104 stürzen sah, eilte er hinzu und ließ, tief erschüttert, den entseelten Körper hinter die Front bringen. Er selbst wurde schwer verwundet, und seine braven Soldaten nahmen ihn mit, als sie der furchtbaren Übermacht des Feindes endlich doch, wenn auch nur für wenige Stunden, weichen mußten. So kam es, daß er nicht gefangen genommen wurde wie alle jene, die in das Lazarett der verfallenen Ziegelei gebracht worden waren. Aber alle Sorgfalt, alle Pflege und Liebe konnten ihn nicht mehr retten. Hauptmann Czernay wurde als einer der ersten in die kühle Erde versenkt beim Heldendenkmal des Zentralfriedhofs. Der Heldentod des tapferen Obersten und seiner Getreuen aber ist furchtbar gerächt worden. Im Morgengrauen des 30. August kamen die so sehnlich erwarteten Verstärkungen, 'die durch einen Überfall der Russen zurückgehalten worden waren. Ein mit wunderbarem Schneid ausgeführter Vorstoß schlug den Feind in die Flucht — der große Sieg bei Komarow war errungen. Der Bauptmann Er hält' sich gern einmal emporgehoben, Es ging nicht. Seine Hüfte schmerzt m sehr. Da blieb er liegen, schaute still nach oben. Sm Himmel zog der Wolken graues Heer. Die Feuer des Gefechts sind längst verstummt. Die Freunde und die Feinde sind schon weit. Kein Fant. Kein Schuh. Nicht eine Kugel summt. Wird man ihn sinden in der Einsamkeit? Still liegt der Hauptmann, reglos, in dem Feld. Das Born steht überreif. Was schnitt man's nicht? Der belgische Bauer gab wohl Fersengeld Fm Tage, da der Deutsche kam in Sicht . . . Wir langsam zieht der Stunden Schar von hinnen; Die Lichter eines rauhen Tags zerrinnen. Da ahnt der Hauptmann, dah nur Eines frommt: In Treue warten, bis das Ende kommt. Die Fugen zu — und frohe einstige Beiten Sieht er vor seinem Geist vorübergleilen; Die Fbende im Kreis der Kameraden . . . Der Dienst als frischstes Lrbrnszubehör . . . Und dann: das Bsllfest bei dem Kommandeur . . . Das schönste Mädchen war zu Gast geladen. Er wird sie nie im Leben wiedersehen. Nie wird er. was er fühlte, ihr gestehen . . . Wird nie erfahren, was er selbst ihr gilt. Ein ander Bild: Die Junggelrllenzimmer, Die hohen Schranke und die tausend Bücher; Ja, tausend. Und das liebste war ihm immer: Das stolze Prachtwerk: „Unser Fürst von Blücher". Bescheidener, doch köstlicher Besch. Frau Brückner, seine brave Wirtin. Und — Wie konnt' er ihn vergehen — Frist, der Hund, Der zottige, der liebe, treue Frist. Was haben sie mit dem wohl angefangen, Fls Herr und Bursche in den Krieg gegangen? Wie war das damals mit dem Frist doch bloh . . . Ganz recht.. er wollt' von feinem Herrn nickt los . .. Bis ich das Stichwort sprach: „Kusch, Herrchen kommt gleich wieder!" Da streckte er sich folgsam, wartend, nieder. Frist, wartest du wohl heute noch auf mich? unä hin Bund.*) Und drunten auf der Strahe sagte ich Dann zu Frau Brückner, zu der braven Fiten: „Tun Sie mit ihm, was ^>ir fürs Beste halten" ... Wie lang ists her? Steh auf, Frist! Reck die Glieder! Brauchst nicht mehr warten, Herrchen kommt nicht wieder. Dir Nacht brach an. Mild glänzt des Mondes Licht. Der Hauptmann liegt. Wie lang, er weih es nicht. Da war's. als drang ein Schnuppern an fein Ohr. Sein armes Hirn durchzuckt es wir rin Btist: „Das ist mein Hund, das ist mein Frist— mein Frist!" Was gaukelt uns die letzte Stunde vor? Es lohnt ja nicht» die Fugen aufzutun; Bu Hause lebt der Hund, hier end' ich nun . . . Doch ausdemSchnupprrnwird rin leichtes Stotzen. Der Hauptmann schaut. Schaut nah, ganz nah Des Hundes Fugen, diese treuen, großen: Das ist sein Hund, der Frist. Der Frist ist da, Und sichtbar glänzt im Mondenfchein, dem bleichen» Fm Halsband blank des Roten Kreuzes Zeichen. Das Rote Kreuz, er tragt'» wie einen Orden . . Ein Sanitatshund ist der Frist geworden . . . Der Hauptmann möchte jauchzen, möchte sprechen. „Frist", möcht er rufen, „lieber alter Junge!" Cs geht nicht. Ihm versagt die Zunge, Er stöhnt und fühlt die letzten Kräfte brechen. Da bellt der Hund, wie nie rin Hund gebellt. Er heult, daß es zum weiten Walde klingt, Daß feine parke Stimme fchmerzgefchwellt Roch durch den Wald durch zu den Freunden dringt, Die im Verband quartier, dem meilenfernen, Die Not des Schwerverlestten kennen lernen. _ Es heult der Hund, wir nie ein Hund geheult. Sie sind so weit, sie hören es erst schwach, Dann stärker, und sie gehen unverwrilt Dem bangen Klang des Hilfrstehrns nach. So wandern mit der Bahre sie zwei Stunden Bis sie das Tier und seinen Herrn gefunden. Der schlug die Fugen auf am nächsten Morgen. Er lag im Feldyuartier, war wohlgeborgrn. „Ein Monat!" meint der Frzt, „Sir sind gesund I" — — Da kützte rin Herr Hauptmann seinen Hünd. ') Nus dir 12. Rriegsnummrr der „Lustigen Vlätter". Hochstrkker.