93 Oberehnheim i-ternenplatz. (C’«3üuitration, Poris.) denmauer. Ein heiliger Berg, an den sich uralte Legenden knüpfen, Dichter zu herrlichen Ge- sängen begeisterte, ein Wallfahrtsort für Pilger und Naturfreunde. Noch vor dreißig Jahren unter- brach nur der Schritt einsamer Wanderer die heilige Stille dieser paradiesischen Einöde. Heute keuchen knatternde Autos die steilen Kurven hinauf. Dank dem Automobil hat sich die Zahl der Besucher verhundert- facht. Der Fortschritt hat seinen Einzug in die Berge gehalten. Heute treten dichte Gruppen ehrfurchts- voll in dem'alten Klosterhof, in dem hundertjährige Linden verzweifelt gegen die Unbilden der Witterung und die fortschreitende Abnützung ankämpfen. Manche haben einen Zementpanzer und eiserne Stützen. Von der Terasse aus, auf die man durch den weiten, inneren Hof und die gewölbten, hallen- den Gänge gelangt, genießt man eine unvergleich- lich herrliche Aussicht auf die wunderbare Ebene des Elsasses und auf den Rhein. Bei klarem Wetter sieht man die Spitze des Straßburger Münsters, den Silberstreif des Rheines und die dunklen Umrisse des Schwarzwaldes. Man möchte ganz allein sein, um sich an diesem Panorama des „immer gleichen und doch immer wieder neuartigen Elsasses", wie Goethe einst sagte, nach Herzenslust satt schauen zu können. Leider sind zu viele Leute da. Da wird geraucht, gegessen, getrunken. Die Photoapparate arbeiten ohne Unterlaß. Da hört man rufen, schreien, lacyen. Geschäftige Kloster-Schwestern eilen hin und her und man vermeint, in irgend einer Karawanserei zu sein, in welcher sich Touristen zehn verschiedener Nationalitäten getroffen haben. Dem Pilger wird es nicht leicht, sich den Weg durch dieses Gewimmel zu bahnen. Aber er gibt sich Mühe, der Prüfungen Herr zu werden in der einen oder an- deren Kapelle, wo er dann still und andächtig zur heiligen Odilie, der Schutzpatronin des Elsasses betet .... Langsam sinkt von Osten her die Dämmerung, während wir die alte heilige Stätte verlassen.