das rechte Ufer, für den deutschen Buchhandel noch ein totes Gebiet gewesen; selbst das reiche Wuppertal besaß zu Anfang des Jahrhunderts keine einzige Buchhandlung. Jetzt bildete sich in Bonn ein neuer Wittelpunkt für den lite- rarischen Verkehr, dessen geistige Ausstrahlungen sich fruchtbringend über das ganze Rheinland verbreiteten, und wie einst das neugewonnene Schlesien unter Friedrich dem Großen, so wurde das Rheinland ein Wenschenalter hindurch das Schoßkind der preußischen Regierung. In Saarbrücken und den Saarlanden hatte sich die Umwandlung in die neue Herrschaft ungleich leichter vollzogen. U)as sie gebangt und gelitten, als sich nach dem ersten pariser Frieden die Nachricbt verbreitete, die Saarlande sollten noch französisch bleiben, welche An- strengungen sie unter Führung großer Patrioten, wie Justus von Grüner, Böcking u. a. gemacbt, um beim Wutterlande zu bleiben, wie ihnen dies aber erst nach langen Aämpfen gelungen, das ist an anderer Stelle dieses Aalenders eingehend geschildert worden. Seit dem 30. November s8s3 sind die Saarlande mit Deutschland, mit der preußischen Arone vereinigt. Welchen ungeheuren Auf- schwung die Industrie, insbesondere die Ausdehnung der Aohlenbergwerke, unter der kraftvollen Leitung dieses Staates genommen, auch das möge an der betreffenden Stelle nach- gelesen werden. s8t5—i9 s5 ! Welche Fülle von Er- eignissen schließen diese hundert Jahre für die Rheinprovinz, für die Saarlande, insbesondere für unsere Stadt Saarbrücken, in sich! Sie sind untrennbar von den Schicksalen des preußischen Staates selbst, der sich seit dieser Zeit in langen, schweren, geistigen und kriegerischen Aämpfen von einem Wittelstaat zu einem Großstaat, sa zu einer ersten Welt- macht entwickelt hat. Wenn wir zurückblicken auf diese lange Zeit, so erscheint uns die Geschichte dieses Staatswesens zunächst als eine lange Aette von Enttäuschungen, Ver- irrungen und Unglücksfällen, aber auch von großen, gewaltigen, weltbewegenden Taten. Wir wandern im Geiste durch die langen, öden unfruchtbaren Jahre, da der Deutsche Bund unter der unseligen Leitung des österreichischen Staatskanzlers Wetternich in Preußen wie im ganzen Deutschland lähmend seine L)and auf jeden geistigen und politischen Fortschritt legte. Erst als Preußen erkannte, daß nur dann die Bahn frei werden konnte, wenn Österreich aus der Vorherrschaft in Deutschland hinausgedrängt war und Preußen allein die Führerrolle übernahm, erst dann war es möglich, den deutschen Einheitsgedanken, der seit den Tagen der Befreiungskriege im deutschen Volke schlummerte, zu verwirklichen. Auf den Schlachtfeldern Böhmens im Jahre \866 wurde der erste Grund zur deutschen Einheit gelegt. Die Bahn war frei. Der Norddeutsche Bund knüpfte die ersten Bande zwischen Nord und Süd. Was der Zollverein auf wirtschaft- lichem Gebiete vorbereitet, das wuchs nach und nach hinein in das politische Bewußtsein der deutschen Völker. Aber erst im Jahre f8 70 auf den Schlachtfeldern Frankreichs vollzog sich das große Ereignis, dem die geistigen und kriegerischen Aämpfe eines ganzen Jahrhunderts gegolten hatten: die Einigung der deutschen Stämme zu einem machtvollen, großen deutschen Vaterlande. Im Spiegelsaal zu Versailles wurde das große Werk gekrönt, als die deutschen Fürsten den greisen Preußen- könig Wilhelm I. zum Aaiser des wiederer- standenen Deutschen Reiches kürten. Und merkwürdig! Der Wann, dem Deutsch- land nebst seinen tapferen Ariegern am meisten dieses große Werk verdankt, der „Waffen- schmied der deutschen Einheit", Fürst Bismarck — sein Name, sein Andenken werden in diesem Jahre mit den Jahrhundertfeiern aufs engste verknüpft sein. Am f. April sind es t00 Jahre her, daß Otto von Bismarck zu Schönhausen in der Altmark das Licht der Welt erblickte. Das Bild eines Melden von deutscher Urkraft und rast- los em Wirken im Dienste des Vaterlandes ruft dieser Name gerade in diesem Jahre in der Seele jedes wahrhaft deutschen Wannes wach. Ulan hat ihn den „neuen Siegfried", den „Baumeister des Reiches" und den „Schmied der Aaiserkrone" genannt. Die Laufbahn dieses gewaltigen Recken vom frischen, kecken Anaben, dem kraftstrotzenden Junker bis zum kampfesmutigen Minister- präsidenten und deutschen Reichskanzler, zum Grafen und Fürsten und gefeierten Volkshelden — welch ein Weg! Es kann nicht unsere Aufgabe sein, in diesem Geleitwort auf das Leben des Titanen Bismarck näher einzugehen. Nur daraufhin weisen wollen wir, wie sein ganzes Leben nur dem einen großen Zwecke gedient hat, Preußen und Deutschland diejenige Stellung zu ver- schaffen, die ihnen im Rate der Völker zukommt.