(¿Bernden Л/л^елЫМш Verlag und Redaktion: Saarbrücken, Brauer* Straße 6—8, Fernruf Nr. 2 62 20. — Bankkonto: Kreißsparkasee Saarbrücken Konto-Nummer 6700. Erscheint zunächst einmal monatlich. Für Gewerkschaftler frei. Verkaufspreis für Nicht-Gewerkschaftler 0,25 Mark. —* — Postabonnement 0,75 Mark, vierteljährlich. — —* 2. Jahrgang Juli 1947 Nummer 7 Die soziale Neuordnung Von Josef Delheid Krieg und Nazismus haben uns auch auf dem sozialen Gebiete enorme Trümmer hinlerlassen. Zertrümmert liegt die kapitalistische Wirtschafts- ordnung. Zerschlagen liegen die frü- heren Rieht ungsgewerkschaften, die Hauptträger des sozialen Lebens, um heute pur diese beiden Faktoren horauszugreifen. Mit der sozialen Neuordnung muß es uns genau so ernst sein, wie mit der politischen. Beide dürfen nicht verfälscht oder mißbraucht werden. 1918 und was nachher kam, muß uns eine Lehre sein nach der sozialen und politischen Seite hin. Sonder- interessen, und mögen sie noch so geschickt getarnt aus irgend einem Lager kommen, sind zu bekämpfen. Es gilt eine Volksordnung zu er- streben, die dem natürlichen Recht des Menschen und seiner sittlichen Würde entspricht. Hierbei fällt der sozialen Neuordnung die Hauptauf- gabe zu. Das soziale Problem von heute ist nicht mehr nur eine Frage des Lohnes oder der Arbeitszeit, des Arbeitsrechtes oder der Sozialver- versicherung. Sie ist längst ange- wachsen zu der Frage; Gelingt es unserer v Generation eine Volksord- nung zu schaffen, in der nicht mehr diktatorische Gewalt und Besitz re- giert. sondern mitbestimmendes Ver- trauen und Können das Gemein- schaftsleben des Volkes und der Vol- ker ordnet? Von dieser Plattform aus muß auch die neue Wirtschaftsordnung ange- packt werden, die glicht zu umgehen ist. Die kapitalistische Wirtschafts- ordnung gehört der Vergangenheit an. Sie hat nicht nur Negatives zu verzeichnen. Die industrielle deut- sche Entwicklung ist ihr Verdienst. Das ist nicht zm leugnen. Sie trat nur unter einem Gesetz an, das weit- blickende Gewerkschaftler und So- zialpolitiker schon lange als falsch bezeichnet hatten, nämlich von An- gebot und Nachfrage und dem freien Spiel der Kräfte, wobei dem Staat die sogenannte Nachtwächterrolle zugeschoben wurde. Der Arbeiter war nur Objekt und wurde zur Ware degradiert. Die Vormachtstellung in der Wirtschaft wurde auch auf das politische Gebiet übertragen. Diese einseitige Herrschaft belastete dann auch den Staat und riß letzten Endes beide, Staat und Wirtschaft, in den Abgrund. Im Mittelpunkt der Ueberlogungen für die Neuordnung der Wirtschaft steht das Problem der Sozialisierung. Ein Problem, das schon sehr oft die Gemüter bewegte und in seinem sachlichen Inhalt die . SozialgestaL tung der Wirtschaft zum Ziele hat. Hierbei geht es also nicht um eine parteipolitische, sondern um eine wirtschaftliche — und gesellschafts- politische Frage, die das System und die Ordnung behandelt, wie die Wirtschaft der Zukunft -betrieben werden soll.. Es kann aber nicht der Sozfialisierung wegen sozialisiert wer- den. Verluste und Trümmer lassen sich sowieso schlecht sozialisieren. Die Sozialisierung wird auch von heute auf morgen nicht mehr zu essen geben oder im kommenden Win- ter uns nicht weniger frieren las- sen. Auch der sozialisierte Betrieb kann nicht auf eine Gewinnerzielung verzichteh. Vielmehr geht es darum, daß eine Wirtschaftsordnung geschaffen wird, die die Schäden der Vergangenheit ausmerzt, die dem Verlangen nach sozialer Demokratie gerecht wird, die die persönliche Freiheit in Be- trieb und Wirtschaft garantiert und damit dem Menschen und dem Volke nützt. Jeder Schritt, der hier getan wird, muß grundsätzlich überlegt, jede Maßnahme wohl durchdacht sein. Werden wir. uns zunächst ohne jeg- lichen Hintergedanken über das Ziel einig, dann werden wir auch den Weg zu diesem Ziele finden. Viel- leicht werden wir auch in manchem Wirtschaftszweige das Ziel erst auf Umwegen erreichen, sei es auf dem Wege der Genossenschaft, der Ver- staatlichung, vielleicht auch in einer gemischt wirtschaftlichen Form von Gemeinde-, Staats- und Privatinitia- tive. Daß es sich bei der Sozialisierung in erster Linie nur um den monopo- lisierten Großbetrieb handelt und kein vernünftiger Mensch daran denkt, das Eigentum der Mittel- und Kleinbetriebe anzutasten, ver- steht stell- von selbst. Wir werden zum Wohle der Menschheit das Rich- tige finden, wenn wir uns von allem Doktrinären freihalten. Tun wir das nicht, dann begeben wir uns auf den Weg zum wirtschaftlichen Ruin. Die 4)er 14. QilLL umxL wir Die Vcrwaltungskntmnission des Saarlandes hat mit Genehmigung des Herrn Gouverneurs und im Einvernehmen mit der Einheits- gewerkschaft und den politischen Parteien durch besondere Ver- ordnung den 14. Juli zum gesetzlichen und bezahlten Feiertag erklärt. . * Wir begrüßen diesen Schritt mit aufrichtiger Freude, denn er entspricht nicht allein dem Wunsche aller Werktätigen an der Saar, er bedeutet zugleich das Bekenntnis zu einer großen Idee, die durch das Ölut und die Opfer der französischen Revolution dem Leben der Völker dieser Erde einen neuen Sinn gegeben hat. In dem Sturm auf die Bastille versank eine Zeit, die über Janr- hunderte hinweg den Menschen das natürliche Recht der persön- lichen Freiheit vorenthielt und im dynastischen Absolutismus und in der knechtischen Leibeigenschaft ihren sinnfälligsten Ausdruck fand. Solchermaßen ist der 14. Juli im Gedenken an die Überwinder des Feudalismus der Beginn einer neuen Geschichtsepoche, die in Frankreich ihren Ausgang nahm und allen Nationen der Welt die hohen sittlichen Werte menschlichen Daseins erschloß: Freiheit des Individuums, Gleichheit vor dem Gesetz und Brüderlichkeit in der Gemeinschaft aller Menschen. Schon um dieser großen geschichtlichen Bedeutung wegen Ist der Nationalfeiertag der Franzosen ein Feiertag der Menschheit selbst, Wir wollen nicht darüber rechten, warum es bislang unterblieb, ihn in aller Welt mit der gleichen Begeisterung und mit der gleichen verpflichtenden Erkenntnis seiner historischen Bedeutung zu feiern. Umsomehr freuen wir uns, daß es unser kleines Saarland ist, das sich zu dieser geschichtlichen Verpflichtung bekannt hat und den 14. Juli auch zu seinem Feiertag erklärt. Schon einmal empfing Europa und die Welt von Frankreich die Kräfte der Erneuerung, schlugen französische Revolutionäre ihr Leben in die Schanze für Freiheit und Recht. Zum ersten Mal feiern wir Saarländer den 14. Juli als gesetzlichen Feiertag gemein- sam mit unserem großen Nachbarn. Wir tun das als Menschen, die in Freiheit und Menschenrecht die höchsten Güter dieser Erde verehren, wir tun es aber auch in der Gewißheit, daß der Geist von 1789 nicht tot ist, sondern daß seine fortzeugende Kraft uns helfen wird, allen Völkern unseres alten Kontinents ein neues Leben zu bauen. Sozialisierung allein wird auch nicht die Lösung der erstrebten sozialen Wirtschaftsordnung sein, kann höch- stens die Entwicklung zu Ihr etn- leiten. Nur dann, wenn es uns gelingt, die Sozialisierung als reine Staats- wirtschaft oder auch als einseitig staätsabhängige Planwirtschaft zu vermeiden und wenn wir fähig sind, eigenständige Formen einer demo- kratisch geführten Gemeinwirtschaft zu schaffen, wird uns die Möglich- keit verbleiben, dem werktätigen Volke eine echte demokratische Mit- bestimmung zu sichern, aus der sich dann die neuen Formen des Mitbe- sitzes entwickeln können. Es kommt darauf an, ddß auch der Arbeitneh- mer selber als freier Wirtschafts- bürger und als verantwortliche Per- son mitbeteiligt wird.. Der persön- liche Faktor im arbeitenden Men- schen darf auch nicht übersehen werden. Das persönliche Recht de- mokratischer Mitbestimmung hat für alle Betriebe zu gellen, nicht nur für jene die aus monopolistischen Grün- den in eine gemeinschaftliche Form zu überführen sind. Ein moderner Betrieb ist nun einmal kein pa- triarchalisches Familienunternchmen mehr, sondern seiner ganzen Struk- tur nach eine öffentliche Volkssache. Volks.sache sage ich und nicht Staatssache. Volk und Staat müssen zu einer harmonischen Einheit ge- bracht werden. Das ist die Hauptauf- gabe der Zukunft. Die demokratische Wirtschaftsver- fassung geht von dom Gedanken aus, daß eine Gesamtlenkung der Wirt- schaft notwendig ist. Die Form, die sie dafür bereit hat. ist aber nicht eine zentralisierte Staatsapparate, sondern eine Fülle von echten Selbst- verwalfungskörpersehaften, in denen Arbeitnehmer und Konsumenten auf freier Basis zum Wohle des ganzen Volkes solidarisch Zusammenarbei- ten. Ob das Ziel nun auf dem Wege über Industrie-, Handels-, Hand- werks- oder Wirt schaf tskammem erreicht wird, muß der Zukunft überlassen bleiben. Wir stehen vor großen Entschei- dungen. Je nachdem, wie die Sozia- lisierungsfrage gelöst wird, ob im Sinne von Verstaatlichung und staatsbürokratischer Leitung oder im Sinne von wirtschaftlicher Demo- kratie und wahrer Gemeinschaft, entscheidet sich das soziale und po- litische Leben unserer Zukunft. Aus dem sozialen und wirtschaftlichen Chaos muß die soziale Neuordnung entstehen. Das Aufgabengebiet der Gewerk- schaften wird sich bei dieser neuen wirtschaftlichen Entwicklung auch verändern. Die früheren Fronten, Kapital und Arbeit, gehen nun in- einander über. Die Vertreter des