12 Tanuar 1$54 iAMMMAAiMiA) an sie stellen konnte. Sie war Musik der Liturgie, nichts anderes. Daß Bach sie mehrmals darbieten konnte, überstieg schon beinahe das, was man von der Pas ­ sionsmusik eines Kantors erwartete. Es laiseht das Bild, wenn man sagt, die „Mat- thäuspassion“ sei vergessen worden. Die Kirchenmusik überhaupt verlor an Bedeu ­ tung und trat in den Schatten, um anderen Musikformen den Vortritt zu lassen. Solche Zeitwandlungen haben sich auch die größ ­ ten Werke zu beugen. Darum „erinnerte“ man sich 1829 keineswegs „wieder“ an die „Matthäuspassion.“, Vielmehr war sie in den vergangenen hundert Jahren ein durchaus anderes Werk geworden. Vor ­ aussetzung zu diesem Wandel war die weitreichende Säkularisation. 1829 war die „Matthäuspassion“ keine liturgische Mu ­ sik mehr und ist es auch nie wieder ge ­ worden. Sie hatte sich in der Zwischen ­ zeit zu einem kosmopolitischen Bekenntnis verwandelt: Darum erklang sie auch nicht mehr in der Kirche, sondern im Konzert ­ saal, und ihr Dirigent war weder Prote ­ stant noch Kantor.* Solche Umwertungen haben viele Werke erfahren, ja kein Werk aus früherer Zeit, das heute noch erklingt, ist frei davon ge ­ blieben. Die Kantaten Bachs haben das Schicksal seiner Passionen geteilt. Auch Beethovens „Fidelio“ hat eine schnelle und gründliche Umwertung erfahren. 1805 war er eine der vielen üblichen Revolutions ­ opern. Erst in der Atmosphäre des Wie ­ ner Kongresses wurde er Symbol der Frei ­ heit und Bekenntnis zur Humanität. Die „Umwertung aller Werte“ ist an der III. Sinfonie Beethovens nicht weniger deutlich zu erkennen. Welche Wandlungen haben die Werke Mozarts erfahren! Und wie schwankt noch die Geltung der Schubert - schen Sinfonien zwischen Romantik, Klas ­ sik, Biedermeier, Schwärmerei und Tragik hin und her! Begreiflicherweise rufen solche Umwertungen gewisse Schwankun ­ gen in der öffentlichen Geltung hervor. Wie beim ersten Bekamt twer den, braucht die Oeffentlichkeit auch bei solchen Um- den Maßstäben von 1830 urteilten. Daß wir uns heute noch immer von der Vorstellung des verkannten Genies bewegen lassen, ob ­ wohl wir glauben, romantischen Vorstel ­ lungen entwachsen zu sein, ist merkwür ­ dig genug. Aber es werden damit noeh schwerer wiegende Verwirrungen angerichtet. Denn nicht selten ist die Neigung zu beobach ­ ten, den Satz „Alle Genies wurden ver ­ kannt“ stillschweigend umzukehren und nun zu behaupten: „Jeder Verkannte ist ein Genie.“ Das Verkanntwerden wird als unumgängliche Eigenschaft großen Schaf ­ fens angesehen. Die Werke aller Tonschöp ­ fer werden nun als Gegebenheiten betrach ­ tet, zu denen sich die Oeffentlichkeit hin ­ zufinden hat. Bisweilen wird der Erfolg sogar als verdächtig angesehen. Am Ende dieses Weges steht die Schocktheorie: Alle großen Tonwerke müssen zunächst er ­ schrecken, abstoßen, Lähmung, Entsetzen oder Gelächter verbreiten. Daß einzelne von ihnen stets nur für kurze Zeit Er ­ staunen hervorriefen, wird maßlos vergrö ­ bert und nun von jedem Werk erwartet. Manchmal wird es sogar künstlich herbei- geführt oder wenigstens begrüßt. Von anderen wird die vollkommene Au ­ tonomie des Kunstwerkes verkündet: es ist garnicht seine Aufgabe, von den Menschen empfangen und gewürdigt zu werden, son ­ dern die Kunst trägt ihren Sinn und ihre Berechtigung in sich selbst. Es ist also nicht wichtig, ob diese Musik von den Menschen der Zeit verstanden oder emp ­ fangen wird. Eher macht sie sich dadurch verdächtig. Diesen Behauptungen gegenüber gewinnt die Richtigstellung in Sachen „Verkanntes Genie“ große Bedeutung: Weder die Schocktheorie noch die Meinung von der völligen Autonomie der Kunst findet in der Geschichte ihre Berechtigung, wenn die Dinge vom richtigen Gesichtspunkt aus betrachtet werden: Wertungen eine gewisse Zeit, um sichere Positionen zu finden, 1 wenn auch in der Regel keineswegs längere Zeit als die Fach ­ leute: Dies alles festzustellen wäre im Grunde nicht allzu wichtig. Ohnehin wird sich der Verdacht eines Spiels mit Wertsetzungen regen. Und doch ergeben sich aus unserer Frage wichtige Folgerungen. Die Vorstel ­ lungen vom verkannten Genie entstammt, wie die des Genies überhaupt, der Roman ­ tik. Erst als man sich die großen Ton- schöpfer als Berufene, als von den Musen Geküßte vorstellte, entstand die Meinung, daß sie sich notwendigerweise im Gegen ­ satz zu Oeffentlichkeit befinden müßten und immer vom Leid des Verkanntseins Gezeichnete seien. Bach war für seine Zeit ­ genossen kein Genie, sondern nur Kantor. Man fälscht die Tatsachen, wenn man die Leipziger schilt, daß sie 1730 nicht nach Komponisten seiner Generation. Seine Gruppenbildung war von Anfang an mit einer mächtigen Wirkung in die Breite verbunden, wobei Hindemiths Wendung zur Jugendmusik eine große Rolle spieltg. Schönberg ist derjenige Meister, der, bei seinen ruckartigen Wendungen zur Ato^ nalität und zur Zwölftentechnik die stärkste Gruppenbildung bewirkte. Sie ist noch heute, nach seinem Tode, wirksam; von seinen Anhängern wird sie wie ein Vermächtnis gehütet. Bei ihm ist also das Bild der Apostel am deutlichsten. Am Ende seines Weges verbreiterte sich seine Wir ­ kung ungemein, aber nur hinsichtlich sei ­ ner Lehre, während die Wirkung seiner Werke selbst trotz aller Bemühungen auf eine kleine Gruppe beschränkt blieb.' Bela Bartök löste keine Schocks aus.' < Auch die Bildung von Apostelgruppen um ihn wird nicht recht deutlich. Daß er irrA Schatten starb, lag an den Wirren deW zweiten Weltkriegs und hatte nichts mit seiner Geltung zu tun.' Diese drang ohne ^ wesentliche Förderung durch ihn oder an ­ dere stetig vorwärts und wird ihn mög ­ licherweise als ersten zu einem Klassiker machen: Bei keinem dieser Tonschöpfer hat die Oeffentlichkeit endgültige Stellung bezo- gen.' Es wird wie immer noch dieses oder j jenes zu berichtigen sein. Aber die we- j sentlichen Positionen zu ihnen wurdeii I schon bei ihren Lebzeiten eingenommen: j Ungewöhnliche Erfolge fielen ihnen alleq zu. Ein „verkanntes Genie?“ ist keiner.' j (Aus der Zeitschrift ;,Das Orchester“) Eis ist aufschlußreich, wenigstens die be ­ deutendsten der heutigen Tonschöpfer hin ­ sichtlich der angeblich von ihnen verur ­ sachten Schocks, der Gruppenbildung und des breiten Erfolgs zu beobachten. Stra- winskys erste Werke lösten unter der Jeu ­ nesse doree von Paris heftigen Trubel aus. Indessen folgte breite Anerkennung bald. Der Fünfunddreißigjährige war ein Arri ­ vierter. Die Gruppenbildung um ihn er- erfaßte unwiderstehlich die jüngere Kom ­ ponistengeneration, die von ihm wie kaum von einem anderen in ihrem Schaffen be ­ einflußt wurde. Der breite Erfolg hielt Jahrzehnte hindurch an, wenn sich auch immer mehr die Werke in den Vorder ­ grund schoben, die einst heftig erregt hat ­ ten. 1 Betufsausbildungs- und Jugendftagen t Hindemith begann in einer Zeit der Tur ­ bulenz. Er selbst wie seine Gemeinde war erheblichen Wirren ausgesetzt. Aber Hindemith setzte sich sofort an die Spitze. Er galt früh als einer der ersten unter den (Fortsetzung von Seite" 10) nem Versagen der Lehrstellenvermitt- J lung, als vielmehr in der Stärke der während der letzten und auch noch in den nächsten Jahren zur Schulentlas ­ sung kommenden Geburtsjahrgänge. Wir halten es für angebracht, daß die: zuständigen Ministerien umgehend ge? meinsam mit den Kammern der Wirt? schaft und der Arbeitskammer die La? ge überprüfen und Vorschläge zur Schaffung zusätzlicher Ausbildungs? stellen ausarbeiten. Aufgabe der Re-, gierung und des Landtages wäre es, die für die Durchführung dieser Vorschlä ­ ge erforderlichen Mittel bereitzu 3 stellen: („Die Arbeitskamer“ Okt. 53) Herausgeber: Verband Öffentliche Betriebe und Verwaltungen der Einheitsgewerkschaft, Saarbrücken, Brauerstrafte 6—8. Telefon 9033- 35. Verantwortlich für den Inhalt: Stephan Wallacher. Druck: Druckerei Saarzeitung, Dr. Nikolaus Fontaine, Saarlauis, Kleiner Markt L