135 Und beide schwuren sich heimlich, dies versteckte Pa- radies so oft wie möglich zu besuchen. Da stieß Karlchen Schmie- deboom einen leisen Nuf des Entzückens aus. Er hielt eine kleine, grünbauchige Flasche in der Hand, darauf stand in großen Rundbuchstaben Aqua odorata — Kölnisch Wasser. Karlchen Schmiedeboom meinte, das könne man bis in die Zehspitzen hinunter merken, so fein sei der Dust. Und nach einer kleinen Pause, und beide rochen im- mer wieder tief und abwech- selnd an der lieblichen, grü- nen Flasche: „Du, Hans — ich glaub, ich glaub —, das muß fein schmecken." Hans Peter bekam weite, runde Augen: „Ja?!" „Sicher — aber erst mußt du trinken. Uttd wenn es gut schmeckt, dann komme ich dran." Dem kleinen Hans zitter- ten Hand und Herz vor Wonne. Er zog noch einmal kräftig allen Duft ein, ein letztes leises Zögern und er trank mutig und mit ge- schlossenen Augen einen tiefen Schluck Kölnisch Wasser ... Dann folgte alles blitzschnell und in einer gräß- lichen Aufregung. Die Flasche mit dem köstlichen Wasser fiel klirrend auf die Steinsließen in tausend Scherben auseinander. Hans Peter schrie wie blödsinnig und wand sich zuckend auf dem Boden herum. Und Karlchen stürzte totenblaß in die Apotheke hinein: „Gift! — Gift!!" Und zerrte den er- . 1 rockenen Vater, die bebende i , utter und die kreischende Marie mit in den Keller hinein. Da wand sich Hans Peter immer noch wie ein Regen- wurm. Apotheker Schmiede- boom aber, ein Blick auf die fehlende Flasche im Gestell und die Nase voll von dem vergossenen Eau-de-Cologne, biß sich auf die Lippen. Dann schrie er plötzlich wild auf wie ein Feldwebel, wie ein rich- tiger Feldwebel: „Schafskopf — Schafsköpfe ihr!" Und alles ging wieder durcheinander: Prügel, Lachen, Weinen, Gift. Es roch doch so süß, Schafsköpfe — bis end- lich die Marie mit einem dicken Eßlöffel angerannt kam, und Frau Schmiedeboom dem „vergüteten" Hans eine tüch- tige Portion von dem verab- reichte, was die Soldaten mit „Soldatenhonig" be- zeichnen und dabei erinne- rungsselig die Augen ver- drehen. Als dann Karlchen unter Bächen von Tränen hoch und heilig versprochen, nie wie- der den Arzneikeller zu be- treten (o, es hätte dessen ja gar nicht mehr bedurft!) ging Apotheker Schmiedeboom hin- aus, um seine „letzten Mit- tel" an dem armen Hans zu versuchen. Der mußte für heute zwar aus die Butter- klöße mit Rahmtunke ver- zichten und ertrug auch sonst noch allerhand bitterböse Un- annehmlichkeiten standhaft und wie ein Mann. Wenn er nur am Leben bleiben durfte dafür! * * * Seit dem Tag betete Hans Peter jeden Abend vor den: Schlafengehen mit seiner Mutter noch extra ein Vater- unser für den Onkel Apo- theker, seinen Lebensretter. Um die Zeit kam Nachtwächter Möller mehr denn je zu Schuster Peter in die qualmige Arbeitsstubc. Denn Kaspar Peter rauchte, wie die meisten besinn- lichen Männer, gerne und viel. Und daran änderte selbst Frau Lene nichts. An grauen Regentagen war Nachtwächter Möller überhaupt nicht fortzuschlagen. Dann brachte er nach- Kopf des Christus von Michelangelo in der Kirche 81a. Maria sopra Miuerva. Roin: Die Engels bürg.