Trauer und des großen Schmerzes, unter denen ine Bevölkerung leidet, werden die Städte und Ortschaften schnell festlich geschmückt. Auf keinen Fall sollen unsere braven Truppen unter der großen Enttäuschung, die die Kapitulation der Regierung bei dem Saarvolk hervorgerufen hat, leiden. Fahnen, Girlanden und Ehrenbogen sind allenthalben zu sehen. Dicht gedrängt stehen die Menschenmassen von früh bis spät, ja auch in der Nacht, auf den Bürgersteigen, Plätzen und Wegen, um die zurückmarschierenden Truppen zu begrüßen. Dankbaren Herzens gedenken sie der großen Heldentaten, die mehr als 4 Jahre den Feind vom Saarlande fernhielten. Alles, was irgendwie an Liebesgaben aufzutreiben ist, wird unseren Soldaten freudig gereicht. Aus Wiedersehen! klingt es unter Tränen der Rührung immer wieder aus aller Munde. Dichtauf wollen die Franzosen ernmarschieren. Offenbar ist es ihre Absicht, in» ein festlich ge- schmücktes Saarland einzuziehen, um durch ent- sprechende Photos der Welt bildlich zeigen zu können, daß die französischen Truppen und Frankreich an der Saar festlich begrüßt wurden. Das soll, das darf nicht sein. In aller Eile wird daher sämtlicher Schmuck entfernt. Und als der Einmarsch der Franzosen mit klingendem Spiel und mit großer Aufmachung erfolgt, ist das festliche Gewand verschwunden, keine Fahne oder sonstiger Schmuck mehr zu sehen. Fast alle Läden sind geschlossen; die Straßen sind mit einem Schlage menschenleer geworden. Keiner- lei Kundgebungen oder Begrüßungen erfolgen. Auch nicht in Saarlouis, auf das die Franzosen besonders große Hoffnungen gesetzt hatten. Hier unterbleibt selbst der von dem französischen General Lecomte ausdrücklich gewünschte Emp- fang durch die Behörden der Stadt. Das Er- staunen der Franzosen ist groß. Bei Besprechun- gen mit den Behörden beschweren sie sich über den „kühlen Empfang", wie sie sagen. Später erklärten sie selber, daß sie bei ihrem Einmarsch den Eindruck gehabt hätten, als ob sie in ver- lassene Städte und Ortschaften eingezogen seien. Erster gemeinsamer Widerstand März 1919: Alle Bemühungen der Fran- zosen, die Bevölkerung für ihre Bestrebungen zu gewinnen, bleiben vergeblich. Ihre Versuche, auch für die Volksschulen den französischen Sprachunterricht einzuführen, scheitern an dem gemeinsamen Widerstand der Lehrpersonen, Eltern und Kinder. Auch all ihre sonstigen Be- strebungen auf kulturellem Gebiete bleiben ohne Erfolg, obschon mit stärkstem Druck vorgegangen wird. Bestrafungen. Amtsenthebungen und Aus- weisungen lösen erst recht schärfsten Widerstand bei der Bevölkerung aus. Als in Saarlouis der Bürgermeister im Anschluß an eine Stadt- verordneten-Sitzung der zahlreichen vor dem Rathause harrenden Menge mitteilt, daß die französische Forderung einer sranzosenfreund- lichen Erklärung abgelehnt worden sei, ant- wortet die Bevölkerung mit einem stürmischen „Hurra" und mit dem Singen des Deutschland- liedes. Größtes Erstaunen bei den Franzosen. Gegen das Versailler Diktat Juni 1919: Die Verhandlungen in der Weimarer Nationalversammlung werden an der Saar mit besonders großer Aufmerksamkeit ver- folgt. Weiß man hier doch, daß dann, wenn die in Versailles unter den Alliierten getroffenen Vereinbarungen in Kraft treten, das Saar- gebiet wenigstens für 15 Jahre von Deutsch- lands getrennt und einer Fremdherrschaft unter- stellt wird. Daher ist die Bevölkerung — aber nicht allein aus diesem Grunde — gegen die Annahme des Versailler Vertrages. Die im Saargebiet wohnenden vier Mitglieder der Nationalversammlung stimmen auch gegen seine Annahme. Nie sollen sich die Franzosen daraus berufen könen, daß auch die Abgeordneten von der Saar sich mit der Abtrennung des Saar- gebietes vom Reiche einverstanden erklärt hätten. Die Völkerbundsherrschaft beginnt 2an.-Febr. 1 92 0: Das Versailler Diktat tritt in Kraft. Damit wird das Saargebiet auf 15 Jahre der Verwaltung des Völkerbunds- rates unterstellt. Die Saar-Kohlengruben gehen schulden- und lastenfrei in den Besitz Frank- reichs über. Nach Ablauf der 15 Jahre soll eine Volksabstimmung darüber stattfinden, ob die Bevölkerung vom Völkerbund weiter regiert werden oder zu Frankreich oder zu Deutschland will. Der tiefe Schmerz über die Abtrennung vom Vaterlande ist an der Saar allgemein. Ebenso fest ist aber auch der Wille, dem deut- schen Vaterlande treu zu bleiben und dafür zu sorgen, daß diese Volksabstimmung der ganzen Welt zeigen wird, daß das Saarvolk deutsch ist und stets deutsch bleiben will. Besonders schwer werden es unsere Bergleute haben; denn der französische Staat ist ihr Arbeitgeber geworden. Trotzdem werden auch sie bleiben, was sie sind: Deutsche? Obschon die Presse unter strenger Zensur steht, verleiht sie doch diesem Willen der Bevölkerung mutig Ausdruck, solange sie kann. Sehr freudig begrüßt wird auch das Erscheinen der ersten Nummer des „Saar-Freund" in Berlin, der von dem ausgewiesenen Stadtverordneten T h. Vogel herausgegeben wird. Man weiß, daß der „Saar-Freund" in erster Linie ein Sprach-