91 Schlettstadt. Harmonisch fügt sich die moderne > Neustadt in das uralte, winklige Städtchen ein. in dem noch die Erinnerung rege ist, an die 900 Studenten, die es damals beherbergte, als Schlett- stadt's Universität noch die glänzende Heimstätte des Humanismus war. Von seinen drei Toren steht nur noch eines, das Straßburger Tor, ein in Stein gehauenes Andenken an den Heldenmut, den Schlettstadt's Verteidiger im Jahre 1814 zeigten. Noch heute liest man auf dem Torbogen' die stolzen Worte: „Nie werde ich dem Feind des Vaterlands die mir anvertraute Festung ausliefern, solange auch nur ein Stein auf dem anderen steht". Das war die Antwort, die der Festungskommandant Schweisguth dem Vayerngeneral Pappenheim gab, als dieser ihn aufforderte, die Waffen zu strecken. Schon von Schlettstadt aus sieht man droben auf auf einem hohen Bergrücken die mächtige Hohkönigs- burg liegen. Und sie scheint uns geradezu zu verfolgen, auf unserem Wege nach Weiler. In weiten Kurven geht es bergan und unaufhörlich fesselt sie unsere Blicke. Bald möchte man sie für ein finster dräuendes, vor- sintflutliches Ungeheuer halten, bald bildet nur der Bergfried mit der Kuppe einen spitzen Kegel, fast als wäre es ein riesiger, brauner Zucker- hut. Alljährlich im Mai pflegte der deutsche Kaiser einige Tage im Elsaß zu verbringen und nie ver- säumte er, regelmäßig hinaufzu- steigen zur Hohkönigsburg, wobei er sich geradezu gewissenhaft an die mittelalterlichen Gebräuche hielt. Auf dem Bergfried mußte der Vurgwächter beim Nahen der hohen Gäste ins Horn stoßen und dadurch, wie früher, den Vurgkom- mandanten wecken. Das schwere Tor wurde erst geöffnet, nachdem die Gäste dem Burgkommandanien Rede und Antwort gestanden hatten. Wer diesem mittelalterlichen Ritter- spiele einmal beiwohnen durfte, glaubte sich in die Zeit der Hohen- staufen zurückversetzt. Es war, als wenn hier die Zeit stehen geblieben wäre. Aber während unsere Gedanken so weitab in die Ferne schweifen, eilt der Wagen pustend hinauf zum Hohwaldsattel. Ein wunderbares Panorama bannt unsere Blicke, die weit hinein schweifen ins blühende Land, das da vor uns liegt im satten Grün der Waldtäler, im lauschigen Schatten der laubwald- bestandenen Hügel und im ernsten Dunkel der tannenumfriedeten Höhen. Langsam, unmerklich fast senkt sich der Weg hinab zum Hoh- wald, zur Wiege der elsässischen Hotelindustrie. Tannenwälder, wo- hin das Auge sieht. Sie decken die Hänge und ragen auf den Gipfeln. Der Hohwald ist das Königreich der Tanne. An allen Kreuzungen laden kleine Schilder zum Besuch der zahl- reichen Forsthäuser ein, in denen der müde Wanderer bei einem schäumenden Glas Bier oder hinter einer würzig duftenden Tasse Kaffee sich von den un- gewohnten, aber umso herrlicheren Eindrücken er- holen kann. Wo heute prächtige Hotels und ge- pflegte Villen den Ruf des Hohwalds als Luft- kurort rechtfertigen, erhob sich vor etwa 50 Jahren nichts als Wald, Tannenwald, soweit das Auge reichte. Und seltsam, einem Mord verdankt eigent- lich der Ort Hohwald sein Bestehen. Die Witwe eines Försters, deren Mann von Wilderern nieder- geschossen worden war, kam auf den Gedanken, ein Hotel dort zu errichten, dessen guter Ruf bald zahl- reiche Touristen anzog. Nach und nach erstanden weitere Hotels, Villen und Landhäuser. Im Jahre 1882 weilte Anatole France, einer der bedeutendsten Schriftsteller Frankreichs der letzten Kirche in Mölsheim