88 Eine bekömmliche Prise. Herr Pastor und der gestrenge Herr Bürgermeister, kurzum, jeder Bürger von Reputation besaß bald seine schön ausgestattete Dose, aus der er mit spitzen Fingern gar zierlich seine Prise nahm. Wir wissen, daß Friedrich der Große ein so leidenschaftlicher Schnupfer war, daß er keine Dose brauchte, sondern den Tabak lose in einer ledergefüllten Westentasche trug, und von Napoleon I. ist uns das gleiche über- liefert. Die Herstellung von Schnupftabaksdosen wurde zu einer besonderen Industrie*); man hatte *) Damals entstand auch die Dosenfabrikation in Ensheim, erst aus Holz geschnitzt, dann in Lackpappe angefertigt. Sie purde durch Matthias Adt zu einer überaus lohnenden Hausindustrie, der fich nach und nach fast die ganze Bevölkerung von Ensheim und auch eines Teils der Umgegend widmete. Besondere Beliebtheit er- langen namentlich in den Zeiten-der Revolutionskriege und des Empire die Dosen mit aufgedruckten oder in Gold- und Silbergrund radierten kriegerischen Darstellungen, die sogenannten «Troph6s> (Haßlacher, „Das Industriegebiet an der Saar"). Ein verbotener Genuß: Die Zigarre aus offener Straße. Tabatiären in Gold und Silber, mit edlen Steinen besetzt oder mit kunstvoller Emaille- malerei versehen, aus Horn, Schildpatt, Elfen- bein und Hölzern aller Art. Tabatiören waren beliebte Geschenke; noch 1822 wurde im englischen Staatshaushalt ein Betrag von 22 500 £ für solche zu Geschenkzwecken ausge- worfen. Als der beste Schnupftabak galt der Spa- niol aus den Königl. Spanischen Manufak- turen. — Zuerst hatte nämlich noch jeder Schnupfer seine Prise selbst herstellen müssen, wozu er eine kleine Raspel aus Holz oder Elfenbein besaß. Später erfolgte die Herstel- lung im großen: Die Blätter wurden mög- lichst gedörrt, bis sie ganz spröde waren, und dann in einer Mühle mit Holzwalzen in einem oder mehreren Mahlgängen gemahlen. Da der Tabak- staub in vollkommen trockenem Zustande die Nasen- schleimhäute zu heftig reizte, so wurde er vor Gebrauch angefeuchtet, zunächst mit Wasser, später mit besonde- ren Saucen, die allerlei Stoffe wie Mochus, Muskatöl, Zitronerv-, Rosen-, Nelkenöl, Thymian, Zimt, Lavendel, Majoran, Veilchenwurzel, Tamarindenabkochung oder Perubalsam enthielten. Dieses auch heute noch übliche „Saucieren", wie der fachmännische Ausdruck lautet, erfolgte nachher in der Form der „K a r o t t e". Da- zu wurden die Blätter mehrere Wochen lang mit einer Sauce gebeizt und dann in nassem aufgeweich- tem Zustand auf Tücher geschichtet, die eng um die Masse gewunden und gepreßt wurden, um die über- schüssige Feuchtigkeit zu entfernen. So entstanden zusammengebackene Klumpen, die „Karotten", die man dann Monate trocknen ließ, wodurch sich in ihnen ein besonderer Gärungsprozeß vollzog. Die ausgereiften Karotten wurden dann schließlich teils sofort fertig gemahlen, teils an fremde Schnupftabakshersteller verkauft. Die Spanier und Portugiesen hatten durch die Qualität ihrer Karotten und das sorgfältig gehütete Fabrikationsgeheimnis darin lange Zeit eine Monopolstellung. Auch heute ist, wie gesagt, das Fabrikationsverfahren nicht viel anders. Den Spaniol gibt's noch immer. Der manchem unserer Leser bekannte bayrische Schmalz- ler wird aus Brasiltabak unter Zusatz von Rindsschmalz, ein wenig Kalk und Glasstaub hergestellt. Ähnlich wie der Schnupftabak wird auch der unseren bergmännischen Lesern so wohl be- kannte „Kautabak" sauciert unter Zusatz von Gewürzen und wohlriechenden Harzen. Die weichgewordenen, durch die Sauce chemisch stark veränderten Blätter werden dann zu seil- artigen Strängen zusammengedreht, „gespon- nen", und meistens dann noch durch Lagern, wobei eine Gärung auftritt, im Geschmack ver- bessert. Aber wir sind ganz von unserer kurzweiligen Historie über die früheren Raucher abgekom-