76 Er war also seit einigen Stunden weg, und der kleine Fortunata lag ruhig in der Sonne ausgestreckt, indem er die blauen Berge betrachtete und daran dachte, daß er den nächsten Sonntag bei seinem Onkel, dem Korporal*), in der Stadt zu Mittag speisen würde, als er in seinen Betrachtungen durch den Knall einer Feuerwaffe gestört wurde. Er stand aus und wandte sich der Richtung der Ebene zu, woher der Schall kam. Andere Schüsse folgten immer näher und näher in ungleichen Zeiträumen; schließlich er- schien auf dem Pfad, der von der Ebene zum Hause Mateos führte, ein Mann, der eine spitze Kappe, wie man sie bei den Bergbewohnern findet, trug; er war bärtig, in Lumpen gehüllt und schleppte sich mit Mühe vorwärts, indem er sich auf sein Gewehr stützte. Er hatte soeben einen Schuß in die Hüfte erhalten. Dieser Mann war ein Bandit, der nachts aufge- brochen war, um Pulver in der Stadt zu kaufen, wo- bei er unterwegs in einen Hinterhalt korsischer Vol- tigeure fiel. Nach kräftiger Verteidigung war es ihm gelungen, feinen Rückzug zu bewerkstelligen, bei dem er lebhaft verfolgt wurde und selber von Fels zu Fels zurückschoß. Aber er hatte wenig Vorsprung vor den Soldaten, und seine Wunde setzte ihn außer- stande, das Maquis zu gewinnen, ohne eingeholt zu werden. Er näherte sich Fortunato und sagte ihm: „Du bist der Sohn von Mateo Falcone?" „Ja." „Ich bin Gianetto Sanpiero. Ich werde von den Gelbkragen verfolgt. Verbirg mich, denn ich kann nicht mehr weit laufen." „Und was wird der Vater dazu sagen, wenn ich dich ohne Erlaubnis verstecke?" „Er wird sagen, daß du recht getan hast." „Wer weiß?" „Verbirg mich schnell; sie kommen." „Wart', bis mein Vater zurück ist." „Warten! Verflucht! Sie sind in fünf Minuten hier. Vorwärts, verbirg mich, oder ich töte dich." Fortunato antwortete mit der größten Kaltblütig- keit: „Dein Gewehr ist entladen, und es sind keine Patronen mehr in deiner Charchera" (eine Art Leder- gürtel, der als Patronentasche dient). „Ich hab' noch mein Stilett." „Aber wirst du auch so schnell laufen als ich?" Er machte einen Sprung und befand sich außer Greif- weite. „Du scheinst kein echter Sohn von Mateo Falcone! Willst du mich vor seinem Haus verhaften lassen?" Das Kind schien gerührt. „Was gibst du mir, wenn ich dich verstecke?" Der Bandit wühlte in einer ledernen Tasche, die an seinem Gürtel hing, und zog ein Fünffrankstück heraus, das er ohne Zweifel zurückbehalten hatte, um Pulver zu kaufen. Fortunato lächelte freudig bei *) Die „Korporale" waren ehemals die Häupter, die sich die kor- sischen Gemeinden wählten, wenn sie sich gegen dte Feudalherren er- hoben. Heute gibt man manchmal diesen Titel einem Mann, der durch sein Vermögen, seine Verbindungen und seine Schupgenossen einen Einfluß und eine Art faktischer Herrschaft Über eine „Pieve" oder einen Bezirk ausübt. Die Korsen scheiden sich nach einer alten Gewohnheit in fünf Kasten: die Edelleute (von denen die einen „hoch- gebietend", die anderen „signori" sind), die Korporale, die Bürger, die Plebejer und die Fremden. dem Anblick des Geldstückes; er griff danach und sagte j zu Gianetto: „Fürchte nichts!" Sofort machte er ein großes Loch in einem neben i dem Hause liegenden Heuhaufen. Gianetto kroch ) hinein, und das Kind deckte ihn derart zu, daß er 1 etwas Luft zum atmen hatte, ohne daß es aber mög- l lich gewesen wäre,. unter dem Heü einen Menschen | zu vermuten. Zudem verfiel er auf einen ziemlich erfinderischen und eines Wilden würdigen Kniff. Er nahm eine Katze und deren Junge und legte sie solcherweise auf das Heu, daß man annehmen mußte, ' es sei seit einiger Zeit nicht mehr gewendet worden. Darauf deckte er die Blutspuren auf dem Pfad nahe dem Hause sorgfältig mit Staub zu, worauf er sich wieder mit der größten Ruhe in die volle Sonne niederlegte. Einige Minuten später standen sechs uniformierte und in gelben Halskragen steckende Männer, die von einem Adjutanten befehligt wurden, vor der Tür Mateos. Dieser Adjutant war weitläufig mit Mateo verwandt. (Es ist bekannt, daß man auf Korsika die Grade der Verwandtschaft viel weiter verfolgt, als irgend sonstwo.) Er hieß Tiodoro Gamba; er war ein energischer Mann und von den Banditen, deren er schon mehrere eingefangen hatte, sehr gefürchtet. „Grüß Gott, kleiner Vetter", sagte er zu Fortunato, indem er ihn freundlich anredete; „was bist du groß geworden! — Hast du nicht eben einen Mann vorbei- kommen sehen?" „O, ich bin noch nicht so groß wie chr, Vetter", antwortete das Kind mit einfältiger Miene. „Das wird schon kommen. Aber sag' doch, hast du nicht einen Menschen vorbeikommen sehen?" „Ob ich einen Menschen habe vorbeikommen sehen?" „Ja, einen Mann mit einer spitzen schwarzen Samt- mütze und einer rot und gelb gestickten Weste?" „Einen Mann mit einer spitzen Mütze und einer rot und gelb gestickten Weste?" „Ja, antworte schnell und wiederhole nicht immer meine Fragen." „Diesen Morgen ist der Herr Pfarrer an unserer Tür vorbeigekommen, auf feinem Pferd Piero. Er hat mich gefragt, wie's dem Vater ginge, und ich hab' ihm geantwortet...." Was, du kleiner Schlingel, du spielst den Schelm! Los, sog' mir schnell, wo Gianetto hin ist, denn er ist's, den wiü suchen; und ich bin sicher, er hat den Pfad hierher genommen." „Wer weiß?" „Wer's weiß? Ich bin's, der es weiß, daß du ihn gesehen hast." „Sieht man Vorübergehende, wenn man schläft?" „Du hast nicht geschlafen, Taugenichts; die Schüsse haben dich geweckt." „Ihr glaubt also, Vetter, daß eure Gewehre einen solchen Lärm machten? Der Stutzen vom Vater macht einen viel größeren." „Der Teufel hol' dich, verfluchter Strick! Ich bin ganz sicher, daß du Gianetto gesehen hast. Vielleicht hast du ihn gar versteckt. Vorwärts, Kameraden, geht hinein in das Haus und schaut nach, ob der Mensch nicht dort ist. Er hinkte nur noch auf einem Bein, und der Halunke hat zu viel Verstand, um zu ver- suchen, das Maquis hinkend zu gewinnen. Übrigens enden hier die Blutspuren."