74 Mateo falcone, der Korse, Novelle von Prosper Mérimée. Prosper Mérimée wurde am 28. September 1803 in Parts geboren. Er studierte die Rechte und schlug die Beamtenlausbahn ein. Daneben widmete er sich der Politik und — eine Frucht seiner Abkunft, denn sein Vater Jean François Léon Mérimée war ein angesehener Maler, und auch seine Mutter war Malerin — den bildenden Künsten. Als Beamter kam er rasch zu höheren Stellen, schon 27 jährig (1831) Kabinettschef des Grafen d'Argout, des damaligen Ministers des Äußeren, verblieb er auch für die tolge in der Zentralverwaltung, wurde schließlich eneraltnspektor der historischen Denkmäler, Senator, Präsident der Kommission für die Reorganisation der Kaiserlichen Bibliothek, ward Mitglied der Akademie Française und Grohosstzier der Ehrenlegion, in welcher Stellung er 1870 starb. Als Dichter war der kaum 22jährige zuerst mit einem anonymen Werk «Le Théâtre, de Clara Gazul, comédienne espagnole» an die Öffentlichkeit ge- treten. Er bezeichnete dies Werk,' dessen zweiter Auf- lage er 1830 einen weiteren Band hinzufügte, als Übersetzungen kleiner spanischer Komödien. In Wirk- lichkeit aber war er selbst der Verfasser. Zwei Jahre später erschien ein neues Werk, eine Sammlung illy- rischer Lieder «La Guzla» eines Serben „Hyazinth Maglanowitsch". Auch diese Sammlung, die überall das größte Aufsehen erregte und allerorts für echt gehalten wurde, war eine Mystistkatton. Ihr Ver- fasser war ebenfalls Mérimée. Schon diese beiden Werke lassen die charakteristischen Züge des Dichters erkennen: eine außerordentliche Klarheit und Folgerichtigkeit, und eine wunderbare Gabe der Einfühlung in Sitten und Gebräuche fremder Lande. Dank dieser wurde er in seinen späteren Geschichten für Frankreich der Begründer der ethno- graphischen Novelle. „Während andere sich mit einer sehr allgemeinen Vorstellung von dem Volke, worunter sie ihre Geschichte spielen lassen, begnügen, strebt die ethnographische Novelle im strengeren Sinne nach Treue bis in die Einzelheiten, vor allem aber darnach, die Handlung aus den besonderen Zuständen dort wachsen zu lassen, so daß sie sich gar nicht irgendwo anders in solcher Weise ab- spielen könnte. Es genügt ihr also nicht, um der romantischen Ausmachung willen eine Handlung, die überall vor sich gehen kann, nach irgend einem fremden Lande zu verlegen und dann rasch angelesene Kennt- nisse zur Dekoration zu oeriuenden..... Das Stu- dium muß die Grundlage solcher Novellen bilden.*) Gerade diese Bemerkung wird der Leser auch bei der hier abgedruckten Erzählung aus Korsika (Mateo Falcone) machen. Wie sehr aber neben dem Studium auch die scharfe Beobachtungsgabe und die *) Otto Hauser. eigene Anschauung Mérimée bei seinem Werke unter- stützten, ersehen wir aus dem spanischen Briefe.*) Dabei ist Mérimées Stil einfach und klar, ohne alle Überschwenglichkeit, sachlich, fast nüchtern anmutend. Der Erzähler tritt hinter seine Erzählung völlig zurück. Gerade weil Mérimée sich darin „von der Gesinnungsweise des Tages", d. h. von der damals blühenden Romantik, frei hielt, erntete er dos höchste Lob Goethes. Goethe ist es auch, der Mérimée gegen einen anderen Vorwurf verteidigt, den, zu sehr die Nacht- zeiten des Lebens zu schildern, grausige Vorgänge, die doch aus den eben erwähnten ethnographischen Bedingungen sich ergeben. Eckermann hatte ihn auf die „abscheulichen Gegenstände" der Guzla aufmerksam gemacht, worauf Goethe erwidert: „Mérimée hat diese Dinge ganz anders traktiert als seine Mit- gesellen. Es fehlt diesen Gedichten nicht an allerlei schauerlichen Motiven........; allein alle diese Wider- wärtigkeiten berühren nicht das Innere des Dichters, er behandelt sie vielmehr aus einer gewissen Ferne und gleichsam mit Ironie... Er hat sein eigenes Innere dabei gänzlich verleugnet... Mérimée ist freilich ein ganzer Kerl; wie denn überhaupt zum vbjektiven Behandeln eines Gegenstandes mehr Kraft und Genie gehört, als man denkt"... Von den vielen Schöpfungen Mérimées, der auch archäologische und geschichtliche Arbeiten herausgab, sind uns Deutschen zwei besonders bekannt geworden, doch beide nicht io sehr im Original, sondern nur ihr Stoff als Librettounterlage; „Carmen" durch Bizets gleichnamige Oper, die „Chronik der Regierung Karls IX. durch Meyerbeers „Hu- genotten". Aber auch die hier wteoergegebene Er- zählung „Mateo Falcone" hat keinen Geringeren als Chamisso veranlaßt, sie nochmals in Terzinen widerzugeben, wenn auch der Eindruck dieser Verse nicht annähernd die Stärke der Prosa des Urbilds erreicht. enn man Porto Vecchio verläßt und sich nach Nordosten wendet, dem Innern der Insel **) zu, so sieht man das Terrain ziemlich schnell ansteigen, und nach dreistündigem Marsch aus ge- wundenen Pfaden, die durch große Felsblöcke ver- sperrt und oft durch Schluchten unterbrochen werden, befindet man sich am Rande eines sehr ausgedehn- ten „Maquis". Ein solcher Maquis ist die Heimat *) eite 97 des Kalenders. **) Korsika.