78 „Und ich, Vetter, schenk' dir den Rat, daß bei noch längerem Zögern der Gianetto im Maquis sein wird, und dann braucht's mehr als einen Kerl wie dich, um ihn dort zu holen." Der Adjutant zog eine Uhr aus der Tasche, die gut jefm Taler wert war; und als er sah, daß die Augen des Kindes bei diesem Anblick funkelten, sagte er ihm, indem er die Uhr an der Stahlkette herunterhängen ließ: „Schelm! Du hättest doch sicher gern so eine Uhr um den Hals hängen, und dann würdest du in den Straßen von Porto Vecchio stolz wie ein Pfau einherspazieren; und die Leute würden diA fragen: Wie spät ist's? und du antwortest ihnen: Schaut auf meine Uhr." „Wenn ich groß bin, bekomm' ich eine von meinem Onkel, dem Korporal." „Ja, aber der Sohn deines Onkels hat schon eine ... nicht so schön wie diese, alles was wahr ist. .. Und doch ist er jünger als du." Das Kind ächzte. „Nun, möchtest du die Uhr, kleiner Vetter?" Fortunato, der die Uhr anblinzelte, glich einer Katze, der man ein ganzes Huhn vorhält. Da sie fühlt, daß man sich über sie lustig macht, wagt sie nicht, die Krallen danach auszustrecken, und von Zeit zu Zeit wendet sie die Augen ab; um nicht der Ge- fahr der Versuchung zu unterliegen; aber sie leckt sich alle Augenblicke das Maul und sie scheint ihrem Herrn zu sagen: „Wie ist doch dein Scherz so graw sam!" Indessen schien es der Adjutant Gamba aufrichtig zu meinen, wie er so die Uhr hinhielt. Fortunato regte keine Hand, aber er sagte ihm mit bitterem Lächeln: „Warum macht Ihr Euch über mich lustig?" „So wahr mir Gott helfe, ich mach' mich nicht Wer dich lustig. Sag' mir nur, wo Gianetto ist, und diese Uhr ist dein!" Fortunato ließ sich ein ungläubiges Lächeln ent- schlüpfen; und indem er seine schwarzen Augen auf diejenigen des Adjutanten richtete, bemühte er sich, in ihnen zu lesen, welchen Glauben er wohl diesen Worten beimessen durfte. „Meine Epauletten will ich verlieren", rief der Ad- jutant, „wenn ich dir die Uhr nicht unter dieser Be- dingung gebe! Die Kameraden sind Zeugen, ich kann mich nicht mehr davon lossagen." Während er so sprach, hielt er die Uhr immer näher heran, so nahe schließlich, daß sie die bleiche Wange des Kindes berührte. Dieses zeigte auf seinem Ge- sichte gar wohl den Kampf, den sich in seiner Seele die Begierde und die der Gastfreundschaft schuldige Scheu lieferten. Seine nackte Brust hob sich bebend, es schien fast zu ersticken. Und die Uhr schaukelte hin und her, drehte sich und stieß manchmal an seine Nasenspitze. Nach und nach hob sich feine rechte Hand zur Uhr: die Fingerspitzen berührten sie; und sie ruhte völlig in seiner Hand, ohne daß der Adjutant jedoch das Ende der Kette losließ. .. Das Ziffer- blatt war himmelblau ... das Gehäuse neu poliert... in der Sonne schien sie ganz aus Feuer ... Die Versuchung war zu stark. Fortunato hob auch seine linke Hand und deutete mit dem Daumen über seine Schulter hinweg auf den Heuhaufen, an den er angelehnt! saß. Der Adjutant verstand ihn sofort. Er ließ das Ende der Kette fahren; Fortunato fühlte sich als alleiniger Besitzer der Uhr. Er erhob sich mit der Behendigkeit eines Hirsches und entfernte sich zehn Schritte von dem Heuhaufen, den die Voltigeure sofort zu durchwühlen begannen. Es dauerte nicht lange, und man sah das Heu sich bewegen; ein blutiger Mensch mit dem Dolch in der Hand trat heraus; aber als er versuchte, sich auf seinen Füßen aufrecht zu halten, erlaubte ihm dies die erkaltete Wunde nicht mehr. Er fiel nieder. Der Adjutant warf sich auf ihn und entriß ihm das Stilett. Sofort knebelte man ihn stark, trotz seines Wider- standes. Gianetto, der gleich einem Bündel auf dem Boden lag, wandte den Kopf nach Fortunato, der sich wieder genähert hatte. „Sohn eines----------!" sagte er ihm mit mehr Verachtung als mit Zorn. Das Kind warf ihm das Geldstück zu, das es von ihm erhalten hatte, da es fühlte, daß es dies Geschenk nicht mehr ver- diene; aber der Geächtete schien nicht weiter auf diese Bewegung zu achten. Er sagte mit großer Kalt- blütigkeit zu dem Adjutanten: „Mein lieber Gamba, ich kann nicht gehen; Sie werden mich nach der Stadt tragen müssen." „Du liefst eben noch schneller als ein Reh", sagte der grausame Sieger; ,/iber sei ruhig; ich bin so zu- frieden, dich zu haben, daß ich dich eine Stunde auf meinem Rücken trüge, ohne zu ermüden. Übrigens, Kamerad, werden wir dir eine Tragbahre machen aus Zweigen und deinem Mantel, und bei dem Land- gut von Crespoli finden wir Pferde." „Gut!" sagte der Gefangene, „Ihr werdet auch ein wenig Stroh auf Eure Bahre legen, damit ich bequemer liege." Während einige der Voltigeure damit be- schäftigt waren, eine Art Bahre aus den Asten eines Kastanien- baumes zu machen, die anderen damit, daß sie die Wunde Gianettos verbanden, erschienen plötzlich Mateo Falcone und seine Frau an ei- ner Biegung des Pfa- des, der zum Maquis führte. Die Frau schritt mühselig unter der Last eines großen Sackes voller Kastanien gebeugt vorwärts, während ihr Gatte stolz daneben herging und nur ein Gewehr in der Hand und ein anderes am Riemen trug; denn es ist eines Mannes un- würdig, eine andere Last zu tragen als die seiner Waffen. da erschien plötzlich Mateo ^ Anblick der Falcone ... Soldaten war der erste Gedanke Mateos, daß