ORGAN OER EINAEITSGEUIERRSEHRET DER RRREITER. ANGESTELLTEN UND DEflfDTEN 8. Jahrgang Saarbrücken / Mai 1954 Nummer 5 Friede, Freiheit, Gerechtigkeit! Die Kundgebung der Einheitsgewerkschaft in Saarbrücken Die Saarhauptstadt bot in den Vormittagsstunden des 1. Mai 1954 ein imposantes Bild. Durch die von Tausenden von Menschep umsäumten Hauptstraßen der Stadt Saar ­ brücken, bewerte sich unter starker Beteiligung der Demon ­ strationszug der Einheitsgewerkschaft vom Ludwigsberg zum Landwehrplatz, dem Ort der öffentlichen Kundgebung. Schon vorher hatten die Eisenbahner vor dem Direktions ­ gebäude am Bahnhof demonstriert und durch die Stimme ihres ersten Vorsitzenden, Eduard Weiter, ihre besonderen Forderungen erhoben (s. a. den Artikel „Das Problem Schiene und Straße wird ein soziales Problem“). Diese starke Gruppe der Demonstranten des IV Eisenbahn setzte sich an der Berg ­ werksdirektion an die Spitze der Marschsäule der übrigen Verbände, um auch an der gemeinsamen Kundgebung der Einheitsgewerkschaft teilzunehmen. So konnte der 1. Vorsitzende der Einheitsgewerkschaft, Richard Rauch, auf dem Landwehrplatz eine eindrucksvolle Kundgebung eröffnen. Unter den zahlreichen Demonstranten konnte er auch den Arbeitsminister, Kollegen Richard Kirn, begrüßen, der wie in den vergangenen Jahren an der Kund ­ gebung der Einheitsgewerkschaft teilgenommen hatte. In mitreißenden Worten appellierte Richard Rauch an die Ar ­ beitnehmerschaft, den 1. Mai nicht nur als Feiertag der Arbeit zu betrachten, sondern auch als Kampftag, als den Tag des offenen Bekenntnisses zur gerechten Sache des schaffenden ^.Menschen. Er rief all denen, die glauben abseits stehen zu ^dürfen zu, daß sie sich besinnen möchten auf die Probleme, die noch immer ihrer Lösung im Sinne der Arbeitnehmer ­ schaft warteten. Die Forderungen der Einheitsgewerkschaft und damit die Forderungen der gesamten Arbeitnehmer ­ schaft an der Saar könnten nur verwirklicht werden, wenn sich alle Arbeitnehmer bewußt würden, daß die Gewerkschaft eine gesellschaftliche Aufgabe zu erfüllen habe, die des Ein ­ satzes aller bedürfe. Im Mittelpunkt der Kundgebung auf dem Landwehrplatz stand die Rede unseres altverdienten Kollegen Jakob Schäfer. Er wies auf den schweren Weg hin, den die Arbeiterschaft •seit jenem 14. Juli 1889 gegangen ist, an dem 100 Jahre nach der Erstürmung der Bastille, der Zwingburg des Despotismus, Vertreter der internationalen Arbeiterschaft den 1. Mai zu dem Tage erklärten, an dem künftig Jahr für Jahr in der ganzen Welt für die sozialen und wirtschaftlichen Forderun ­ gen demonstriert werden solle. Wenn auch der Achtstunden ­ tag, bezahlter Urlaub und viele andere soziale Forderungen heute schon Wirklichkeit geworden seien, so habe der Welt ­ feiertag der Arbeit, auch nachdem er zum gesetzlichen und bezahlten Feiertag geworden, auch heute noch seine grund ­ sätzliche Bedeutung. Wenn wir heute für Friede, Freiheit und soziale Gerechtigkeit demonstrierten, so gäben gerade diese grundlegenden Forde ­ rungen dem 1. Mai 1954 sein ganz besonderes Gepräge. Für den Völkerfrieden schlechthin träten wir ein, und indem wir uns für die Freiheit als die Voraussetzung für soziale Gerechtigkeit einsetzen, müßten wir uns gegen jede Diktatur wenden, ganz gleich, in welche Form sie sich kleide. In seinen weiteren Ausführungen legte Jakob Schäfer überzeugend die Berechtigung der in der später einstimmig angenommenen Resolution der Einheitsgewerkschaft erho ­ benen Forderungen dar, und er fand die Zustimmung aller. als er zum Schlüsse seiner Rede ausrief: „Heute, am Welt ­ feiertag der Arbeit, reichen wir über alle Grenzen hinaus in brüderlicher Verbundenheit all denen die Hände, die mit uns eintreten für Friede, Freiheit und soziale Gerechtigkeit, die mit uns führen den heiligen Kampf der Arbeit!“ Nach der Annahme der durch Kollegen Richard Rauch in seinem Schlußwort eingebrachten Resolution fand die ein ­ drucksvolle Kundgebung auf dem Landwehrplatz mit dem gemeinsamen Liede „Brüder zur Sonne zur Freiheit“ ihr Ende,