4. Jahrgang Saarbrücken, 17, März 1950 Nr. 6 HEINRICH WACKER; Von 1945 bis Paris Mit der bedingungslosen Kapitulation am 8. Max 1945 war auch für die Men- s’cnen an der Saar die Stunde gekommen, in der s.e ohne den panischen Schrecken und die seelischen Qualen der hinter ih ­ nen liegenden Bombennächte, wo sie ohne die Sorge, in der nächsten Stunde Hab und Gut zu verlieren und Vater, Mutter und Kind unter den Trümmern begraben zu sehen, wieder leben konnten. Das großdeutsche 3. Reich, das tau ­ sendjährigen Bestand haben sollte, hatte keine Regierung mehr und war in 4 Besat ­ zungszonen aufgeteilt. Das Saarland, zu der französischen Besatzungszone gehö ­ rend, einstmals blühendes Land und von arbeitsamen Menschen dicht bevölkertes Industriegebiet, war durch den Krieg des Machthabers des 3. Reiches ein Trüm ­ merfeld. Was durch Kriegseinwirkungen nicht zerstört war, wurde von den zurück ­ flutenden Truppen gesprengt und vernich ­ tet. Die von den Nationalsozialisten auf- gebauten autoritären Organisationsgebil ­ de waren von den Besatzungsmächten aufgelöst. Alle jene, die damals sich als Mitschul ­ dige an all dem Unglück fühlten, waren von der Bildfläche verschwunden und überließen die hungernden, hoffnungs ­ losen Menschen ihrem Schicksal. Es gab noch keine politischen Parteien, einzig und allein war es die im Neuaufbau be ­ griffene Gewerkschaftsbewegung, auf die Tausende und aber Tausende blickten, von der sie hofften, daß sie in der Lage sei, größter Not und größtem Elend zu Steuern. Wir wußten, daß es nicht mit der Trümmerbeseitigung sein Bewenden ha ­ ben kannte und waren uns bewußt, daß es unsere vornehmste Pflicht war, Kohle 2u fördern, die Arbeitsstätten wieder auf- zubauert, zu produzieren, damit Lebens ­ mittel beschafft und der Hunger gestillt werden konnte. Es galt, all denen zu hel ­ fen, die vor dem Nichts standen, den Pen ­ sionären, den Invaliden, den Witwen und Waisen eine, wenn auch bescheidene, zum dürftigsten Lebensunterhalt ausreichende finanzielle Hilfe wieder zukommen zu las ­ sen. Alles wurde getan, um die von der Demontage bedrohten industriellen Anla ­ gen zu erhalten, um nicht Tausende von Familienvätern der Dauerarbeitslosigkeit auszuliefern. Kein Saarländer konnte nach Frankreich arbeiten gehen, da die Schrecken des Krieges und das Erleben unseres Nachbarvolkes während der jah ­ relangen Besetzung noch in zu frischer Erinnerung war. In den östlichen Grenz ­ gebieten Rheinland-Pfalz und ganz West ­ deutschlands waren dieselben Zustände, Millionen Arbeitslose, Millionen Flücht ­ linge aus dem Osten, der Verlust der größ ­ ten Agrargebiete, zum Himmel schreien ­ der Notzustand, ließen uns jede Hoffnung sinken, daselbst Brot und Arbeit zu fin ­ den. Wir standen allein in unserer Not, wir mußten uns selbst helfen, aus eigener Kraft wieder aufbauen. Und wir haben wieder aufgebaut und nicht zuletzt ist es dem Fleiß und der Be ­ sonnenheit der Arbeitnehmerschaft, der Gewerkschaften zu danken, daß wir bis heute so weit gekommen sind. Mit dem wirtschaftlichen Anschluß des Saarkmdes an das französische Wirtschaftsgebiet und der politischen Selbständigkeit des Saarlandes wurde die zweite Etappe der positiven politischen Wiederaufrichtung und des wirtschaftlichen Wiederaufbaus eingeleitet. Befreit von den einengenden Bestimmungen des interalliierten Kontroll ­ rates waren wir in der Lage, entsprechend den vorhandenen Produktionsstätten und den Bedürfnissen der Wirtschaft wieder produzieren zu können, uns wieder satt zu essen, die notwendigsten, jahrelang entbehrten Bedarfsartikel, sei es Wäsche, Kleidung, Schuhe usw., wieder an zu Sch af ­ fen, und wir konnten endlich daran den ­ ken, unsere zerstörten und ausgeplünder ­ ten Krankenhäuser wieder aufzubauen, die Einrichtungen wieder zu beschaffen, wir konnten hoffen, auch aus den Trüm ­ mern unserer Wohnhäuser wieder Woh ­ nungen erstehen zu lassen. So begrüßens- und anerkennenswert di;e sichtbare wirtschaftliche . Aufwärtsent ­ wicklung war, die völlige Umstellung der saarländischen Wirtschaft auf den fran ­ zösischen Markt vollzog sich nicht ohne Reibungen, und es war nicht zuletzt der schaffende Mensch, der unter diesen Ver ­ hältnissen zu leiden hatte. Es galt, den provisorischen wirtschaftlichen Zustand zu fundamentieren und die politische Au ­ tonomie zu vervollkommnen. Ausgehend von dieser Tatsache und der Hoffnung, daß wir auch einmal noch den Tgg des Friedensschlusses, den Abschluß eines Friedensvertrages, bei dem auch die Saarverhältnisse politischer und wirt ­ schaftlicher Art endgültig geregelt wer ­ den, erleben, wurden nun in Paris Ver ­ träge abgeschlossen, die so lange Gül ­ tigkeit haben, bis der Friedensvertrag in Kraft tritt. - • Was bringen uns diese Verträge? Eine endgültige Beseitigung der noch vorhandenen Verordnungen der Militärre ­ gierung, an Stelle des Hohen Kommissa ­ riats eine diplomatische Vertretung der französischen Regierung im Saarland, zu- g’e ch aber auch eine diplomatische Ver ­ tretung des Saarlandes in Paris. Die vor ­ gesehenen konsularischen Vertretungen bei den französischen Konsulaten in den Ländern, bei denen wir wirtschaftliche In ­ teressen in größerem Ausmaß wahrzuneh- ms;i haben sowie die Mitarbeit bei künf ­ tig ab' uschließenden Außenharidelsverträ- gen sind langjährige, endlich in Erfüllung gegangene Forderungen, die bei dem Ex- portcharakter der saarländischen Indu ­ strie für die künftige Vollbeschäftigung derselben von größter Bedeutung sind. Die in der Wirtschaftskonvention fest ­ ere egte G’eichsie.lung deT saarländischen Wirtschaft und der saarländischen indu- s!r el’en Erzeugnisse, die in der Niederlas- sungskoüventicn verankerten Bestimmun ­ gen, daß die saarländischen Geschäfts ­ leute und die saarländische Arbeitneh ­ merschaft wirtschaftlich und beruflich in Frankreich künftig nicht mehr als Aus ­ länder behandelt werden, die Sicherstel ­ lung der Löhne und Gehälter in gleicher Höhe wie die in den französischen Wirt ­ schaftsgruppen zur Auszahlung kommen ­ den und die Gewähr der Sicherung der sozialen Belange der gesamten Arbeit ­ nehmerschaft sind Erfolge, die durch die Konventionen in Zukunft vertraglich ge ­ regelt sind und nicht mehr der Willkür einzelner überlassen bleiben. Um so bedauerlicher ist es, wenn nach Kenntnisnahme des Inhalts der einzelnen Konventionen, die ohne weiteres einer sachlichen Kritik unterzogen werden sol ­ len, an Stelle dieser Kritik eine Diffamie ­ rung von Personen Platz greift, die aus den unglücklichsten Jahren'1933-34 die un ­ angenehmsten Erinnerungen wachruft. Diese Vorgänge, bewußt heraufbe ­ schworen von außerhalb der Gewerk ­ schaftsbewegung stehenden Gruppen, er ­ schüttern nicht bloß in ihren Grundfesten unsere in fünfjähriger mühsamer Arbeit aufgebaute Gewerkschaftsbewegung, son ­ dern fügen uns schwersten Schaden zu im Kampf gegen das Unternehmertum bei der Schaffung besserer sozialer und wirt ­ schaftlicher Verhältnisse der Arbeitneh ­ merschaft. Um was ging es denn den Vertretern der Gewerkschaften bei der Mitberatung am Verhandlungstisch in Paris? Ihre einzige Aufgabe bestand darin, al ­ les zu tun, ihren ganzen Einfluß geltend zu machen, um für die 270 000 Menschen, die in der Saarwirtschaft tätig, sind, bei den zur Verhandlung stehenden Konven ­ tionen ihre Rechte zu wahren, ihre wirt ­ schaftlichen und sozialen Belange für die Zukunft zu sichern. Dazu gehörte, um eine den saarländi ­ schen Menschen gerecht werdende Ge ­ setzgebung durchzuführen, zuerst die Klarstellung der Machtbefugnisse des Vertreters Frankreichs und die Erweite ­ rung und Verbesserung der Hoheitsrechte der Regierung des Saarlandes. Wenn nun in der politischen Konvention dieser Zu ­ stand geschaffen wurde, ergibt sich dar ­ aus, daß über die Eigentumsrechte, so ­ weit ehemalige Staatsbauten, Kasernen auf saarländischem Boden stehen, keine Meinungsverschiedenheiten mehr vorhan ­ den sind. Es ergibt sich weiter daraus, daß die Frage der Sequesterbetriebe recht bald und in unserem Sinne gelöst werden kann. So klar und rasch, wie die Frage des Eigentums der Saarbahnen und die Verankerung der Rechte der Arbeiter, An ­ gestellten u. Beamten der Saareisenbahn in der Konvention ihren Niederschlag fan ­ den, so schwer war das Ringen bei den (Fortsetzung Seite 2) Eüder zu den Pariser 45aarverhaadlungen Ministerpräsident Johannes Hoffmann und der franz. Außenminister Robert Schuman bei Unterzeichnung der Konventionen. Arbeitsminister Richard Kirn, dahinter der Vorsitzende des L V. Eisenbahn. Eduard Weiter und der Präsident der Einheitsgewerkschaft Heinrich Wacker. Beschluß des Gewerkschafts - Ausschusses Bericht des Kollegen Wacker - Aussprache - Vertrauensvotum für den Präsidenten Der Gewerkschaftsausschuß war für den 9. 3. 1950 zu einer Dringlichkeitssifzung einberufen worden. Einziger Punkt der Tagesordnung waren die Pariser Ver ­ handlungen. Die Ausführungen, die Kollege Wak- ker zu-diesem Thema machte, vermittel ­ ten ein Gesamtbild der wochenlangen Kämpfe um die Gestaltung der Konven ­ tionen. Sie gaben einen lebendigen Ein ­ druck von den zahlreichen Auseinander ­ setzungen, die geführt wurden, um den saarländischen Standpunkt und vor al ­ lem dem Standpunkt de» Werktätigen im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten, aber auch der unbestrittenen Gleichbe ­ rechtigung zur Geltung zu bringen. Der Redner betonte, es habe nie in Paris zur Debatte gestanden, ein Diktat entge ­ genzunehmen. Kollege Wacker schilderte einige we ­ sentliche Ergebnisse der Pariser Ver ­ handlungen und kam dann auf die be ­ sonderen Schwierigkeiten und Anstren ­ gungen zu sprechen, die sich für die Ver ­ handlungen ergaben, als die Vertreter des I. V.-Bergbau erklärten, nur von ihrem Entwurf ausgehen zu wollen. Im weiteren Verlauf wies Kollege Wacker energisch die gegen ihn von verschiedenen Kol ­ legen des I. V.-Bergbau erhobenen An ­ griffe und die Hetze als unfair und un ­ berechtigt zurück. In namentlicher Abstimmung wurde mit großer Mehrheit hierauf vann Ge ­ werkschaftsausschuß dem Kollegen Wak- ker das Vertrauen ausgesprochen und folgende Entschließung angenommen: • „Der Gewerkschaftsausschuß der Ein ­ heitsgewerkschaft hat in einer am 9. März 1950 stattgefundenen Sitzung den Bericht des Kollegen Wacker über die Lahneihöhung im Saarhergbau Kurz vor Redaktionsschluß verlautet: Nachdem soeben für die französischen Bergarbeiter eine Lohnerhöhung bewilligt worden ist, wird mitgeteilt, daß auch für den Saarbergbau eine entsprechende Lohnerhöhung festgesetzt wird. Die Lohn ­ erhöhung beträgt durchschnittlich 5,25 Prozent. Sie wild von. dem gleichen Zeit ­ punkt an gewährt wie in Frankreich. Die Durchführung der Erhöhung wird sich nach bestimmten Modalitäten richten. Zu dieser Lohnerhöhung wird fesfge- stellt, daß sie auf dem Prinzip der Lohn- gleichheit zwischen Frankreich und dem Saarland beruht, das im Bergbaustat verankert »st. Die saarländische Wirt ­ schaftskonvention bestimmt, daß die saar ­ ländischen Löhne den französischen an ­ gepaßt sein müssen. Weiter verlautet, daß amgestrebt wird, die Regelmäßigkeitsprämie im Lohn mit zu berücksichtigen. Hierzu ist jedoch eine Abänderung des jetzigen Beigbaustatus erforderlich. in Paris stattgefundenen Verhandlungen entgegengenommen. Der Gewerkschaftsausschuß spricht dem Kollegen Wacker für seine geleistete Arbeit seinen Dank und sein Vertrauen aus. Der Gewerkschaftsausschuß wird nach endgültiger Kenntnisnahme des Inhalts der einzelnen Konventionen dieselben einer eingehenden Prüfung unterziehen und dem Landtag sowie der Regierung das Ergebnis seiner Stellungnahme mit- teiien.“ Zuvor hatte Koll. Aloys Schmitt den Standpunkt des I. V.-Bergbau zu den: Pariser Verhandlungen dargelegt. Er ver ­ las das für die Verhandlungen in Paris vom I. V.-Bergbau ausgearbeitete Me ­ morandum und gab für die Abreise der Delegierten des I. V.-Bergbau eine Be ­ gründung ab, in der es u. a. hieß, da man. gesehen habe, daß der Entwurf des I. V.-Bergbau unberücksichlig bleibe, sei ein weiteres Verbleiben in Paris zweck ­ los gewesen. Koll. Schmitt, schloß mit der Feststellung, der I. V.-Bergbau werde zur Bergbaukonvention später noch ein ­ gehend Stellung nehmen. ‘ Der Sprecher des I. V.-Eisenbahn, Kol ­ lege Vade rs betonte u. a.: ,,Der I. V.- Eisenbahn befindet sich in einer ange ­ nehmeren Situation als der I. V.-Berg ­ bau, weil wir die Kollegen Wacker und Weiter über das, was wir erhofften, rechtzeitig informierten, ihnen jedoch für die Verhandlungen freie Hand ließen in dem Vertrauen, daß sie alles herausho ­ len, was heraus zuholeii ist. Und die Kol ­ legen haben auch das Vertrauen gerecht ­ fertigt und getan, was menschenmöglich: war, und wir sind über das Resultat, wenn es auch nicht 100^/oig unsere Wünsche erfüllt, befriedigt.“ JHi IflllllllllHllMlUilllllinilllJHIHUIMHtliliniflWIHirHiniHnHIllllIlIIllliUlllllHIJ i!!i m Aus dem Jnhah: Die Stimme der Verbände Der junge Gewerkschaftler Die Verordnung über Zulage an Lohn- und Gehaltsempfänger Erfolgreiche Lcimverhandlungen des I.-V, Eisenbahn Die soziale Sicherheit Briefkasten Die Arbeitsmarktlage im Februar Post aus dem Ausland Die Theatergemeinde teilt mit Zur Verordnung über die Zulage an Loh»» und Gehaltsempfänger Bmmmiiiii5!iimiiiiniiiniiniitiMiinmiH!niiiiiiiiiniiiimiumiiHiniimiii!»intHurt*i»