3< ORGHN DER HNHEITSGEWERHSlHim DER ARBEITER, RNGESTfLLTEH UND BEflmTEN 4, lahrgang Saarbrücken, 5, Juni 1950 Nr. 11 Kritische Betrachtung des Schuman-PIanes Von H. LAWAL. Betrachten wir, bevor wir Stellung neh ­ men, zunächt noch einmal die Situation vom 9. Mai, als Minister Schuman seinen Plan unterbreitete: Der Minister schlug da ­ mals folgendes vor: Zusammenfassung der gesamten Koh ­ len- und Stahlerzeugung Frankreichs, des Saarlandes und Deutschlands unter eine gemeinsame Behörde. Kohle und Stahl sollen auf den Märkten dieser Länder un ­ ter geichen Bedingungen abgesetzt wer ­ den und der Export nach anderen Ländern nach gemeinsamen Richtlinien und unter den gleichen Bedingungen erfolgen. Die Modernisierung der Unternehmungen wird gleichermaßen garantiert. Der Austausch von Kohle und Stahl soll von Zöllen be ­ freit und nicht durch Differenzialtarife des Transportwesens betroffen werden. Die Lebensbedingungen der Arbeitnehmer sol ­ len einander angeglichen werden. Das sina die wesentlichen Punkte des Schumanschen Planes, die einer Erörte ­ rung zu einem späteren Zeitpunkt bedür ­ fen. Allgemein kann gesagt werden, daß Schuman mit kühlem Wirkhchkeitssinn an die Lösung eines der schwierigsten, aber auch weittragendsten europäischen Pro- b’eme praktisch herangegangen ist. Die Unterstellung der gemeinsamen Kohlen- und Stahlproduktion unter eine Hohe Kom ­ mission, deren Entscheidungen die betei ­ ligten Länder binden, stellt somit den er ­ sten konkreten Schritt zur Schaffung ei ­ ner europäischen Wirtschaftsunion dar, die für die Aufrechterhaltung des Frie ­ dens unerläßlich ist. Die zu schaffende Behörde soll sich aus Persönlichkeiten zu ­ sammensetzen, diie von den zuständigen Regie uugen unabhängig bestimmt wer ­ den. .Diskussionen über den Plan haben inzwischen einen großen Umfang ange ­ nommen una reißen nicht ab. Für uns als Gewerkschaftler ist es erforderlich, den Plan einer weiteren Betrachtung, die kri ­ tisch Steilung nimmt, zu unterziehen. Diese Betrachtung läßt sich schon deswegen nicht vermeiden, weil das Stahlkartell des Jahres 1926 in noch zu lebhafter Erinne ­ rung ist. Man nahm auch bei diesem Stahlkartell an, das im Herbst 1926 zwi ­ schen Deutschland, dem früheren Saarge ­ biet, Frankreich, Luxemburg und Belgien abgeschlossen wurde und den Namen „In ­ ternationale Rohstahlgemeinschaft" führ ­ te, daß ihm eine epochale Bedeutung m wirtschaftlicher und auch in politischer Hinsicht zukomme. Wenn wir heute zu ­ rückblicken, kann man ohne Bedenken äußern, daß dieser internationale Eisen ­ pakt die seinerzeit angegebenen Ziele nicht erreicht hat. Er sollte eine Anglei ­ chung der Erzeugung an den Verbrauch vnd eine Regelung der Auslandspreise für Eisen herbeiführen und Hand in Hand mit der Hebung der Ausfuhr ­ preise den Unterschied zwischen Aus ­ land- und Iniand-Effektiv-Preisen verrin ­ gern und möglichst bald ganz zum Ver ­ schwinden bringen. Um nun zu vermeiden, daß die zu grün ­ dende Korporation ein Sfcahlkarbell m neuer Auflage wird, ist Vorsicht gebo ­ ten, denn nach wie vor liegt die gesamte Stahl- und Eisenproduktion in den Händen des privaten Unternehmers, und diesem wiederum liegt der eigene Profit näher als der europäische Gemeinschaftsge ­ danke. Wir müssen daher fordern, daß Vertreter sämtlicher Gewerkschaften in dieser Behörde mitbestimmend nommen werden. aufge- Der neue Organismus, der nacn dem Schumanschen Vorschlag ins Leben ge ­ rufen werden soll, unterscheidet sich von ähnlichen internationalen Korporationen, wie sie die Vereinten Nationen oder gar der ehemalige Völkerbund darstellen, dadurch, daß er vornehmlich wirtschaft ­ lichen Zwecken zu dienen berufen ist. Mö ­ gen jene Politiker recht haben, die die Auffassung vertreten, daß die Völker sich besser verstehen und verständigen kön ­ nen, wenn sie erst einmal die wirtschaft ­ lichen Voraussetzungen zu gemeinsamer Arbeit schaffen, ehe sie an die Errichtung des politischen Ueberbaues gehen. Der berechtigte Skeptizismus, mit dem beson ­ ders wir Gewerkschaftler allen interna,- tionalen wirtschaftlichen Zusammen ­ schlüssen begegnen, die sich nicht grün ­ den auf den ehrlichen Willen, daß auch Nationen eigene machtpolitische Positio ­ nen zugunsten einer übernatürlichen Ge ­ meinschaft aufgeben müssen, darf uns nicht die Hoffnung nehmen, daß mit der kommenden Korporation zur wirtschafth- (Fortsetzung Seite 2) Zur Lohnbewegung an der Saar Das Grundproblem für den Arbeitneh ­ mer ist jenes: gerechter Lohn! Es ist sehr einfach, zu sagen, daß ein gerechter Lohn nicht von selbst gegeben wird, aber die Schlußfolgerungen aus dieser Feststellung zu ziehen, das ist weniger einfach. Nicht einmal alle Arbeitnehmer erfüllen ihre Pflicht, um Widerstände, die sich ihren berechtigten Forderungen entgegenstellen, zu beseitigen. Es mutet eigenartig an, wenn ausge ­ rechnet in Arbeitgeberkreisen bei einer Lohnbewegung davon gesprochen wird« daß die Gewerkschaften mit ihren Arbeit ­ nehmerforderungen Beunruhigung und Un ­ sicherheit in die Wirtschaft trügen. Die Teuerung, die wir im einzelnen schon wiederholt nachgewiesen haben und wei ­ ter nachweisen, hat längst gebieterisch die Notwendigkeit nach Lohnerhöhungen bedingt. Die Gewerkschaft hat nicht ge ­ schwiegen. Sie hat sich nach Kräften be ­ müht, den Standpunkt der Arbeitnehmer ­ schaft zur Geltung zu bringen. Nachdem der Lohnstop aufgehoben worden ist und Grundlagen gegeben sind und jetzt schon durch die Einflußnahme des Arbeitsmini ­ steriums vorliegen, haben diiei gewerk ­ schaftlichen Aktionen eine konkrete ikwift gefunden. Ihre endgültige Fundamentie ­ rung wird sie in nächster Zeit durch die Verabschiedung des Tarifgesetzes im Landtag erfahren. Die Gewerkschaftsvertreter haben schon oft betont, daß es ihnen lieber gewesen wäre, die einst in Aussicht gestellte all ­ gemeine Preisherabsetzung wäre gekom ­ men und man hätte dadurch eine be ­ friedigende Kaufkraft ermöglicht; denn man hat Erfahrungen mit Lohnerhöhun ­ gen, die stark hinterherhinkten und denen dann noch zusätzliche weitere Preisstei ­ gerungen gefolgt sind. Es kam fast stets zu dem berüchtigten Wettlauf zwischen Preisen ind Löhnen. Man kann den Gewerkschaften beileibe nicht den Vorwurf machen, ins Blinde hi ­ nein Lohnforderungen zu steilen. Was heute von den einzelnen Verbänden ver ­ langt wird, stellt erst einen Bruchteil der Preissteigerungen dar und kann somit nur als erste Rate betrachtet werden. Auch die Gewerkschaftler stellen Be ­ trachtungen zur Preiskalkulation und Wirt ­ schaftlichkeit an, und daher wissen sie, daß es zahlreiche Produkte gibt, bei de ­ nen der Anteil z. B. einer lOprozentigen Lohnerhöhung nur einen geringen Prozent ­ satz der Gesamtgestehungskosten aus ­ macht. In anderen Fabrikationszweige wird man sich auch nicht ohne weiteres genötigt sehen müssen, jede Lohnerhö ­ hung einfach auf die Preise zu schlagen. Wer guten Willens ist, wird auch andere Positionen finden, um konkurrenzfähig zu bleiben und die Gestehungskosten zu halten oder gar zu senken. Dazu gehören weitsichtige Unternehmer, Fabrikanten, Kaufleute und Handwerker nicht nur mit Kapital oder Kreditansprüchen, sondern von wirtschaftlichem und sozialem Format. Und wenn Arbeitgeber ihre Bilanz ziehen und Kostenberechnungen vornehmen, so möchte man wünschen, daß es ihrer ge ­ nug gibt die nicht nur Steuern und soziale „Lasten" im Vordergrund sehen und sich von diesen Kopfschmerzen bereiten las ­ sen, sondern daß sie auch gelegentlich an die Verlustbilanz der schaffenden Men ­ schen denken, die im Arbeitsprozeß Le ­ ben und Gesundheit hingegeben haben, oft schon in jungen Jahren, und deren einziges Kapital ihre Arbeitskraft ist. Wenn man auf die Zusammenhänge der saarländischen mit der französischen Wirtschaft blickt, blickt man unwillkür ­ lich auch auf die beiderseitigen Preise, Löhne und Gehälter und zugleich auf Pro ­ duktionsleistungen und auf die garantierte Gleichberechtigung. Wie schneiden wir da an der Saar ab? Die Produktionszahlen und die Qualitätsarbeiten beweisen das eine. Hier kann man ruhig sagen, wenn Auslandskapitalien notwendig sind, so dürften sich die Geldgeber über die Ka ­ pitalanlagen an der Saar wohl wenig Sorgen zu machen haben. Allerdings ist für einen weiteren glatten Verlauf des Wutschaftsprozesses und damit des Ar ­ beitsfriedens unbedingt notwendig:, daß die elementarsten Forderungen einer Ar ­ beitnehmerschaft, die mehr als ihre Pflicht tut und seit Jahren entsprechendes öf ­ fentliches Lob hört, wonach ihr der ra ­ sche Wiederaufbau in erster Linie zu dan ­ ken ist, berücksichtigt werden. In anderer Beziehung stehen in punkto Gleichberechtigung manche Wün ­ sche offen. Vor allem auch in bezug auf die Angleichung der Löhne und Gehälter. Schauen wir, um zu Vergleichen zu Halbmast über Zechen Die Kunde von den zwei schwe ­ ren Grubenkatastrophen in der letz ­ ten Zeit brachte unendliche Trauer in viele Arbeiterfamilien. In jedem Menschen mit Mitgefühl verursach ­ ten die Schreckensnachrichten tiefe Erschütterung. Tiefempfundenes Befe d gilt den Angehörigen der Op ­ fer der Zeche Dahlbusch und den Hinterbliebenen der Grubenkata ­ strophe von Mariemont. Die Trauer um die toten Kamera ­ den, die als Helden der Arbeit und n Pflichterfülilung ihren schweren gefahrvollen Berufsweg auf so tra ­ gische Weise beenden mußten, is‘ eng verbanden mit dem Gebot der dringend» »*I Ifeleisfung für die Hin ­ terbliebene i Der Tod dieser Männer aber kann nicht ein Vergessen bedeuten. Sie werden fortleben in ehrendem Ge ­ denken! kommen, zurück auf das Jahr 1938. Da ­ mals kostete z. B. ein Kilogramm Brot 34 Pfennig, im Januar-Februar 1950 : 39 Frs. Der Arbeitsaufwand eines Facharbeiters betrug für diese Menge Brot im Jahre 1938 0,21,3 Stunden, 1950 : 30 Stunden. Bei Kar» löffeln sind die Zahlen: 0,95 RM, 26 Frs., 0,06 Stunden, 0,20 Stunden. Bei Schuhen 11 RM, 2800 Frs., 11,5 Stunden, 36 Stun ­ den. Beim Männeranzug: 66 RM, 10 00Q Frs., 63 Stunden, 12,5 Stunden. Für eine fünfköpfige Familie ergeben sich nach amtlichen Ermittlungen (Stat. Amt) folgende Vergieichszahten für die Lebenshaltungskosten, Beträge, die jede Familie als Minimum monatlich hätte haben müssen. 1938 in RM 1948 in Frs, Ernährung 90.05 13 086 1950 (April; 13 610 Wohnung Heizung Bekleidung Verschiedenes Gesamt 28,73 10,92 23,22 32,77 185 763 853 4154 4311 22 261 1211 S87 4564 4303 24 676 Nehmen wjr zu obigen Zahlen noch hin ­ zu, was uns z. B. die Bauarbeiteriöhne lehren. Die Preise für Baumaterialien und auch im gleichen Verhältnis die Bauprei« se sind gegenüber der Markzeit um 200 Prozent gestiegen, die Löhne aber um kaum 50 Prozent. So war bei den Bau ­ arbeitern der Stand bis zu der vor kurzem erfolgten Vereinbarung über eine 12pro- zentige Erhöhung. (Weitere Einzelheiten über Lohn- und Preisgestaltung sowie Produktionsleistungen sind in dieser Aus ­ gabe unter „Stimme der Verbände" an ­ geführt.) Aber nicht nur diese Zahlen sollen gel ­ ten, sondern jeder weiß sie durch eigene Erfahrungen zu ergänzen. In den ver ­ schiedenen Ausgaben unseres Organs „Die Arbeit" haben wir in letzter Zeit um ­ fangreiche Tabellen mit Einzelangaben über die Entwicklung der Löhnte und Preise seit 1938 abgedruckt. Um die Kaufkraft von 1938 zu errei ­ chen, genügen also nicht einmal Lohner ­ höhungen von 30 'Yo. Es gibt sogar manche Kategorioen, in denen um das Doppelte und mehr erhöht werden müßte, wobei Teilansicht der Diilinger Hüffenweike. Die Werke beschäftigen wieder 7000 Arbeitnehmer. Auf Seile 5 ist eine Reportage mit dem Be ­ triebsrat der Diilinger Hütte veröffentlicht. Diese Darlegungen lassen erkennen, welche Bedeu ­ tung schon einem Bruchteil der Aufgaben zuzuschreiben ist, die in einem fortschrittlichen Be.- frjebsrätegesetz zu verankern sind. Des weiteren werden interessante Aufschlüsse über die viel ­ seitige Tätigkeit eines Betriebsrates in einem modernen Großunternehmen gegeben. Einen be ­ sonderen Hinweis verdienen die Mitteilungen über Bauaktionen, Werkswohnungen und son ­ stige bemerkenswerte Einrichtungen. noch nicht die Leistungssteigerungen be ­ rücksichtigt sind. Diese machten in man ­ chen Branchen in den letzten 10 Jahren mehr als 10 o/o aus und kamen dem Ar ­ beitgeber allein zugute. (Was den Hin ­ weis auf 1938 anbetrifft, so wird man aber nicht nur diese Zahlen sehen, son ­ dern auch gewisse Begleiterscheinungen von damals nicht vergessen dürfen). Die Schaffenden selbst und vor allem die Hausfrauen in den Arbeitnehme rfa> milien wissen auch über die Kaufkraft der Löhne und Gehälter zu urteilen. Schließ ­ lich wissen auch die Frauen der Arbeit ­ geber, wieviel Geld notwendig ist, um da9 Familienleben zu bestreiten. Und ein Wei ­ teres in diesem Zusammenhang: „Dis Menschenwürde, von der so viel gespro ­ chen wird, kommt von selbst, wenn mar» uns anständig bezahlt“, sagte eine Ar ­ beiterin. Von einer geringen Kaufkraft der Mas* sen können ja schließlich Geschäfte nicht existieren. Arbeitgeber und Kapitalgeber, die es ehrlich mit einer auf Friedenspro ­ duktion eingestellten Bedarfs Wirtschaft meinen, sollten sich mehr auf das Gesetz von der Prosperität durch die Kaufkraft der Massen besinnen und bei Absatzstok- kungen hier nach der richtigen Fehler ­ quelle suchen. Das gillt nicht nur für Großbetriebe, sondern auch für die vie ­ len Geschäfte und für das saarländische Handwerk mit seinen 12 000 Betrieben und seinen 45 000 Beschäftigten. Auf die ­ ser Ebene können sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer ersprießlich begegnen. Um eine einigermaßen ideale Lösung des Lohn- und Preisproblems, die dauer ­ haft ist, zu ermöglichen, wird mit derzeit die gleitende Lohnskala stärkere Beach ­ tung verdienen, und zwar dann, wenn dij hinter den Preisen weit zurückgebliebe ­ nen Löhne auf eine angemessene Stara» dardhöhe gebreicht worden sind. Der Gewerkschaft obliegt es, mit äußerstem Nachdruck den Forderungen der Arbeitnehmerschaft, nachdem die staatliche Lohnlenkung aufgehoben ist (die Preise haben sich ja schon iangef nicht an den Stop gehalten), m der Wi rt ­ schaft, in der Regierung und im Landtag Geltung zu verschaffen. C. S. iiiimiiitmiiuiiimniiiiiiiiiiiiiiiiiimuiiimimumuiiiimmiuiniimiiiHiiimmiiiHimu Aus dem Jttfiafr: Stimme der Verbände Das Mitbestimmungsrecht Schuman-Plan und Saarwirtschaft Gewerkschaft und Politik Arbeit und Recht Die Theatergemeinde teilt mit iniiiiiHHHWjHiimimiiHniiitijmiiiiKiiiBiiiijjiiiniininniiiiiiiiiiiHiiimimiiiiiliii'Hi