14 Jazz oder ernste Musik? Ein Frage an die Jugend ViT lassen uns vom Jazz begeistern; wir lassen uns rmtrelße®, gcTat.cn in Taumel, tanzen, pfeifen und fob«». Oder kwawn ge- laugweilt m einer Ecke, spiden mit abge ­ brannten StreichhcrfeTn und kauen an Zi ­ garetten, während die Drei-Mann-Kapdle ihr «darilbs Getön in die vtarräuchate Kneipe sthrest. Der Zustand wirft ungelöste Probleme auf. Wen trifft die Sdbiaild ? Uns? — Nur zum TealJ Die Musik? — Nur zum Teil! Die Komponisten? — Immer nur zum Tdll Zu einem Teil tragen wir alle die Schuld. Aber wo liegt diese Schuld? Sie liegt darin, daß wir uns allzu leicht mit dem zufrieden gebe*. was wir ohne Muhe erhalten können: Zerstreuung, Abenteuer, Abwechselung in schneller Folge, Lntcrhakung und Nurve*- xausch, Man kann diese Dinge billig bekom ­ men, man bezahlt ein oder zwei Glas Bier und erhält dafür ein p.n Abend lang das Ge ­ wünschte. Ist das der Sinn der Musik? Will die Musik mar unterhalten? Soll säe nur die Ner ­ venspannung fortsetzen, der wir täglich in unserem Berufen ausgesetzt sind, ohne eine befriedigende Antwort gnbesn zu können auf die Probleme, die sieh vor unserer Seele aaf- t.nn? Der Jazz hat seine Berechtigung, wie der menschliche Köcrper in seinem Dasein seine Berechtigung hat. Doch die sogenannte «rüste Musik hat ebenfalls ihre Berechtigung, so, wie der menschliche Geist seine Berechtigung hat. In dem Spaumungsfeld der beiden Pole des Triebhaften und des Geistigen müssen wir uns entscheiden. in welcher Bkhtung wir gehen wölb n. Das Ist das wahre Probh'-m der Jazzmusik und der ernsten Musik (und der Jazzmusik).; Der Jazz befriedigt unmittelbar, geht ins Blut wie Traubenzucker,, die ernste Musik dagegen will im langsamen Prozeß begriffen,, aufgesogen und verarbeitet werden. Der junge Mensch, der sich für sein künf ­ tiges Leben für den bequemen Stillstand e.tifs.rbeid.p.f,, braucht «ich nicht mehr mir Problemen befassen., die sich ihm erst nach längerer Anstrengung offenbaren. Abo- der ­ jenige, der sich nicht mit dem soeben erreich ­ ten zufrieden gibt, muß um höhere Erkennt ­ nisse rängen. Die ernste Musik wird ihm da ­ bei behilflich sein. Diese Gedanken blieben aber nur eia Schall schöner Worte, wenn sie nicht ver ­ wirklicht würden. Wir müssen also mit der ernsten Musik uns unmittelbar auseinander setzen. Das große RuWfunkorohester Saar ­ brücken gibt uns Gelegenheit, in Jugend ­ konzerten, die regelmäßig veranstaltet wer ­ den, stets wertvollste Musik kennenzulexnem, die oft unter Mitwirkung weltbekannter So ­ listen dargeboten wird. Wie treten wir der Musik gegenüber? Zu ­ nächst dürfen wir nicht vergessen, daß es in der ernsten Musik vieles gibt, was durchaus unproblematisch gemeint ist und üut dem frische« Musizieren dient. Eb wäre falsch, in solchen Stücken schwerwiegende Probleme zu suchen. Dagegen gibt es andere Werke, aus denen das Ringsn des Komponlstea um eine vielschichtige Problematik spüdbar her ­ vorgeht. Es gilt zunächst zu erkennen, wel ­ ches Stück musikantisch leicht gemeint Ist und welches nicht. Nun, die leichteren Werke sind eingängig, man hat sie bald „im Ohr‘’. Dort aber, wo uns die Musik zunächst unver ­ ständlich erscheinen will, müssen unsere Be ­ mühungen einsetzen. Nehmen wir ein leben ­ diges Beispiel: in dem Jugendkonzert am 21.- Februar werden folgende Werke mnfgefübrt: Heinrich K-onietznY, Intrada (Uraufführung!, Serge Prokofieff, Violinkonzert Nr. I D- Dur, Gustav Mahler, Sinfonie Nr. 1 D-Dur. Das erste Werk Ist die Komposition eines 7,efcgnmssisdien Komponisten, der als aus- eben der Musiker selbst Mitglied des großen Rundfunkorchesters ist. Der Titel des Werke* bedeutet „Eingang“ und gibt folgerichtig die Empfindungen wieder, die uns anströmen, wenn wir etwas Neuem begegnen. Es ist un ­ ruhig, aber dennoch von fester, innerer Ord ­ nung; schwungvoll mit plötzlichem, einpräg ­ samen Einfällen. Der erste Teil der Intrada ist rhapsodeuhaft gearbeitet, während der zwrifce Teil sich durch eine festere Form (Fu ­ gato) aiiv/pirKtiAt, gleichsam., als hätte ma* den ersten, verwirrenden Eindruck des Neue* überwunden. Endlich werden die einzelne» Motive zusammengefaßt und in verbreiter ­ tem Zeitmaß dem Schlüsse zugeführt. Möge* die Harmonien, die der Komponist in oft kühnen Reibungen gibt zunächst fremd er ­ scheinen, so lassen sie doch die Ordnung er ­ kennen, die jeder guten Musik eigen ist. Da« Violinkonzert von Serge Prokofieff ist von einer ganz anderen Art. Der Komponist hat zunächst Rücksicht genommen auf die Ei-' genart des Soloinstrumentes, auf die Violine. Gleich das erste Thema ist ein Gesang. Alle» folgende sind teils spielerische, teilä ernst ­ hafte Variationen über rhytmische Motive im den begleitenden Instrumenten. Das Werk besteht aus drei Sätzen, die wiederum au» drei Teilen, einem Vordersatz, einem Mittel ­ satz nnd einer Wiederholung des Vorder ­ satzes, diesmals aber in abgewandelter Form, bestehe*. Während der erste Satz betont r lyrisch gehalten ist, bricht in den beiden fol ­ genden Sätzen das rhythmische Element hem ­ mungslos durch. Hier erkennen wir in dem Komponisten den Bussen, der sich auch in seiner feinsinnigsten Knnsimnsik nicht von dem Vorbildern seiner schweren und tempe ­ ramentvollen Volkstänze lassagen kann. Nut der Schluß des Werkes klingt in farbigen, fast unwirklichen "Klängen aus. Während sich die beiden erstem Werke wie selbstverständIkh in dm -Rhythmen und Har ­ monien der zeitgenössischem Musik bewegen, erinnert uns das letzte Werk des Sinfonie- komzextes daran, daß die Ausdruckslormen der heutigen Musik sich erst in jüngster Zeit gefestigt haben; denn hei Gustav Mahler fin ­ den wir das Rängen um neue Ausdrudksmiitel. Er sucht sie im Monumentalen. Nicht so sehr das musikalische Thema, das Motiv oder wie man sonst die musikalische Keimzelle nennen mag, sind hier das Objekt des künstlerischen Bingens, sondern die Mittel der Darstellung, der Klangreize und das äußere Bild des Auf- ^ tretens von Riesumorchestern und ßäeseochö- Ten. In Gustav Mahler vareinen sich die Pro ­ blematik und die Auswegslosigkeit einer aus ­ gehenden Epoche, siimenhaft dargestellt in all seinen Werken.. Dagegen verehren wir in ihm ednan Künstler, der diese Problematik zur äußersten Konsequenz durchgefochten hat. Wir können nur sehr wenig von dem mit- teakn, wes nu unserem Thema zu sagen wäre. Wir wollen anregm, unser Thema ist noch keineswegs erschöpf L Aus diesem Grunde dürfen wir den Vorschlag machen, all jene, die sich mit der Problematik der Musik im Allgemeinen uaseinand ersetzen wollen, zu eigener Fragestellung oder auch zu eigenen Beitragen zu veranlassen, die wir zur Diskussion steUcn wollen. Wir würden es begrüßen, wenn uns viele Fragen einge- sandt würden, damit unsere Diskussion le ­ bendig würde und sich somit für sehr viele, nicht nur für junge Menschen, nutzbringend gestalten würde®. Helmut Kreitz. Herausgeber? JlauptvcrM'al I u ng dar Einhertsgewerk- schaft SaaAnukea 3, ’BraaersträBe Ti—S, Tel. 90 31-35. Vwantwortlidh ffiür den CesaiutinViBtt: JftidjKrd Rau#i; Druck; MaktaEt-BiiirbRchwr Handu I s dr unkCmt>II Saarbrücken 5, ParäTlelstraße 3S. Einzelverlcaiifspr.cis der -„Arbeit“ 20.— ffrs. {Erscheint regelmäßig monatlich).