DRGHH DEH EIKHEITSGEUIERHSIHUFT DER HHBEITEH PNGESTELLTEN UND BEBH1TEN c Jahrgang Saarbrücken / November 1954 Nummer I I Schlüsselindustrie in die Hände des Saarvolkes Gewerkschaltsausschuss zum Verkauf des Völklinger Eisenwerkes — Sicherung des Arbeitsplatzes vordringlich Die bedrückende Ungewißheit der Beleg ­ schaft des Völklinger Werkes und. darüber hinaus der gesamten Arbeitnehmerschaft an l^der Saar über das Schicksal eines ihrer wich ­ tigsten Arbeitsplätze, ist bisher noch keiner Klarheit gewichen. Wir wissen lediglich aus dem Briefwechsel zwischen Bundeskanzler Adenauer und dem französischen Ministerpräsidenten Mendes- France, daß die Sequesterverwaltungen an der Saar aufgehoben werden sollen. So er ­ freulich an sich die Liquidierung eines Kriegs ­ zustandes sein könnte, bringt dieser Brief ­ wechsel keinerlei Aufklärung darüber, was dann mit den sequestrierten Betrieben an der Saar geschehen soll, und gibt damit auch keinerlei Gewähr, ob vordringlich auch an die Interessen der Saarbevölkerung gedacht ist. Diese Frage rangiert nun bei uns an aller ­ erster Stelle, Wenn wir gegen die Veräußerung der An ­ teile der Familie Röchling an die Gruppe Schneider-Creuzot schwerste Bedenken haben, so sprechen hieraus nicht etwa nationalistische Ressentiments, sondern lediglich die Sorge um das künftige Schicksal eines Werkes, das für den gesamten saarländischen Arbeits ­ markt von ganz hervorragender Bedeutung ist. Handelt es sich doch nicht nur um die 13 000 Beschäftigte des Völklinger Werkes, deren Geschick alleine schon garnicht ernst genug genommen werden kann, sondern um die Zukunft fast eines Viertels der im Saar ­ land Beschäftigten, die mittelbar mit dem Völklinger Unternehmen in Verbindung stehen. Nun v wissen wir noch keineswegs, inwie ­ weit Garantien gegeben sind, daß auch nach einem Verkauf des Werkes an einen privaten Konzern des Auslandes Garantien für eine günstige Weiterentwicklung gegeben sind. Die beste Garantie für den Arbeitnehmer an der Saar wäre natürlich die Überführung dieses Großbetriebes in saarländisches Gemeineigen ­ tum. Diese Forderung erheben wir in aller Öffentlichkeit und brauchen dabei weder un ­ seren schon von jeher geäußerten Standpunkt zu revidieren, noch befinden wir uns in Wi ­ derspruch zu der saarländischen Verfassung. Das gilt natürlich nicht nur für die Frage des Eigentums an den Röchling’schen Eisen- und Stahlwerken. Nun soll man uns nicht sagen, der saar ­ ländische Staat wäre nicht in der Lage, über ­ haupt die Mittel für den Erwerb und den Betrieb des Werkes aufzubringen. Wir erin ­ nern uns noch sehr gut, daß vor gut 2 Jah ­ ren, als die Frage der Marshallgelder für die Schwereisenindustrie zur Debatte stand, aus berufenem Munde geäußert wurde, daß die Modernisierung des Hüttenwerkes ohne wei ­ teres auf dem Wege der Selbstfinanzierung vorgenommen werden könne, man also auf Fremdmittel nicht angewiesen sei. Sollten nun dem saarländischen Staate nach einer Klärung der staatsrechtlichen Verhältnisse nicht Kredite für die Übernahme eines der ­ artigen Objektes zur Verfügung stehen? Diese Frage zu stellen, heißt sie bejahen. Wenn man jedoch die Notiz vom 5. 11. 54 in der SVZ „Zum Röchling-Verkauf" liest, deren genaue Quelle wir leider nicht kennen, deren Zuverlässigkeitsgrad wir deshalb auch nicht beurteilen können, dann scheint der Verkauf an Schneider-Creuzot schon fast eine beschlossene Tatsache. Wie die Situation auch sein mag, es wäre endlich angebracht, daß die saarländische Re- fp* EnfschSs I * In seiner Sitzung vom 18. 10. 1954 befaßte sich der Gewerkschafts- ' ausschuß der Einheitsgewerkschaft der Arbeiter, Angestellten und Beamten des Saarlandes mit den durch den bevorstehenden Eigen ­ tumsübergang der Röchling’schen Eisen- und Stahlwerke in Völk ­ lingen auf das französische Unternehmen Schneider-Creuzot aufge ­ worfenen Problemen. Der Gewerkschaftsausschuß stellt fest: 1. der bevorstehende Eigentumswechsel bei dem noch unter Se ­ quester stehenden Völklinger Unternehmen hat unter der Saarbevöl ­ kerung und besonders unter der Belegschaft des Werkes große Be ­ unruhigung ausgelöst; 2. diese Beunruhigung ist umso gerechtfertigter, als bislang noch nicht bekannt ist, ob nach der Aufhebung der Sequesterverwaltung und nach Übergang des Eigentums an einen Konzern, der seinen Sitz außerhalb des Saarlandcs hat, noch die Gewähr gegeben ist, daß das Völklinger Werk mit seiner überragenden Bedeutung für die saar ­ ländische Wirtschaft und insbesondere den saarländischen Arbeits ­ markt im Interesse des Gemeinwohles geführt werden wird, wie es die Artikel 51 und 52 der Verfassung des Saarlandcs vorschreiben; 3. die Öffentlichkeit fordert mit Recht Aufklärung über die Frage, ob und inwieweit von der saarländischen Regierung Schritte unter ­ nommen worden sind, in der Angelegenheit der Röchling’schen Eisen- und Stahlwerke die Interessen des Saarlandes und insbesondere der Belegschaft des Völklinger Werkes zu wahren. Der Fall der Röchling’schen Eisen- und Stahlwerke in Völklingen gibt dem Geweikschaftsausschuö der Einheitsgewerkschaft erneut essung Veranlassung, mit aller Deutlichkeit die alte Forderung der Arbeit ­ nehmerschaft an der Saar zu erheben, die Schlüsselindustrien in das Gemeinschaftseigentum des Saarlandes zu überführen, eine Forderung, die in der Verfassung des Saarlandes untermauert wird. Der Ge ­ werkschaftsausschuß fordert in dieser Frage ganz energische Inter ­ ventionen der saarländischen Regierung bei der Regierung Frank ­ reichs, als der Trägerin der Sequesterverwaltungen an der Saar zur Wahrung der Interessen der saarländischen Bevölkerung. Gleichzeitig beauftragt der Gewerkschaftsausschuß die Mitglieder der Einheitsgewerkschaft, die Abgeordnete des saarländischen Landtages sind, dort im gleichen Sinne zu intervenieren. Weiterhin stellt der Gewerkschaftsausschuß fest, daß gerade wegen der besonderen Situation des Saallandes die Eigentumsverhältnisse bei den saarländischen Großbetrieben der saarländischen Öffentlich ­ keit nicht gleichgültig sein können. Sie hat auch einen Anspruch dar ­ auf, über die wirtschaftliche Lage dieser Großbetriebe eingehend orientiert zu werden. Das Aktiengesetz mit seinen ohnehin mangelhaften Publizitäts ­ vorschriften bietet hierfür keine Gewähr. Der Gewerkschaftsausschuß fordert deshalb nachdrücklich die Er ­ weiterung der Publizitätsvorschriften des Aktiengesetzes und deren Ausdehnung auf sämtliche Großunternehmen an der Saar, gleich ­ gültig unter welcher Rechtsform sie geführt werden und in welchem Land die Unternehmensführung ihren Sitz hat. An die Mitglieder der Einheitsgewerkschaft, die Abgeordnete des Landtages sind, ergeht die Aufforderung, eine entsprechende Gesetzesvorlage zu betreiben. Saarbrücken, den 18.10. 1954.