieren (Schmutz- und Schmier- infektion). Als Ansteckungsquellen von praktisch untergeordneter Bedeutung sind noch zu nennen der Urin bei Nieren- tuberkulose, der Eiter von tuberkulösen Drüsen, Knochen und anderen Organen, endlich bazillenhaltiger Stuhlgang. Ansteckungen sind auch möglich durch Genuß von Nahrungsmitteln, die mit Auswurfrcsten oder mit Husten- tröpfchen des Kranken verunreinigt find. 2. Wenn die menschliche Tuberkulose auch in der weitaus größten Zahl der Fälle auf Ansteckung durch tuberkulöse Mitmenschen zurückzuführen ist, so darf doch die Gefahr einer Übertragung der Tuberkulose auf den Menschen durch Genuß der Milch tuberkulöser Kühe nicht unterschätzt werden. Sie ist hauptsächlich gefähr- lich, wenn Säuglinge und Kleinkinder mit roher Milch von eutertuberkulösen Kühen ernährt werden. 187