74 Toinette kÄnmt herein im Doktorhabit. Toinette. Mein Herr, ertaubt, daß ich Euch meinen Besuch abstatte und Euch für alle Aderlässe und Pur- ganzen, die Ihr etwa nötig haben werdet, meine geringen Dienste anbiete. Argan. Mein Herr, ich bin Euch sehr verbunden. (Zu Beralde.) Meiner Treu, das ist ja die leibhaftige Toinette! Toinette. Ihr werdet es hoffentlich nicht für ungut nehmen, daß ich neugierig war, einen so berühmten Kranken wie Euch kennen zu lernen; und Euer weit- verbreiteter Ruf möge die Freiheit entschuldigen, die ich mir genomnien habe. Argan. Mein Herr, ich bin Euer Diener. Toinette. Ich sehe, mein Herr, daß Ihr mich scharf ins Auge satzt. Wie alt meint Ihr wohl, daß ich sei? Argan. Ich sollte meinen, Ihr könntet höchstens sechsundzwanzig oder siebenundzwanzig Jahr alt sein. - Toinette. Hahahahaha! — Neunzig Jahr bin ich alt. Argan. Neunzig? Toinette. Ja. Das ist die Wirkung der Geheimnisse meiner Kunst, mich so frisch und kräftig zu erhalten. Argan. Auf Ehre, das nenne ist) einen hübschen jungen Greis für neunzig Jahre! Toinette. Ich bin ein reisender Arzt, der von Stadt zu Stadt, von Provinz zu Provinz, von einem Königreich ins andere zieht, um Patienten aufzusuchen, die meiner Sorgfalt würdig sind, und an denen es der Mühe wert ist, die großen und schönen Geheim- nisse zu verwenden, die ich in der Arzneikunst entdeckt habe. Ich verschmähe es, mich mit dem kleinen Ge- sindel der alltäglichen Zufälle zu befassen, mit dem winzigen Geschmeiß von Rheumatismen und Flüssen, mit kleinen Fieberchen, Nervenleiden und Kopf- schmerzen. Ich will anständige, solide Krankheiten; schwere, gut anhaltende Fieber mit Gehirnentzündun- gen; gute Scharlachfieber, gute Pesten, gute aus- gebildete Wassersüchten, gutes Seitenstechen mit Brustinflammationen; das ist mein Element, in dem ich mich wohl fühle, da finde ich meine Triumphe, und ich wünschte, mein' Herr, Ihr hättet alle die Krankheiten, die ich eben nannte. Ihr wäret von allen Ärzten aufgegeben und lägt ohne Hoffnung in den letzten Zügen, um Euch die Bortrefflichkeit meiner Mittel zu beweisen und Euch zu zeigen, wie gern ich euch zu Dienst stehen möchte. Argan. Ich danke Euch, mein Herr, fiir Eure große Güte. Toinette. Gebt mir doch em wenig Euern Puls. — Höre, daß du mir schlägst, wie sich's gehört; warte nur, ich will dir schon beibringen, daß du mir gehst, wie du sollst. Ei Sapperment, der Puls da macht sich sehr unnütz; ich sehe schon, mein Freund, du kennst mich noch nicht. — Wer ist denn Euer Arzt? Argan. Herr Purgon. Toinette. Der Name steht nicht in meinem Notiz- buch unter den großen Aerzten eingetragen. Woran, sagt er denn, daß Ihr krank wäret? Argan Er sagt mir, es sei ein Leberleiden; andere sprechen, es käme von der Milz. Toinette. Dummes Zeug! — An der Lunge seid Ihr krank. Argan. An der Lunge? Toinette. Ja. Was fühlt Ihr? Argan. Ich fühle von Zeit zu Zeit Kopfschmerzen. Toinette. Ganz recht, die Lunge. Argan. Mir ist mitunter, als hätte ich einen Flor vor den Augen. Toinette. Die Lunge. Argan. Zuweilen wird mir übel. Toinette. Die Lunge. Argan. Ich fühle mitunter eine Müdigkeit in allen Gliedern. Toinette. Die Lunge. Argan. Und zuweilen sticht mir's im Leibe, als hätte ich die Kolik. Toinette. Die Lunge. — Ihr habt Appetit, wenn Ihr eßt? Argan. Ja, Herr Doktor. Toinette. Die Lunge. Ihr trinkt gern ein wenig Wein? Argan. Ja, Herr Doktor. Toinette. Die Lunge. Nach Tisch habt Ihr eine kleine Anwandlung von Miidigkeit und wollt gern schlafen? Argan. Ja, Herr Doktor. Toinette. Alles die Lunge, sage ich; alles die Lunge. Was für eine Diät verordnet Euch denn Euer Arzt? Argan. Er verordnet Suppe mit Brotschnitten — Toinette. Ignorant! Argan. Geflügel —- Toinette. Ignorant! Argan. Kalbfleisch — Toinette. Ignorant! Argan. Fleischbrühe — Toinette. Ignorant! Argan. Frische Eier — Toinette. Ignorant! Argan. Abends gekochte Prünellen, um den Leib frei zu erhalten — Toinette. Ignorant! Argan. Und vor allen Dingen viel Wasser in meinem Wein. Toinette. Ignorantus, ignoranta, ignorantum. Ihr müßt Euren Wein ohne Wasser trinken; und um Euer Blut zu heben — denn Ihr habt viel zu wenig Blut — müßt Ihr gutes, derbes Rindfleisch essen — gutes, derbes Schweinefleisch — guten hol- ländischen Käse, Griitze und Reis, Kastanien und Ob- laten essen, kurz etwas, was da klebt und zusammen- kleistert. Euer Arzt ist ein Dummkopf; ich will Euch einen von meinen jungen Leuten schicken und werde von Zeit zu Zeit bei Euch vorsprechen, solange ich mich hier aufhalte. Argan. Ich werde Euch sehr verbunden sein. Toinette. Was zum Henker macht Ihr eigentlich mit diesem Arm da? Argan. Wie meint Ihr? Toinette. Wenn ich wäre wie Ihr, den Arm ließe ich mir auf der Stelle abnehmen. Argan. Und warum? Toinette. Seht Ihr denn nicht, daß er alle Nah- rung an sich zieht und die andere Seite hindert, zu- zunehmen? Argan. Ja, ich kann aber doch meinen Arm nicht missen! Toinette. Ihr habt da auch ein rechtes Auge; das müßte mir heraus wenn ich an Eurer Stelle wäre.