24 H)ie hat er schon früh — als Bundestags- Gesandter in Frankfurt a. M. — die ganze Jämmerlichkeit und Unhaltbarkeit des Deutschen Bundes erkannt, der damals die Geschicke Preußens und Deutschlands so unheilvoll be- einflußte! Er durchschaute schon damals, daß die Politik Österreichs, mit der steten Eifersucht auf die Macht Preußens, weder diesem Staate noch Deutschland förderlich sein konnte. „Nach der Wiener Politik", schrieb er in einem Bericht, „ist einmal Deutschland zu eng für uns beide. Es ist meine Überzeugung, daß wir in „nicht zu langer Zeit für unsere Existenz gegen Öster- reich werden fechten müssen, und daß es nicht in unserer Macht liegt, dem vorzubeugen, weil der Gang der Dinge in Deutschland keinen anderen Ausweg hat." Und über den Bund selbst hat er in jenem berühmten Briefe an feine Schwester folgendes ergötzliche Urteil ge- fällt: „Ich gewöhne mich daran, im Gefühle gähnender Unschuld, die Stimmungen gänzlicher Wurschtigkeit in mir vorherrschend werden zu lassen, nachdem ich den Bund allmählich mit Erfolg zum Bewußtsein des durchbohrenden Gefühls seines Nichts zu bringen, nicht uner- heblich beigetragen habe". Das Lied von Heine: „O Bund, du Hund, du bist nicht ge- sund", wird bald durch einstimmigen Beschluß zmn Nationallied erhoben werden." Und ähnlich, wie er mit prophetischem Blick schon damals den Ausschluß Österreichs aus Deutschland als Notwendigkeit vorausgesagt bat, zu einer Zeit wo es als eine Vermessenheit galt, derartiges offen auszusprechen, hat er mit dem Blick eines Sehers vorausgeschaut, daß in dem Rivalitätenkampfe Deutschlands init Frankreich erst eine entscheidende Lösung eintreten müßte, um Deutschland die Bahn frei zu machen zu seiner weitern Entwickelung. Wenn der geniale Staatsmann, gleich einem feinen Regisseur, ein wenig die Hand dabei im Spiele gehabt, daß der Ausbruch dieses Kampfes gerade zur rechten Zeit erfolgte, so kann dies als kühner Schachzug seiner überlegenen Di- plomatie nur den Ruhm seiner vorausschauenden Staatskunst erhöhen. Sein Wort: „Kaiser- kronen müssen auf den Schlachtfeldern gewonnen werden", war in Erfüllung gegangen. Als dann das Reich stark und mächtig dastand im Rate der Völker, da begann seine rastlose Arbeit bei dem Ausbau des Reiches, feine schöpferische Tätigkeit auf den Gebieten des Handels, der Kolonialwirtschaft und Sozialpolitik, um die unteren Volksschichten zu schützen und ihnen bei Krankheit und Invalidität staatliche Fürsorge angedeihen zu lassen. Namentlich diese letztere Fürsorge gewann bald einen Umfang, daß andere Völker erstaunt aufsahen und die Neueinrichtungen des sozialen deutschen Kaisertums nachahmten. „Ein Riesenwerk, geschmiedet mit dem Hammer eines Zyklopen" — so nannte ein italienischer Staatsmann l.889 auf dem pariser internatio- nalen Kongreß die deutsche soziale Gesetzgebung. Oft meinte der Titane, unter der Last der Arbeit und der Flut feindlicher Angriffe zu erliegen, aber wenn er sich mit Rücktrittsgedanken trug, immer wieder erklang das Wort seines treuen Monarchen: „Niemals, niemals!" Und der alte Schöpfer und Hüter des Reiches sagte: „Ich werde auf der Bresche sterben, wenn ich nicht mehr leben kann; ein braves Pferd stirbt in Sielen. Solange ein Faden an mir ist, will ich dem Vater- lande dienen." Und dieses Gelöbnis Bismarcks wollen wir in diesem Erinnerungsjahr, da wir den hundertjährigen Geburtstag dieses großen Deutschen feiern, zu dem unsrigen machen. „Solange ein Faden an mir ist, will ich dem Vaterlande dienen" — das soll die Parole, das heilige Gelöbnis eines jeden Deutschen sein. Wir, die wir hier in Saar- brücken leben, unweit der Stätten, wo der Auftakt des deutschen Einigungskrieges einsetzte mit der furchtbaren Erstürmung der Spicherer Höhen, wir haben in unserem stimmungsvollen „Ehrental", in den Grabstätten der tapferen deutschen Krieger, welche für Deutschlands Einheit und Größe hier Blut und Leben ein- gesetzt haben, immerdar die hehren Beispiele treuer Pflichterfüllung vor Augen. Und wenn man in diesem Jahre an allen Orten die hundertjährige Zugehörigkeit der Rheinlande zu Preußen feiert, wenn man am April d. Is. in Wort und Schrift die unsterblichen Verdienste des deutschen Reichsgründers Otto von Bismarck feiert, so wollen wir auch der- jenigen nicht vergessen, die nach den Worten des großen Staatsmannes ihr Vaterland höher gestellt haben als ihr Leben, und im stillen „Ehrental" und draußen auf den Kriegergräbern von Spichern wollen wir den Immortellenkranz treuer Erinnerung und Dankbarkeit auf ihr frühes Grab legen und im stillen Herzen ge- loben, immerdar Treue und Liebe zu halten dem Vaterlande als—die Wach t an der Saar!