wieder ist es feucht, die Sohle quillt, wird mo- rastig, die Schwellen liegen bloß, Gefahr des Hängenbleibens mit den Hufen besteht. Aber der Gaul kennt die Stelle, hebt rechtzeitig seine Beine höher als anderswo. Genau kennt das Tier die Lage der einzelnen Wettertüren, vor denen es haltzumachen hat. Diese Türen kann oft nicht der stärkste Mann öffnen, so gewaltig drückt der durch die Grube fegende Luftstrom dagegen. Erst mutz der Pferdejunge ein Schiebefenster öffnen, durch das die Luft wie ein Sturmwind pfeift. Solange das dem Gaul wohlbekannte Rauschen tönt, rührt er sich nicht vom Fleck. Hört es auf, dann weiß er, die Tür ist offen, die Bahn ist frei. Nicht jeder Gaul taugt zur Arbeit unter Tag. Das gleichmütige Tier ist für sie am geeignet- sten. Solchen Gäulen ist gutes Futter und aus- reichende Ruhe die Hauptsache. Und das haben die Pferde unten in den Gruben. Denn gut ge- nährt, gepflegt und kräftig verlangt sie der Grubenbetrieb. So verrichten sie durch viele Jahre ihren Dienst und kommen meistens erst dann wieder ans Tageslicht, wenn ihre Beine altersschwach geworden sind. Das dankbare Tier Es war Liefe, eine prächtige Fuchsstüte, lamm- fromm und seinem knirpsigen Pferdejungen, der sie gut pflegte und schonte, fast innig zugetan. An einem Abend, kurz vor der Zehnuhrschicht, blieb Liese in einem engen, eingleisigen Stollen plötz- lich stehen. Der Junge, rasch vom Wagen ab- gesprungen, sah einen durchgebrochenen Stempel (starkes Rundholz zum Stützen der Decke des Stollens) in der Fahrbahn. Er schob sich vor, um den Stempel wegzuräumen, als über ihn d:e Kappenschiene, die quer unter der Decke des Stol- lens lag, herunterkam. Er hatte gerade noch Zeit, unter das Pferd zu schlüpfen, da brach auch schon das Hangende zusammen. Gestein und Schienen fielen auf das brave Tier, das, der Gefahr bewußt, nicht einen Zentimeter wich. Laut stöhnend trug es seine ungeheure Last, bis auf den Hilfruf des Jungen Bergleute herbei- kamen, um Pferd und Jungen zu befreien. Das Pferd folgte mit Verständnis und Geschick den Rettungsarbeiten. Kein Mensch konnte ver- nünftiger den Anweisungen der Knappen folgen, als dieses Grubenpferd. Als der letzte Fels- brocken vom Rücken des Pferdes entfernt, die Bahn wieder frei war, spielte sich eine Szene ab, die den Bergleuten, die ihr beigewohnt hatten, unvergeßlich blieb. Sie versicherten, der Junge habe seine Dankbarkeit und Freude nicht stürmi- scher geäußert als das Pferd, das ihn gerettet hatte. Der schlaue Dieb Nackt bis zum Gürtel arbeiten die Männer oft bei 28 und mehr Grad Celsius an den Bohr- hämmern. Dicke Staubwolken und höllischer Lärm erfüllen den engen Arbeitsort. Manchmal sekun- denlange Stille, dann bricht wieder die Hölle los: ein Brüllen, ein Heulen und ein Winseln. Die Bohrer graben sich knirschend in den Fels. Die Löcher sind fertig, werden mit Dynamit ge- laden, und nun schreit dröhnend der Orts- ältefte: „Es bre—e—e—nnt!" Die Leute hinter dem Schießfchutz horchen. Plötzlich ein dumpfer Krach, ein Donnern, die Luft fegt voraus, ein Steinhagel schlägt gegen den Schießschutz, hinter denen die Leute nun „buttern", wie die Brotzeit beißt. Dabei wird „Bergamt" abgehalten, ein alter Brauch,' bei dem über Frauen, Vorgesetzte und Politik gesprochen wird. Die Kaffeepullen werden geöffnet und dem Brotbeutel die Butter- brote entnommen. „Verdammt noch mal," schreit einer, dem sein Butterbrot fehlt. Schon mehr- mals waren Butterbrote fortgekommen, dem Bergmann in der Grube ein empfindlicher Ver- lust. Um diesem Aergernis ein Ende zu bereiten, hängten die Knappen neben ihren Sachen im Querschlag eine Grubenlampe und lauerten in einiger Entfernung auf den Dieb, den man in einem jüngeren Lehrhauer vermutete, den seine „Kostmutter" schlecht verpflegte. Zur allgemeinen Ueberraschung erschien „Wilhelm", ein schwarzer Teufel von einem Pferd, aber klug und berech- nend. Wilhelm horchte, hielt Umschau, weitete seine Nüstern, ging ganz langsam zu den Klei- dern, machte sich an den daneben aufgehängten Brotbeuteln zu schaffen und zog aus einem ein Butterbrot heraus, steckte den Kops in einen Kohlenwagen, entledigte sich des Papiers und futterte. Ein unbeschreibliches Hallo entstand. Mit diesem Dieb hatte man nicht gerechnet. Wilhelm war recht betrübt, daß er erwischt wurde. Die Brotbeutel blieben ihm in Zukunft unerreichbar. .)Tur fürs NTilirär Ein sonderbares Pferd aber war Grete, eine Braunstute, die in ihren jungen Jahren unter den preußischen Fahnen gedient hatte, ehe sie als Reservist zur Grube einrückte. Grete zog nur dann, wenn sie ein bestimmter Treiber befehligte. Befehligte ist richtig. Denn dieser Treiber, ein früherer Unteroffizier der ... . Ulanen, brüllte den ganzen lieben Tag seine früheren Kommandos. Ein alter Treiber ist in der Grube eine Seltenheit, da meist ganz junge Burschen dazu verwendet werden. Grete zog nur aus Kommando. Sobald ein Kohlenzug zur Abfahrt fertig war, brüllte der Treiber: „Stillgestan- 171